Runde #317: Cancel Culture?

Alles, was nicht in ein anderes Forum gehört: Hier rein
Forumsregeln
Datenschutzerklärung: https://www.gamespodcast.de/datenschutzerklaerung/
Impressum: https://www.gamespodcast.de/impressum/

Forenregeln und zukünftige Weltverfassung
ART 1: Behandle andere Nutzer mit Respekt.
ART 2: Do NOT piss off the Podcasters

Lies bitte weitere Hinweise hier: viewtopic.php?f=4&t=2789
Benutzeravatar
Terranigma
Beiträge: 1085
Registriert: 17. Feb 2016, 19:34

Re: Runde #317: Cancel Culture?

Beitrag von Terranigma »

Jau, da hast du sicherlich Recht. Wäre das jetzt Stein-Schere-Papier würde ich sagen, mein hermeneutisches Wohlwollen sticht dein Rasiermesser. Oder auch umgekehrt. :D
Wenn unser Geist leer ist, ist er für alles bereit. Im Anfänger-Geist liegen viele Möglichkeiten, in dem des Experten wenige.
Suzuki Shunryū​

Benutzeravatar
Heretic
Beiträge: 3094
Registriert: 20. Mai 2016, 13:30

Re: Runde #317: Cancel Culture?

Beitrag von Heretic »

Terranigma hat geschrieben:
5. Mai 2021, 19:28
Jau, da hast du sicherlich Recht. Wäre das jetzt Stein-Schere-Papier würde ich sagen, mein hermeneutisches Wohlwollen sticht dein Rasiermesser. Oder auch umgekehrt. :D
Damit kenne ich mich nicht aus. Ich spiele weder Echtzeitstrategie- noch Aufbauspiele. :D

rammmses
Beiträge: 219
Registriert: 28. Okt 2016, 20:05

Re: Runde #317: Cancel Culture?

Beitrag von rammmses »

Ah, die neueste Ausgabe von "Neues aus dem Elfenbeinturm". ;)
Das ist so ein Diskurs, der weder von Entwicklern noch von Spielern und auch nicht von der Spielepresse geführt wird (also zu 99% nicht). Und zwar zu recht.

Grundsätzlich ist es natürlich immer gut, Medien und ihre Darstellung zu hinterfragen, aber in der Form finde ich es einfach nur müßig. Jede/r mit etwas Medienkompetenz weiß doch, dass alle Unterhaltungsmedien grundsätzlich nicht den Anspruch haben, die Realität abzubilden, damit ist das Thema im Grunde erledigt. So ein Spiel oder Film oder Buch, das in erster Linie zur Unterhaltung gedacht ist, muss überhaupt nicht auf korrekte Darstellungen von Kultur oder Historie achten, das wird auch von den Konsumenten nicht erwartet.

Wenn man einen höheren Anspruch an sein Werk stellt, ist das auch in Ordnung und kann spannend sein, aber um Gottes Willen; ein Anno oder ein Genshin Impact müssen überhaupt keinerlei Rücksicht darauf nehmen, das ist eine absurde Forderung. Das ist doch das gleiche Niveau wie bei Fast & Furious zu kritisieren, dass Autos aber sich gar nicht so verhalten und das Bild der Leute von Fahrphysik negativ beeinflusst...

Benutzeravatar
Terranigma
Beiträge: 1085
Registriert: 17. Feb 2016, 19:34

Re: Runde #317: Cancel Culture?

Beitrag von Terranigma »

rammmses hat geschrieben:
5. Mai 2021, 19:42
Jede/r mit etwas Medienkompetenz weiß doch, dass alle Unterhaltungsmedien grundsätzlich nicht den Anspruch haben, die Realität abzubilden, damit ist das Thema im Grunde erledigt.[...]
Den Anspruch müssen sie auch nicht erheben, um einen Effekt zu haben. Werbung erhebt auch nicht den Anspruch wahrheitsgemäß zu informieren - und das weiß auch jeder mit etwas Medienkompetenz - und dennoch ist Tabakwerbung sehr stark reglementiert. Weil's einen Effekt hat. ;)
Wenn unser Geist leer ist, ist er für alles bereit. Im Anfänger-Geist liegen viele Möglichkeiten, in dem des Experten wenige.
Suzuki Shunryū​

Benutzeravatar
Jon Zen
Beiträge: 1413
Registriert: 10. Jul 2017, 02:51
Wohnort: Hessen

Re:

Beitrag von Jon Zen »

Jochen Gebauer hat geschrieben:
5. Mai 2021, 19:16
Das kann auch ganz profan die in vielen Sprachräumen gängige Verkürzung von das alles sein. Occam's Razor und so ;)
Wer weiß, dass es Sklaverei gab, der wird dies durch das Spielen von Anno 1800 nicht verlernen. Das behauptet auch Dr. Zimmerer nicht. Wer allerdings den Zusammenhang zwischen Sklaverei (Rohstoff) und Industrialisierung (Verarbeitung) nicht auf dem Schirm hat - und das dürften sehr viele sein, weil dieses Thema im schulischen Unterricht typischerweise unter'n Tisch fällt - den bestätigt Anno 1800 in diesem Geschichtsbild
Endlich! Ich hatte schon befürchtet, ich müsste Teufels Advokat spielen - auf dieses Argument warte ich schon die ganze Zeit :mrgreen:

Denn wenn wir einmal annehmen, das stimmt. Wenn wir annehmen, Professor Zimmerer habe Recht und die Menschen sind diesbezüglich tatsächlich so ungebildet wie er und du denken ... dann ist es ja noch viel hanebüchener, diese Diskussion an einem Aufbaustrategiespiel abzuarbeiten, anstatt sie dort zu führen, wo das eigentliche Problem liegt: bei den Bildungseinrichtungen. Wenn die einen so fundamentalen historischen Baustein der modernen Welt wirklich so schlecht vermitteln, wie du das beschreibst, dann sind Spiele garantiert nicht der erste (oder der zweite oder der dritte ...) Baum, den man anbellen sollte. Im Gegenteil: sie sind vielleicht das viel leichtere Ziel, aber eben auch das, bei dem man garantiert zur Problemlösung kein bisschen beiträgt.
Sklaverei in der Schule:
Wir hatten das Thema: in der Grundschule, Sachunterricht: Römer; 6. Klasse Geschichte (Ägypter, Römer, Griechen), 9. oder 10. Klasse Geschichte, 11. Klasse Geschichte, 11. oder 12. Klasse Englisch (Thema: Amerika --> war sehr amüsant, weil ich als "Sklavenhalter" für die Sklavenhaltung argumentieren durfte :ugly: ) und bestimmt nochmal in der 12. oder 13. Klasse Geschichte und irgendwann im Deutschunterricht auch.

Auch das naheliegendere "Problem" bei Anno 1800, die Kinderarbeit, nimmt man mehrmals in der Schule durch.

Wenn Menschen nun an schulischer Demenz leiden, ist das nicht nur die Schuld der Schulen. :) Ich bin aber ebenfalls kein Fan davon, dass man vielen Menschen pauschal "Dummheit" unterstellt.

Die ganze Diskussion dreht sich um eine Problematik, in der wir anderen Menschen unterstellen, sie seien ungebildeter und unreflektierter als "wir".

Rince81
Beiträge: 3699
Registriert: 21. Dez 2015, 04:30

Re: Re:

Beitrag von Rince81 »

Jon Zen hat geschrieben:
5. Mai 2021, 20:45
Sklaverei in der Schule:
Wir hatten das Thema: in der Grundschule, Sachunterricht: Römer; 6. Klasse Geschichte (Ägypter, Römer, Griechen), 9. oder 10. Klasse Geschichte, 11. Klasse Geschichte, 11. oder 12. Klasse Englisch (Thema: Amerika --> war sehr amüsant, weil ich als "Sklavenhalter" für die Sklavenhaltung argumentieren durfte :ugly: ) und bestimmt nochmal in der 12. oder 13. Klasse Geschichte und irgendwann im Deutschunterricht auch.
Ich bin grundsätzlich sehr Geschichtsinteressiert und habe daher natürlich auch in der Schule in verschiedenen Kontexten über Sklaverei gehört und gelernt. Ist zwar über 20 Jahre her, ich kenne aber noch das Bild von dem Sklavenschiff, kenne den Begriff atlantischer Dreieckshandel, etc. Ich habe erst in den vergangenen Jahren gemerkt, wie wenig ich über das Thema - im Gegensatz zu meinen eigenen Vorstellungen - in Wirklichkeit wusste. Realisiert habe ich das erst bei einem Besuch von New Orleans und dem Besuch einer Plantage, die sich gezielt dem Thema Sklaverei widmet.
https://www.whitneyplantation.org/

