Psychische Erkrankungen in Spielen

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bloody_mary
Beiträge: 6
Registriert: 17. Mär 2018, 20:10

Psychische Erkrankungen in Spielen

Beitrag von bloody_mary »

Im Mailbag-Thread gibt es folgenden Beitrag von Lars Rühmann, der mich endlich zu einer Anmeldung im weltbesten Spieleforum - die eh lange überfällig ist - animiert hat:
Ich hätt' da mal 'ne Frage, wie das Thema psychische Erkrankungen in Spielen verarbeitet wird, bzw. ob es vielleicht besser verarbeitet werden könnte:

Viele psychische Krankheitsbilder werden mittlerweile zumindest auf narrativer Ebene in Spielen eingebettet- etwa Depressionen bei "The Cat Lady" oder paranoide Schizophrenie bei "Hellblade"- das ich leider noch immer nicht selbst gespielt hab- und sonst gern auch in stark überzeichneter, betont unrealistischer oder überdrehter Form, etwa wenn der Protagonist aus Eternal Darkness in Wahn verfällt und dabei die vierte Wand bricht.
Leider wird das Motiv der psychischen Erkrankung in meinen Augen zwar häufiger in der Narration verarbeitet und auf Sound- und Bildebene unterstützt, selten jedoch zum Gegenstand (oder Ausgangspunkt) der Spielmechanik, also dem Kern des >>Spiels<< selbst.

Ist sowas möglich? Oder gibt es das schon und fallen euch Beispiele ein? Seht ihr sonst beim Medium Spiel eine Chance, so etwas überhaupt zu versuchen?

Mir ist klar, dass der Weg über die Narrative hier der easy way ist: Weil solche Krankheitsbilder mit einem höchst subjektiv veränderten Erleben und Empfinden einhergehen, können sie für Außenstehende auf künstlerischer Ebene natürlich nur sehr begrenzt, höchstens ausschnitthaft dargestellt werden. Gerade Psychosen sind in ihren Symptomen ja auch äußerst vielfältig und schwer unter einen Hut zu bringen.
Ich vermute, dass ein Spiel so etwas nicht effektiver abbilden können wird als etwa ein Gemälde oder ein Musikstück. Außerdem ist eine Erkrankung ja auch normalerweise mit einem Kontrollverlust der Betroffenen verbunden- was sich mit Spielen als Medium, in dem Kontrolle meist eine große Rolle spielt, natürlich etwas beißt. Trotzdem fänd' ich einen entsprechenden Ansatz halt mal extrem spannend.

Habt ihr hierzu einen oder zwei Gedanken?
Da im Mailbag-Thread ja nicht geantwortet werden soll, ich das Thema aber auch interessant finde und vor allem auch glaube, ein passendes Beispiel zu kennen, habe ich mir erlaubt, Lars' Beitrag zu kopieren. Ich hoffe, das ist in Ordnung... Wenn nicht, darf der Thread natürlich gerne auch wieder gelöscht werden, dann kann ich Lars ja auch eine PN schreiben.

Mir kam nämlich sofort "Fran Bow" in den Sinn, ein Indie-Point&Click-Adventure, in dem ein durch die Ermordung schwer traumatisiertes kleines Mädchen, die namensgebende Fran Bow, die Hauptrolle spielt. Ein wichtiger Teil der Spielmechanik ist hier der Wechsel in eine Art Parallelwelt. Die Positionierung aller Gegenstände und Personen ist darin immer noch dieselbe, aber alles ist dann plötzlich düster, bedrohlich, blutig, verwesend, creepy. Viele Rätsel kann man nur durch den Wechsel zwischen den beiden Welten lösen, man kann den Zeitpunkt dafür nämlich selbst steuern. Fran hat also durch ihre psychologischen Probleme und Halluzinationen bzw. ihre Sicht auf die Welt nicht nur Nachteile, sondern kann das auch zu ihrem Vorteil nutzen (ähnlich, wie einen die Stimmen bei Hellblade wohl auch unterstützen, wenn ich die Reviews richtig verstanden habe).

Hier der Trailer für einen sehr guten Eindruck von der Machart: https://www.youtube.com/watch?v=cnfXW4JRLpc
Es ist entgegen des allerersten Eindrucks, den vielleicht die Grafik der "reellen Parallelwelt" macht, sicher kein Spiel für Kinder... Das wird klar, sobald erstmalig in die "Psychosen-Welt" geschaltet wird.

Ich kann das Spiel jedem empfehlen, den der Trailer oder die Prämisse prinzipiell anspricht; ich habe es selbst sehr gern gespielt, spiele aber auch gerne Point & Click und finde psychologische und philosophische Betrachtungen auch interessant. Ich könnte mir aber auch vorstellen, dass es ein Point&Click-Adventure der anderen Art ist, sodass es auch unseren Podcastern gefallen könnte, obwohl sie alle keine großen Fans des Genres sind. In Fran Bow wird aber eine interessante Geschichte erzählt, einiges meiner Ansicht nach etwas anders gemacht und die Möglichkeiten des Mediums gar nicht schlecht genutzt.

