Runde #235: Eine Verteidigung des Eskapismus

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Phazonis
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Re: Runde 235: Eskapismus

Beitrag von Phazonis »

Ich glaube es macht sehr wohl einen Unterschied wohin ich "eskapiere" und ich habe da schon länger einen Gedanken noch aus der Gewaltdebatte im Kopf.
Man erinnert sich ja an die Debatten und einer der Haupttitel war ja auch Doom, wo man jetzt sagen könnte es bietet dir einen Gewalteskapismus. Ich fand deshalb Doom nie verwerflich, weil ob nun bewusst oder unbewusst die so ziemlich maximal möglichen Schritte der Abstraktion gegangen worden. man kämpft als herosicher Supersoldat gegen Dämonen biblischer Art in einem Science Fantasy Setting. Man kann kaum noch abstrakter werden. Wo ich dann durchaus einen Kritikpunkt sehe ist eben mit all den Genrenachfolgern, die sich dasselbe Gameplay krallten und es in realistischere/ realere Settings packten. Denn wenn ich selbiges Gameplay plötzlich nutze um Terroristen oder auch wie in the Division unterschiedlich geratene Menschengruppen niederballere, dann tut es mir Leid, aber dann zieht dieses es ist doch nur Eskapismus nicht mehr.

Sobald du aus welchen Gründen auch immer mehr direkte Bezüge zu realen Welt einbaust, dann gehört diese Welt kritisiert und wenn ich dann: " Mach meinen schönen Eskapismus nicht kaputt!" höre, dann denke ich halt nö, wenn du in eine, wie real auch immer geartete, Welt ausweichst gehört diese kritisiert, wenn sie Rosinen pickt, denn man hätte das Werk ja genauso richtig in reine Fantasy packen können, wurde aber nicht gemacht. Das beste Beispiel ist ja Anno, denn es hat mehrere Sci-fi Teile, wo die Abstraktion höher ist, und was höre ich da dann als Kritik von Jochen? "Ja aber ich möchte halt meine Realidylle und die einfache Verständlichkeit der Warenkreisläufe haben." Dann sage ich halt ok, aber wenn du mehr Realität in deinem Spiel haben willst, dann nimm aber auch die unschönen Seiten der Realität mit.

Dort kann ich halt auch die Kritik am Eskapismus verstehen. Wenn wir von reinen Fantasiewelten klar lebt euren Eskapismus. Aber sobald da Annäherung an Realität mit rein kommt, schwingt halt zwangsläufig dieses "Ich mache mir die Welt/ Historie wie sie mir gefällt" mit und in diese Wunde darf gerne und oft reingestochert werden.

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Schlagerfreund
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Re: Runde 235: Eskapismus

Beitrag von Schlagerfreund »

Was mich an diesen Debatten auch oft stört, ist das es eigentlich nie wirklich den Vorwurf der Kritiker gibt der Marke:

Das darfst du so nicht machen und das musst du jetzt ändern.

Das ist eher der übliche Beißreflex, der dann oft auch ehrlich gesagt von Hunden kommt die bellen weil sie getroffen worden sind. Wie bereits gesagt. Ein Anno oder ein Division muss solche Kritik halt auch aushalten können.

Ansonsten höre ich mir gleich erstmal den Rest der Folge an.

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Axel
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Re: Runde 235: Eskapismus

Beitrag von Axel »

Soulaire hat geschrieben:
6. Okt 2019, 16:12
Würde ich nicht als Eskapismus bezeichnen...
Mein Punkt war: Sehr viele Revolutionen und soziale Errungenschaften entstammen daraus, dass man sich anfangs in eine Welt träumt, die besser ist als die herrschende. Eskapismus ist in dem Sinne also der Ausgangspunkt. Das kann man machmal gut gehen, wenn die Eskapismusfantasie eintritt.