Edit:
11. oder 12. Klasse Englisch (Thema: Amerika --> war sehr amüsant, weil ich als "Sklavenhalter" für die Sklavenhaltung argumentieren durfte :ugly: )
Mit meinem heutigen Wissen, finde ich alleine die Idee, im Schulunterricht das Thema zu einer Art Debattierclub für Schüler zu machen eher verstörend. Das gesamte Konzept der Sklaverei ist humanistisch und moralisch derartig falsch, dass sich das eigentlich von selbst verbietet.
Die "Gesendet von meinem HTC11 Life mit Tapatalk"-Signatur

Benutzeravatar
Jochen Gebauer
Beiträge: 153
Registriert: 1. Nov 2020, 17:41

Re: Re:

Beitrag von Jochen Gebauer »

Jon Zen hat geschrieben:
5. Mai 2021, 20:45
Wenn Menschen nun an schulischer Demenz leiden, ist das nicht nur die Schuld der Schulen.
Iwo. Ich wollte ja auch gar nicht die Schulen dissen, sondern aufzeigen, dass die Proponenten einer Problematisierung von Anno sich irgendein Gift aussuchen müssen. Entweder wissen die Menschen in der deutlichen Mehrheit, dass das mit der Sklaverei anders war als von Anno (nicht) dargestellt, dann löst sich ein Großteil der Problematisierung in Wohlgefallen auf - oder die Menschen wissen das in der deutlichen Mehrheit nicht, dann müsste man in der Tat hurtig ein Fass aufmachen, aber eben nicht bei Anno, sondern beim Kultusministerium.

Für mich ist das immer eine Frage von: Was will ich eigentlich erreichen? Dass Anno ab jetzt Geschichte "realistisch" abbildet? Will das wirklich jemand? Und warum? Oder will man nicht vielleicht eher erreichen, dass Anno bitteschön nicht mehr so eifrig mit der echten Geschichte flirten soll, wenn es am Ende doch einen Rückzieher macht? In diesem Fall wäre der Ansatz zu sagen, ey, lass das bleiben, das gehört sich nicht, in meinen Augen viel, viel zielführender als die Kritik am Fehlen der Sklaverei, wenn man doch eigentlich insgeheim weiß, dass eine Serie mit der Ästhetik von Anno echt besser auf solche Themen verzichtet.

Benutzeravatar
Smutje187
Beiträge: 272
Registriert: 8. Mär 2021, 14:44
Wohnort: Edinburgh

Re: Re:

Beitrag von Smutje187 »

Jochen Gebauer hat geschrieben:
5. Mai 2021, 22:05
Für mich ist das immer eine Frage von: Was will ich eigentlich erreichen? Dass Anno ab jetzt Geschichte "realistisch" abbildet? Will das wirklich jemand? Und warum? Oder will man nicht vielleicht eher erreichen, dass Anno bitteschön nicht mehr so eifrig mit der echten Geschichte flirten soll, wenn es am Ende doch einen Rückzieher macht? In diesem Fall wäre der Ansatz zu sagen, ey, lass das bleiben, das gehört sich nicht, in meinen Augen viel, viel zielführender als die Kritik am Fehlen der Sklaverei, wenn man doch eigentlich insgeheim weiß, dass eine Serie mit der Ästhetik von Anno echt besser auf solche Themen verzichtet.
Nö, das ist ja der Strohmann, der hier bereits seitenweise behandelt wird: Ubisoft soll einfach ehrlich sein und Anno als Fantasy bezeichnen, was ist denn daran so wiederholbar misszuverstehen?

Ich habe hart gecringed, als Call of Duty versucht hat, Konzentrationslager in den Epilog einzubauen - manche Leute sollten halt bei Fantasy bleiben und das ist ja auch überhaupt gar kein Problem (wie ebenfalls bereits mehrfach ausgeführt).

Benutzeravatar
Jochen Gebauer
Beiträge: 153
Registriert: 1. Nov 2020, 17:41

Re: Re:

Beitrag von Jochen Gebauer »

Smutje187 hat geschrieben:
5. Mai 2021, 22:10
Nö, das ist ja der Strohmann, der hier bereits seitenweise behandelt wird: Ubisoft soll einfach ehrlich sein und Anno als Fantasy bezeichnen, was ist denn daran so wiederholbar misszuverstehen?
Den Teil der Diskussion gibt es auch, aber es gibt ja eben auch die Forderung, Anno solle irgendwie die Sklaverei behandeln und nicht einfach totschweigen. Ganz so eindimensional ist das Ganze dann auch wieder nicht. Zumal die Begründung für die Forderung, Ubi solle Anno halt Fantasy nennen, lautet, dass eine ausreichend große Zahl von Menschen im gegenwärtigen Zustand nicht zwischen Fiktion und historischer Realität unterscheiden können. Wenn das stimmt (oder eben nicht stimmt) trägt das maßgeblich zur Frage bei, inwiefern die Forderung gerechtfertigt ist.