@ Lars Rühmann: Geht das in die Richtung, die du meinst?

@ André, Jochen und Sebastian: Mich würde eine Wertschätzung dieses Spiels übrigens extrem freuen! Besteht da eine Chance?

Viele Grüße,
Bloody Mary


EDIT: In diesem Interview erklären die beiden (ja, nur zwei!) Entwickler von Fran Bow noch mehr zum Spiel und seiner Entstehung: http://www.adventurecorner.de/pages/533 ... killmonday" onclick="window.open(this.href);return false;
Damit und mit dem Trailer bekommt ihr sicher insgesamt einen besseren Eindruck als durch meine ungelenken Beschreibungsversuche...

Lars Rühmann
Beiträge: 72
Registriert: 25. Mai 2017, 17:54
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Re: Psychische Erkrankungen in Spielen

Beitrag von Lars Rühmann »

Stimmt eigentlich, Fran Bow hatte ich dafür gar nicht auf dem Schirm. Mir geht es im Kern um die Möglichkeit, wie in Fran Bow per Mausklick zwischen verschiedenen Realitätsebenen zu springen- etwas, das in den beiden Alice- Spielen von American McGee z. B. nicht möglich war. Also durch Interaktion mit der Störung aktiv umzugehen und nicht nur von ihr über die Narration zu erfahren.

Man muss dazu natürlich sagen, dass Fran Bow ganz klar ein Horror- Adventure ist und es nicht drauf anlegt, Frans psychische Störung so zu erzählen, wie sie ein normaler Mensch durchleben würde. Vermute ich zumindest stark. Hoffe ich zumindest stark.

Mir fällt noch eins ein: Ich meine, es gab mal ein 2- Minuten- Textadventure über Depressionen, das Christian Huberts irgendwann mal auf Facebook vorgestellt hatte. Man hatte ein auf einem Stuhl sitzendes Strichmännchen als Standbild und konnte verschiedene mögliche Aktionen anwählen- so etwas wie "Geh aus dem Haus" oder "Ruf jemanden an". Die Rückmeldung war dann in allen Fällen: "Es geht nicht."
Ich weiß aber wirklich nicht, ob ich das noch richtig zusammenkriege. Oder wie das hieß.

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Heretic
Beiträge: 3037
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Re: Psychische Erkrankungen in Spielen

Beitrag von Heretic »

Mir fällt da spontan noch "Depression Quest" ein. Hab' ich selbst aber nie gespielt. Muss ich mal nachholen.

http://www.depressionquest.com/" onclick="window.open(this.href);return false;

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Dostoyesque
The Half-Banned
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Re: Psychische Erkrankungen in Spielen

Beitrag von Dostoyesque »

Die guten Silent Hill Teile (also 1-3) spielen extrem stark mit posttraumatischen Belastungsstörungen u.ä. Fantastisches Theming und fantastische Symbolik, im Medium unerreicht. Ein Jammer, dass die Serie ein relativ hässliches Ende fand. Silent Hilll 2 ist immer noch in vielerlei Hinsicht der heilige Gral des Mediums, auch wenn das puzzle design sehr unbeholfen und frustrierend ist. Zumindest hat man noch verhindern können, dass Kojima mit seinem failed filmmaker Komplex die Serie komplett durch den Dreck zieht. Phew.
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Veldrin
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Re: Psychische Erkrankungen in Spielen

Beitrag von Veldrin »

Fran Bow ist für mich ein Meisterwerk. An dem müssen sich alle anderen Point-and-Click-Adventures messen lassen. Ich bin eigentlich nicht so der Überfan von Point-and-Click-Adventures gewesen. Aber durch das ordentliche Edna bricht aus, das richtig gute Harveys neue Augen und das überragende Fran Bow bin ich auf den Geschmack gekommen.

Nach dem so vielfach hochgelobten Day of the Tentacles musste ich aber erstmal in eine Therapie um meine nun aufgetretene Aversion gegenüber Point-and-Click-Abenteuern wieder zu kurieren. Ich weiß, es ist Kult, aber ich fand das Spiel in fast jeglicher Hinsicht überbewertet und teilweise auch sehr schlecht. Das einzige was ich lustig oder erinnerüngswürdig fand war irgendwas bei Washington oder Jefferson. Weiß aber nicht mehr was. Aber ansonsten war da nicht viel, vllt. noch ein zwei Sachen und ansonsten nur „Schenkelklopfer“, extrem weit hergeholte Rätsel und Fremdschäm.

Nach dem halbwegs ordentlichen Broken Age (Im Raumschiff meh, außerhalb toll) fühle ich mich auch fast wieder genesen.