Das kann aber auch fatale Folgen haben, wenn diese Fantasie ausbleibt. Siehe Nachwendezeit. Die Leute damals in der DDR haben geträumt: Das muss doch schön sein, ein Leben in Freiheit. Dieser Traum war so stark, dass die Leute sich nicht mehr nur damit begnügten nach der Arbeit in diese Fantasie zu flüchten, sondern dafür dann jeden Montag auf die Straße gingen. Dem ging aber durchaus eine mehrjährige Phase des Eskapismus voraus. Etwa durch das Westfernsehen, durch Westmusik auf DT64, das Programm auf Radio RIAS usw. Es gab damals ganz viele Menschen die wirklich dachten, in Westdeutschland wird so gelebt wie es in der Schwarzwaldklinik oder in der Lindenstraße gezeigt wurde. Und dieser Traum wurde so dermaßen stark ausgeprägt, dass dann hunderttausende auf die Straße gingen. Und umso heftiger wurde dann die Erkenntnis: Die Realität sieht doch anders aus.
„Kein Wunder also, dass wir uns den Debatten der Allgemeinheit anschließen und lieber darüber nachdenken, wer zu uns gehört und nicht, als gemeinsam über Lösungen zu streiten. Wer nicht für mich ist, ist gegen mich.“
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Stuttgarter
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Re: Runde 235: Eskapismus

Beitrag von Stuttgarter »

derblaueClaus hat geschrieben:
6. Okt 2019, 16:30
Aber ist das wirklich die Verantwortung des Spiels oder nicht vielmehr der Spieler selber? Es ist mehr eine Frage des Menschenbildes als der (unsinnigen) Frage, ob Spiele Kunst sind. Siehst du den Menschen als grundsätzlich selbstbestimmt und vernünftig oder als stumpf manipulierbar und dumm. Ich tendiere eher zum Ersteren.
Selbstverständlich ist es die Verantwortung eines künstlerischen Machwerks, Geschichte erstmal nicht verfälschend darzustellen, oder - wenn es das tut - dann einen guten Grund dafür zu haben. "Alternate history" wie in Wolfenstein oder Inglorious Basterds ist ein guter Grund. "Damit man sich beim spielen einfach wohler fühlt" eher nicht - zumal, wie oben geschrieben: Wenn ein einfaches Wohlfühlmachwerk entstehen soll, hat jeder Kunstschaffende die einfache Möglichkeit, sich einfach ein Setting ohne historischen Bezug zu nehmen. Aber wenn er eine historische Epoche nimmt, ist es ganz selbstverständlich, dass er an der historischen Realität gemessen wird. Und mag es bei einem KC:D noch diskutabel sein, welche Hautfarben in Böhmen 1403 zu sehen waren, so ist es absolut unstrittig, dass ein wesentlicher Teil des europäischen Wirtschaftserfolgs im 19. Jahrhundert auf Imperialismus und Kolonialisierung beruht hat. Das ist auch keine linke Sichtweise, würde ich sagen - sondern einfach eine Tatsache.

Würden wir diese Diskussion auch führen, wäre "Anno 1800" ein US-amerikanisches Spiel, in dem Baumwollplantagen bewirtschaftet werden und der Westen immer weiter erschlossen wird, aber die Themen "Sklavenhaltung" und "Kriege gegen Ureinwohner" komplett ausgegrenzt werden? Hoffentlich doch nicht!

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Soulaire
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Re: Runde 235: Eskapismus

Beitrag von Soulaire »

Axel hat geschrieben:
6. Okt 2019, 16:40
Soulaire hat geschrieben:
6. Okt 2019, 16:12
Würde ich nicht als Eskapismus bezeichnen...
Mein Punkt war: Sehr viele Revolutionen und soziale Errungenschaften entstammen daraus, dass man sich anfangs in eine Welt träumt, die besser ist als die herrschende. Eskapismus ist in dem Sinne also der Ausgangspunkt. Das kann man machmal gut gehen, wenn die Eskapismusfantasie eintritt.

Ist halt die Frage ob es noch Eskapismus ist, wenn es so stark mit der realen Welt verknüpft ist. Ich würde nein sagen.

Phazonis
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Re: Runde 235: Eskapismus

Beitrag von Phazonis »

Schlagerfreund hat geschrieben:
6. Okt 2019, 16:38
Was mich an diesen Debatten auch oft stört, ist das es eigentlich nie wirklich den Vorwurf der Kritiker gibt der Marke:

Das darfst du so nicht machen und das musst du jetzt ändern.

