Nachgeforscht: Japanische Geschichten

Alles, was nicht in ein anderes Forum gehört: Hier rein
Forumsregeln
Datenschutzerklärung: https://www.gamespodcast.de/datenschutzerklaerung/
Impressum: https://www.gamespodcast.de/impressum/

Forenregeln und zukünftige Weltverfassung
ART 1: Behandle andere Nutzer mit Respekt.
ART 2: Do NOT piss off the Podcasters

Lies bitte weitere Hinweise hier: viewtopic.php?f=4&t=2789
Benutzeravatar
Stew_TM
Beiträge: 282
Registriert: 13. Jul 2016, 01:01

Re: Nachgeforscht: Japanische Geschichten

Beitrag von Stew_TM »

Tolle Folge, wie alle dieses Formats und besonders dieser speziellen Reihe innerhalb von Nachgeforscht.

Ich denke seit einiger Zeit darüber nach, aus welchen Gründen japanische Erzählungen auf mich anders wirken als hiesige - und was mich daran im Speziellen fasziniert. Eine wichtige Rolle spielt dabei definitiv die für mich neuartigen Settings. Aber bereits vor dem Cast hatte ich identifiziert, dass Anime, Filme oder Videospiele aus Japan sich häufig für mich unvorhersehbar erzählen. Ich bin bzw. war mir aber unsicher, ob es sich dabei nicht nur auf einen vorübergehenden Effekt handelt (aufgrund eines geringeren Grads an Auseinandersetzung und Durchdringung der Erzählstrukturen wie mit westlichen Erzählungen), der sich irgendwann abnutzt bzw. verflüchtigt. So wie es bei den Settings mitunter schon der Fall ist, da man selbst in den abgefahrensten Anime-Prämissen dann eben doch schnell ein Muster erkennt :lol:. In diesem Cast habe ich aber nun gelernt, dass Elemente wie etwa die Verschleierung des "wahren" Konflikts sehr wohl ein bewusstes Stilmittel japanischer Erzählungen sind.

Meine erste Intuition bei den beiden Geschichten war daher übrigens auch, dass die erste der japanischen Erzählstruktur folgt (auch wenn ich mir wie Andre dann doch etwas weniger sicher war, nachdem ich die zweite gehört habe :D). Für mich war der ausschlaggebende Faktor: In der ersten Geschichte werden die Informationen erst dann gegeben werden, wenn sie für den Rezipienten wirklich relevant werden. Vorher bleibt vieles im Unklaren, was die Geschichte für mich im ersten Moment fast schon mystisch und auch etwas beunruhigend werden ließ. Als die Lichter des zweiten Autos beschrieben wurden, dachte ich zunächst sogar an ein übernatürliches Element.

Diese sehr bewusste Reduzierung erzeugt eine Form von Spannung, welche die Faszination an entsprechenden Erzählungen für mich ausmacht. Natürlich werden auch in "westlichen" Erzählungen Dinge ausgelassen, falsche Spuren gelegt, Nebelkerzen gezündet. Aber häufig werden die Plottwists mit riesigen Neon-Werbeschildern telegraphiert. In japanischen Geschichten bleiben auch viel grundlegendere Elemente länger unerwähnt - was aus Sicht der Charaktere innerhalb dieser Erzählungen des öfteren gerne auch mal überhaupt gar keinen Sinn ergibt. Der Mann aus der Geschichte weiß natürlich, dass es sich um einen simplen Weihnachtsbesuch bei seinen Eltern handelt, und es gäbe auch keinen Anlass, das irgendwem zu verschweigen, sollte er danach fragen. Es wird ausschließlich dem Rezipienten verschwiegen. Während es In-Charakter in dieser Erzählung also keinerlei Spannung gibt, ist der Autor durch seine Reduzierung hier in einer verhältnismäßig prominenten Rolle.
Bei der frontalgeladenen zweiten Geschichte sind wir als Rezipienten auf einem gleichwertigen Kenntnissstand wie die Charaktere. Daher kann sich hier keine intrinsische Spannung ergeben. Also wird das - selbst innerhalb der Geschichte extrinische - Konfliktelement des Wettrennens eingebracht. Jetzt erklärt sich für mich auch, warum Konflikte in "westlichen" Erzählungen auf mich gerne mal arbiträr wirken.

Da Mein Nachbar Totoro im Cast genannt wurde, muss ich nochmal kurz erwähnen, wie großartig ich diesen Film finde, seitdem ich ihn vor einiger Zeit gesehen habe. Und er ist - neben vielen anderen Elementen - wirklich ein tolles Beispiel für kishôtenketsu. Als dann (zu Beginn des 2. Akts, wie ich nun einschätzen würde :) ) die Krankheit der Mutter thematisiert wird, ziehen sofort metaphorische unheilvolle dunkle Wolken über das idyllische Landleben auf. Besonders vor dem Hintergrund meiner Sozialisierung mit hiesigen Erzählungen hatte ich dieses Element ab diesem Punkt stets im Hinterkopf und regelrecht Angst vor der Auflösung. Im weiteren gibt es dann noch mehrere Eskalationsstufen (besonders zu Beginn des 3. Akts), die mich atemlos in den Bann des Films zogen - ich erwartete das schlimmste. Und dann die "Auflösung". Fantastisch, wie dieser Film mit meinen Gefühlen spielt.
Antworten