Aber Fran Bow. Perfekt. Wer es nicht kennt. Einfach mal spielen. Es ist definitiv zauberhaft! Allein schon das Artdesign und die Dialoge. <3

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LegendaryAndre
Beiträge: 797
Registriert: 19. Feb 2017, 09:06
Wohnort: Graz

Re: Psychische Erkrankungen in Spielen

Beitrag von LegendaryAndre »

bloody_mary hat geschrieben:
17. Mär 2018, 20:36
Mir kam nämlich sofort "Fran Bow" in den Sinn, ein Indie-Point&Click-Adventure, in dem ein durch die Ermordung schwer traumatisiertes kleines Mädchen, die namensgebende Fran Bow, die Hauptrolle spielt. Ein wichtiger Teil der Spielmechanik ist hier der Wechsel in eine Art Parallelwelt. Die Positionierung aller Gegenstände und Personen ist darin immer noch dieselbe, aber alles ist dann plötzlich düster, bedrohlich, blutig, verwesend, creepy. Viele Rätsel kann man nur durch den Wechsel zwischen den beiden Welten lösen, man kann den Zeitpunkt dafür nämlich selbst steuern. Fran hat also durch ihre psychologischen Probleme und Halluzinationen bzw. ihre Sicht auf die Welt nicht nur Nachteile, sondern kann das auch zu ihrem Vorteil nutzen (ähnlich, wie einen die Stimmen bei Hellblade wohl auch unterstützen, wenn ich die Reviews richtig verstanden habe).

Hier der Trailer für einen sehr guten Eindruck von der Machart: https://www.youtube.com/watch?v=cnfXW4JRLpc
Ein Spiel das ich überhaupt nicht auf dem Radar hatte und wohl nachholen muss! Danke für den (indirekten) Tipp! Die Beschreibung klingt sehr interessant!

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Heretic
Beiträge: 3037
Registriert: 20. Mai 2016, 13:30

Re: Psychische Erkrankungen in Spielen

Beitrag von Heretic »

Ebenfalls sehr empfehlenswert und aktuell für ca. 2 € im Steamsale zu kriegen: The Cat Lady. Nicht von der Grafik abschrecken lassen, da gewöhnt man sich schnell dran.

Kingslayer
Beiträge: 146
Registriert: 7. Jan 2016, 20:25

Re: Psychische Erkrankungen in Spielen

Beitrag von Kingslayer »

Empfehlenswert finde ich Mass Effect 3 und 4, aber eher als Fallstudie wie Spiele denn selbst psychische Erkrankungen bei Spielern hervorrufen können. Auf der Meta-Ebene sehr interessant.

Lars Rühmann
Beiträge: 72
Registriert: 25. Mai 2017, 17:54
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Re: Psychische Erkrankungen in Spielen

Beitrag von Lars Rühmann »

Veldrin hat geschrieben:
19. Jun 2018, 15:27
Fran Bow ist für mich ein Meisterwerk. An dem müssen sich alle anderen Point-and-Click-Adventures messen lassen.
Puh, also da ist mein Empfinden ein ganz anderes. Das Art Design ist zugegebenermaßen wirklich toll, aber darüber hinaus bricht es mir an vielen Stellen einfach zu sehr auseinander... Die Dialoge sind teilweise leider ziemlich mau geschrieben- das fiel mir besonders in Ithersta wirklich störend auf. Mich störte auch das Ungleichgewicht zwischen zu Anfang noch extrem offensichtlicher und- ganz neutral gemeint- "vulgärer" Metaphorik bei Charakteren und Rätseln (Blut, Blut Blut! Abgehackte Köpfe! Psychiatrie!!) hin zu zunehmend wahllos wirkenden Designs im späteren Spielverlauf.

Die sind dann zugegebenermaßen interpretationsoffener und interessanter, und Sinn und Unsinn der ganzen Metaphorik und Symbolik zu entschlüsseln mag ganz klar einer der Hauptreize des Spiels sein- aber da liegt dann auch der Hund für mich begraben: Das macht mir halt einfach keinen Spaß, weil das Spiel eben nicht genug Tiefe bietet, als dass das auf Dauer irgendwie faszinierend oder interessant bleibt.

Fran Bow ist ein bisschen so, als hätte man Clive Barker "The Shining" in die Hand gedrückt und gesagt: "Schreib uns mal den zweiten Teil!"- Was rauskommt, wirkt dann halt erstmal alles irgendwie unheimlich und hat viel Effekt, bietet aber darüber hinaus nicht genug Fleisch, als dass es mir Spaß machen würde, mir darüber noch stundenlang den Kopf zu zerbrechen.

Klingt jetzt wahrscheinlich viel kritischer, als es gemeint ist. Es hat ein paar tolle Momente und ist sicher ungewöhnlich und interessant genug, dass man's mal mitnehmen kann- aber auf das Podest eines der "besten Point-and-Click- Adventures aller Zeiten" würde ich es nicht stellen. Nuff said.

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