Das ist eher der übliche Beißreflex, der dann oft auch ehrlich gesagt von Hunden kommt die bellen weil sie getroffen worden sind. Wie bereits gesagt. Ein Anno oder ein Division muss solche Kritik halt auch aushalten können.

Ansonsten höre ich mir gleich erstmal den Rest der Folge an.
Klar da prallen die Extreme halt aufeinander. Klar darf Anno das oder irgendein Spiel das auch machen, aber genauso darf dann jeder an der Scheinrealität herumkritisieren und da mit Eskapismus zu kommen finde ich halt wie oben beschrieben schwach.

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Axel
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Re: Runde 235: Eskapismus

Beitrag von Axel »

Warum darf Anno keine Alternate History sein?
„Kein Wunder also, dass wir uns den Debatten der Allgemeinheit anschließen und lieber darüber nachdenken, wer zu uns gehört und nicht, als gemeinsam über Lösungen zu streiten. Wer nicht für mich ist, ist gegen mich.“
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Nachtfischer
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Re: Runde 235: Eskapismus

Beitrag von Nachtfischer »

Axel hat geschrieben:
6. Okt 2019, 16:53
Warum darf Anno keine Alternate History sein?
Darf es, will es aber nicht sein, wenn es sich selbst so beschreibt:
- "mit neuen Technologien und arglistigen Politikern des 19. Jahrhunderts"
- "eine der spannendsten Epochen der Menschheitsgeschichte"
- "Führe die Industrielle Revolution an"
- "Willkommen zum Beginn des industriellen Zeitalters."

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Re: Runde 235: Eskapismus

Beitrag von Stuttgarter »

Axel hat geschrieben:
6. Okt 2019, 16:53
Warum darf Anno keine Alternate History sein?
Darf es. Die sollte dann aber - so wie bei Wolfenstein auch - für praktisch jeden Spieler absolut offensichtlich sein. Und etwas mehr umfassen als nur "Die unangenehmen Aspekte der Epoche haben wir rausgeworfen". :ugly:

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Axel
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Re: Runde 235: Eskapismus

Beitrag von Axel »

Nachtfischer hat geschrieben:
6. Okt 2019, 16:56
Axel hat geschrieben:
6. Okt 2019, 16:53
Warum darf Anno keine Alternate History sein?
Darf es, will es aber nicht sein, wenn es sich selbst so beschreibt:
- "mit neuen Technologien und arglistigen Politikern des 19. Jahrhunderts"
- "eine der spannendsten Epochen der Menschheitsgeschichte"
- "Führe die Industrielle Revolution an"
- "Willkommen zum Beginn des industriellen Zeitalters."
Und das unterscheidet sich jetzt inwiefern von allen Wirtschaftssimulationen der 90er? Hanse, Elisabeth, und und und - Historische Settings haben damals doch auch niemanden gestört. Und damals wurde auch nicht gemault, dass da soziale Ungerechtigkeiten keine Rolle spielten. Weil es SPIELE sind! Oder erwartet jemand von Brettspielen wie Siedler von Catan eine tiefe wissenschaftliche Aufklärung über Kolonialismus?

Diese Art Spiele wie Anno stehen doch ganz klar in Tradition von BrettSPIELEN! Wo es um Spielregeln und Mechaniken geht.

Man muss doch echt nicht alles und jeden politisieren, nur um sich mal wieder empören zu können. ;)
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Re: Runde 235: Eskapismus

Beitrag von Stuttgarter »

Axel hat geschrieben:
6. Okt 2019, 17:02
Und das unterscheidet sich jetzt inwiefern von allen Wirtschaftssimulationen der 90er? Hanse, Elisabeth, und und und - Historische Settings haben damals doch auch niemanden gestört. Und damals wurde auch nicht gemault, dass da soziale Ungerechtigkeiten keine Rolle spielten. Weil es SPIELE sind! Oder erwartet jemand von Brettspielen wie Siedler von Catan eine tiefe wissenschaftliche Aufklärung über Kolonialismus?

Diese Art Spiele wie Anno stehen doch ganz klar in Tradition von BrettSPIELEN! Wo es um Spielregeln und Mechaniken geht.

Man muss doch echt nicht alles und jeden politisieren, nur um sich mal wieder empören zu können. ;)
Echt jetzt? Vor siebzig Jahren hat sich niemand an der Darstellung von Indiandern gestört, vor 40 Jahren niemand an der Darstellung von Schwarzen, vor 30 Jahren noch kaum jemand an der Darstellung von Frauen... Die Menschheit und die Kulturrezeption entwickelt sich Gott sei dank weiter, das ist doch kein Argument! Bzw halt das Argument "war immer so, also ändern wir auch nix dran"... :ugly:

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Schlagerfreund
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Re: Runde 235: Eskapismus

Beitrag von Schlagerfreund »

Axel hat geschrieben:
6. Okt 2019, 17:02
Nachtfischer hat geschrieben:
6. Okt 2019, 16:56
Axel hat geschrieben:
6. Okt 2019, 16:53
Warum darf Anno keine Alternate History sein?
Darf es, will es aber nicht sein, wenn es sich selbst so beschreibt:
- "mit neuen Technologien und arglistigen Politikern des 19. Jahrhunderts"
- "eine der spannendsten Epochen der Menschheitsgeschichte"
- "Führe die Industrielle Revolution an"
- "Willkommen zum Beginn des industriellen Zeitalters."
Und das unterscheidet sich jetzt inwiefern von allen Wirtschaftssimulationen der 90er? Hanse, Elisabeth, und und und - Historische Settings haben damals doch auch niemanden gestört. Und damals wurde auch nicht gemault, dass da soziale Ungerechtigkeiten keine Rolle spielten. Weil es SPIELE sind! Oder erwartet jemand von Brettspielen wie Siedler von Catan eine tiefe wissenschaftliche Aufklärung über Kolonialismus?

Diese Art Spiele wie Anno stehen doch ganz klar in Tradition von BrettSPIELEN! Wo es um Spielregeln und Mechaniken geht.

Man muss doch echt nicht alles und jeden politisieren, nur um sich mal wieder empören zu können. ;)
Gestört hat es gewiss auch Leute, sie haben es aber nicht kommuniziert. Ist ja nicht so das in den 90ern das Internet und die entsprechende Kommunikation noch ganz anders funktioniert hat. Das finde ich dann auch ein ziemlich seltsames Argument. Zumal sich halt auch Dinge innerhalb von Gesellschaften ändern. 25 Jahren war faktisch die Vergewaltigung innerhalb einer Ehe auch legal und noch länger auch für viele Menschen "ok".

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Nachtfischer
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Re: Runde 235: Eskapismus

Beitrag von Nachtfischer »

Axel hat geschrieben:
6. Okt 2019, 17:02
Und das unterscheidet sich jetzt inwiefern von allen Wirtschaftssimulationen der 90er?
In der Regel nicht wirklich. Aber ich denke, dass wir als Gesellschaft heute weiter sind als in den 90ern. Zumindest diejenigen, denen solche Dinge mittlerweile auffallen. Ähnliches gilt doch für den total verbreiteten sexistischen oder rassistischen Humor, der in den 90ern "okay" war. War er eben nicht. Es gab bloß kaum ein Bewusstsein dafür.

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Axel
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Re: Runde 235: Eskapismus

Beitrag von Axel »

Wie gesagt, Spiele wie Anno stehen in Tradition zu Brettspielen. Nochmal: Wie stellt Ihr Euch eine wissenschaftliche Abhandlung über Kolonisierung in einem Brettspiel wie Siedler von Catan vor? Spiele dieses Genres sind für solche komplexen Themen einfach nicht das richtige Medium!

Es wundert mich wirklich nicht mehr, wenn mittlerweile viele Leute einfach nur noch die Schotten dicht machen. Lasst den Leuten doch einfach ihren Spaß an ihren Hobbys! Ist das wirklich so schwer? Müsst ihr alles immer madig reden?

Mal ne ernst gemeinte Frage: Gibt es Phasen, wo ihr wirklich noch ungetrübt Spaß im Leben habt? Und mal NICHT an Politik denkt?
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Re: Runde 235: Eskapismus

Beitrag von Schlagerfreund »

Axel hat geschrieben:
6. Okt 2019, 17:12
Wie gesagt, Spiele wie Anno stehen in Tradition zu Brettspielen. Nochmal: Wie stellt Ihr Euch eine wissenschaftliche Abhandlung über Kolonisierung in einem Brettspiel wie Siedler von Catan vor? Spiele dieses Genres sind für solche komplexen Themen einfach nicht das richtige Medium!

Es wundert mich wirklich nicht mehr, wenn mittlerweile viele Leute einfach nur noch die Schotten dicht machen. Lasst den Leuten doch einfach ihren Spaß an ihren Hobbys! Ist das wirklich so schwer? Müsst ihr alles immer madig reden?

Mal ne ernst gemeinte Frage: Gibt es Phasen, wo ihr wirklich noch ungetrübt Spaß im Leben habt? Und mal NICHT an Politik denkt?
Ich denke nicht das Anno in der Tradition von Brettspielen steht. Besonders nicht bei einem Vergleich mit Siedler. Gerade Brettspiele sind doch sehr systematisch und ich kenne niemanden der bei Siedler "schön" baut oder den so oft zitierten Wusel Faktor genießt (weil nicht da). Brettspiele sind dann doch auch wesentlich abstrakter, als eine Welt bei der du Änderungen in quasi Echtzeit sehen kannst. Die Siedler von Cathan als auch die alten Siedler (Videospiele) wesentlich abstrakter sind als ein Anno.

Anno darf man übrigens auch meiner Meinung nach inhaltlich kritisieren. Denn gucken wir uns mal die Statements an mit denen Ubisoft Anno bewirbt:

Bild

Das Spiel setzt sich also nicht nur von seiner Ästhetik in einen historischen Kontext. Deswegen finde ich es gut und richtig wenn man diesen Kontext in einer Kritik übernimmt, oder in Frage stellt. Gibt ja auch Spiele die bewusst Eskapismus bieten und das nicht tun wie ein Stardew Valley. Das bietet auch ein unrealistische "heile Welt", bewirbt sich aber auch nicht mit einem historischem Kontext.

Ich finde es auch absurd das du in einen Thread zu dieser Thematik gehst und dich dann darüber beschwerst, das darüber diskutiert wird. :ugly:

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Axel
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Re: Runde 235: Eskapismus

Beitrag von Axel »

Gedankenexperiment: Wie sähe ANNO mit Sklaverei aus?

- Die wuseligen Figuren, wären nicht mehr süß. Sie wären grausam. Denn sie würden andere Figuren schikanieren, schlagen und sexuell missbrauchen.
- Die Sklaven würden garnicht wuseln. Sie wären an einem Haus oder einem Feld gebunden. Sie würden sterben, etwa wegen Überarbeitung auf einem Feld. Sie würden ein sehr schlechtes Leben in der bunten Anno-Welt leben.
- Als Spieler müsstest Du Dir angucken, wie diese wuseligen Figuren Sklavenbazare abhalten.
- Du müsstest mit ansehen, wie Sklaven hingerichtet werden.
- Du müsstest entscheiden, ob Deine Bewohner Kleinkinder von den Eltern trennen dürfen. Und auch das müsstest Du Dir anschauen.
- Du müsstest entscheiden wie weit Sklaven ausgebeutet werden. Sie werden nie Widerstand leisten, denn sie sind Sklaven.

Und noch ganz viele Grausamkeiten mehr, möchte man wirklich Sklaverei in solch einem Spiel darstellen wollen. Wenn, dann konsequent - sonst wäre es ja wieder ein Skandal Marke „Sklaverei wird verharmlost.“ Wenn man es aber nicht verharmlost, wäre es auch kein ANNO mehr. Sondern das widerwärtigste, menschenfeindlichste Spiel, was ich mir vorstellen kann. Auf einer moralischen Ebene vom KZ Manager. Solch ein Spiel würde schlicht nicht veröffentlicht werden, es würde richtigerweise sofort beschlagnahmt werden.

Ich höre seit Jahren immer wieder diese Kritik am Aussparen von Sklaverei in solch einem Spiel. Aber wie soll in einem Spiel, welches auf Mechanik basiert und keine Geschichte erzählen will. Wie soll in solch einem Spiel Sklaverei dargestellt werden, ohne das es zwangsweise verharmlosend wird?
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derblaueClaus
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Re: Runde 235: Eskapismus

Beitrag von derblaueClaus »

Stuttgarter hat geschrieben:
6. Okt 2019, 16:43
Selbstverständlich ist es die Verantwortung eines künstlerischen Machwerks, Geschichte erstmal nicht verfälschend darzustellen, oder - wenn es das tut - dann einen guten Grund dafür zu haben. "Alternate history" wie in Wolfenstein oder Inglorious Basterds ist ein guter Grund. "Damit man sich beim spielen einfach wohler fühlt" eher nicht -
Aha, und warum nicht? Ist die eine Art des Eskapismus irgendwie objektiv höherwertiger?

Stuttgarter hat geschrieben:
6. Okt 2019, 16:43
Und mag es bei einem KC:D noch diskutabel sein, welche Hautfarben in Böhmen 1403 zu sehen waren, so ist es absolut unstrittig, dass ein wesentlicher Teil des europäischen Wirtschaftserfolgs im 19. Jahrhundert auf Imperialismus und Kolonialisierung beruht hat. Das ist auch keine linke Sichtweise, würde ich sagen - sondern einfach eine Tatsache.
Ohne jetzt zu weit Abschweifen zu wollen: Es ist gerade nicht unumstritten. Vielmehr ist die europäische Überlegenheit durch die technologischen und wirtschaftlichen Erfolge erst die Grundlage für den für den Imperialismus. Anders hätte es das Gefälle zwischen den Ureinwohnern und Kolonialherren nicht gegeben (Schöne Einleitung zu dem Thema: https://www.bpb.de/apuz/146971/kolonial ... smus?p=all). Außerdem hätte nach deiner Theorie das Deutschland Reich, mangels nennenswerter Kolonien, nie der Industriestaat werden dürfen, der er es war.

Das soll nicht die wirtschaftliche Ausbeutung relativieren, die dann stattgefunden hat. Aber der Kolonialismus ist nicht der Grund für den wirtschaftlichen Erfolg, sondern vielmehr Symptom einer unglaubliche Ignoranz, Überheblichkeit und Menschenverachtung.
Stuttgarter hat geschrieben:
6. Okt 2019, 16:43
Würden wir diese Diskussion auch führen, wäre "Anno 1800" ein US-amerikanisches Spiel, in dem Baumwollplantagen bewirtschaftet werden und der Westen immer weiter erschlossen wird, aber die Themen "Sklavenhaltung" und "Kriege gegen Ureinwohner" komplett ausgegrenzt werden? Hoffentlich doch nicht!
Man könnte darüber diskutieren, dass Railroad Tycoon oder Railway Empire genau dieses Spiel sind. Und da gab es bisher nur vereinzelte Stimmen, die das kritisiert haben. Wie gesagt, so einfach ist das nicht, man muss sich genau anschauen, was das Werk sein will.

Um auf dein Filmbeispiel zurückzukommen: Mich ärgert an Braveheart nicht der Film selbst, sondern die Vermarktung als historisch genau. Hätten sich Mel Gibson und Randall Wallace hingestellt und hätten den Film als Hommage oder was auch immer verkauft, wäre es überhaupt kein Problem. Schönes Gegenbeispiel dazu ist 300. Und genau so ist es auch mit Anno. Niemand bei Blue Byte hat behauptet, das Spiel sei eine 100% realistische Abbildung der Industriellen Revolution und deren Verhältnisse. Das erwartet ja auch keiner bei der Marke.

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Schlagerfreund
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Re: Runde 235: Eskapismus

Beitrag von Schlagerfreund »

Ein Anno braucht doch gar keine Sklaverei. Es sollte halt nur nicht A sagen und dann irgendwie Ä machen.

Ich denke das es bei Anno ganz ehrlich "reichen" würde, wenn es sich entweder anders im Marketing darstellt. Warum auch nicht einfach einen kurzen Disclaimer beim Spielstart? Machen ja diverse Filme und Spiele auch wie z.B. ein Assassins Creed das getan hat. Die Aussage dieses Disclaimers ist ja kurz gesagt: Wir bedienen uns zwar historischen Ereignissen und Figuren, es ist aber letztendlich ein fiktives Werk und sollte entsprechend eingeordnet werden.

Phazonis
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Re: Runde 235: Eskapismus

Beitrag von Phazonis »

Axel hat geschrieben:
6. Okt 2019, 17:12
Wie gesagt, Spiele wie Anno stehen in Tradition zu Brettspielen. Nochmal: Wie stellt Ihr Euch eine wissenschaftliche Abhandlung über Kolonisierung in einem Brettspiel wie Siedler von Catan vor? Spiele dieses Genres sind für solche komplexen Themen einfach nicht das richtige Medium!

Es wundert mich wirklich nicht mehr, wenn mittlerweile viele Leute einfach nur noch die Schotten dicht machen. Lasst den Leuten doch einfach ihren Spaß an ihren Hobbys! Ist das wirklich so schwer? Müsst ihr alles immer madig reden?

Mal ne ernst gemeinte Frage: Gibt es Phasen, wo ihr wirklich noch ungetrübt Spaß im Leben habt? Und mal NICHT an Politik denkt?
Ich habe schon gescgrieben, warum das Argument lasst mir den Spaß an meinen Eskapismus ablehne, kurz wenn du Realismus mit Spiel bringst, dann lebe acuh mit den negativen Seiten. Die Geister die ich rief und so weiter. Aber dein Kommentar öffnet eine andere interessante Seite, wo ich jetzt mal nachbohre.
Warum ist es ein Problem, wenn wir ganz offen aufzeigen, dass der Eskapismus problematisch sein kann? Ich habe schon beschrieben, dass dies eine Wahl ist. Die Entwickler und Spieler wählen Szenarien mit Anlehnung an Realität, anstelle in die volle Fantasie zu gehen, wo sie dann getrost machen können was sie wollen. Also wo ist das Problem, wenn man hier klar macht, dass eure gewählte Darstellung problematisch ist, weil sie idealisiert, unschöne Dinge auslässt und ein verfälschtes Bild abgibt? Ich sehe da gar kein Problem. Ich spiele viele der genannten Spiele selbst und es stört mich 0 in meinen Eskapismus zu wissen, dass er kritikwürdig sind. Also warum diese Reaktion?
Und da kommen wir meiner Meinug nach an den wunden Punkt. Man möchte unschuldig bleiben und das ist unmöglich. Wenn wir dir all die Probleme mit deinen Eskapismus nennen kannst du anscheinend ihn plötzlich nicht mehr als solchen Nutzen nutzen. Warum? Weil es zu deinen Eskapismus anscheinend gehört unschuldig und frei zu sein, kurz ähnlich wie in der Kindheit unbeschwert zu spielen. So böse es klingt, aber werdet erwachsen! Erwachsen sein hat nämlich wenig damit zu tun kindische Aktivitäten aufgeben zu müssen, sondern schlicht anzuerkennen, dass es nichts unverwerflich Gutes gibt und damit zu leben. Ich kann heute genauso Ritter spielen, Cowboy und Indianer spielen,... wie als Kind, aber ich weiß halt, dass all diese Dinge auch eine Schattenseite haben und damit kann ich super leben. Die Seite die es nicht kann sind genau die Leute die dann groß rumschreien, wenn man ihnen die Probleme mit ihren Eskapismus auftut, denn der Weg zurück zur Unschuld ist mit dem Wissen schlicht verbaut. Man kann entweder weiter machen und anerkennen, dass der Eskapismus problematisch ist oder man muss sich einen neuen, für einen noch unverfangenen, suchen.
Aber damit wird der Schrei nach "lasst meinen Eskapismus in Ruhe!" nicht weniger als "Lasst mich Kind bleiben!" und damit wird er ja noch problematischer.

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Weapi
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Re: Runde 235: Eskapismus

Beitrag von Weapi »

Also ist es politisch inkorrekt Anno zu spielen?

Und damit kein kein von der Gesellschaft akzeptierter Eskapsimus in Videospielform?

Was wäre denn denn ein, von der Gesellschaft akzeptierter und politisch korrekter, Eskapsimus in Videospielform?

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