Rince81
Beiträge: 3699
Registriert: 21. Dez 2015, 04:30

Re: Re:

Beitrag von Rince81 »

Jochen Gebauer hat geschrieben:
5. Mai 2021, 22:05
Oder will man nicht vielleicht eher erreichen, dass Anno bitteschön nicht mehr so eifrig mit der echten Geschichte flirten soll, wenn es am Ende doch einen Rückzieher macht? In diesem Fall wäre der Ansatz zu sagen, ey, lass das bleiben, das gehört sich nicht, in meinen Augen viel, viel zielführender als die Kritik am Fehlen der Sklaverei, wenn man doch eigentlich insgeheim weiß, dass eine Serie mit der Ästhetik von Anno echt besser auf solche Themen verzichtet.
Das wäre mein Punkt. Hört auf euch laufend auf Historie und Geschichte zu beziehen, wenn ihr behauptet eine Epoche abzubilden und dann fleißig alles rausstreicht, was nicht zum Eisenbahnwohlfühldiorama passt in dem das Spiel dann angesiedelt ist. Will ich Sklaverei in Anno? Nein, um Himmels willen. Will ich das Anno mir immer sagt, schaut wie toll wir die Industrialisierung darstellen? Nein, denn abgesehen von der Umweltverschmutzung sind alle "schmutzigen Details" nämlich reingewaschen...
Die "Gesendet von meinem HTC11 Life mit Tapatalk"-Signatur

Benutzeravatar
Jochen Gebauer
Beiträge: 153
Registriert: 1. Nov 2020, 17:41

Re: Re:

Beitrag von Jochen Gebauer »

Rince81 hat geschrieben:
5. Mai 2021, 22:25
Will ich das Anno mir immer sagt, schaut wie toll wir die Industrialisierung darstellen? Nein, denn abgesehen von der Umweltverschmutzung sind alle "schmutzigen Details" nämlich reingewaschen...
Wobei man fairerweise sagen muss: Anno macht das gar nicht. Also das Spiel an sich. Das ist in meinen Augen erkennbar Fantasy mit Industrialisierungsdingsbums light. Das will für mich nie auch nur ansatzweise Geschichte abbilden wie sie passiert ist.

Dass das Marketing mit dem Quatsch aufhören sollte, d'accord. Aber warum dann nicht das Marketing kritisieren?

Rince81
Beiträge: 3699
Registriert: 21. Dez 2015, 04:30

Re: Re:

Beitrag von Rince81 »

Jochen Gebauer hat geschrieben:
5. Mai 2021, 22:29
Dass das Marketing mit dem Quatsch aufhören sollte, d'accord. Aber warum dann nicht das Marketing kritisieren?
Klar, das geht gegen das Marketing. Aber ist das nicht beides Ubisoft? ;)
Die "Gesendet von meinem HTC11 Life mit Tapatalk"-Signatur

Benutzeravatar
Ironic Maiden
Beiträge: 301
Registriert: 6. Apr 2016, 22:06

Re: Runde #317: Cancel Culture?

Beitrag von Ironic Maiden »

Smutje187 hat geschrieben:
5. Mai 2021, 22:10
Ubisoft soll einfach ehrlich sein und Anno als Fantasy bezeichnen, was ist denn daran so wiederholbar misszuverstehen?

Ich habe hart gecringed, als Call of Duty versucht hat, Konzentrationslager in den Epilog einzubauen - manche Leute sollten halt bei Fantasy bleiben und das ist ja auch überhaupt gar kein Problem (wie ebenfalls bereits mehrfach ausgeführt).
Zu dem eigentlichen Thema habe ich keine abschließende Meinung, aber ich bezweifele, dass man mit der Umdeklarierung als Fantasy alle Diskussionen beendet. Zumindest nicht solange Bezüge zur realen Geschichte oder bestimmten Epochen erkennbar sind.
Als Beispiel wird ja z.B. manchen, eher seichteren Vertretern des Steampunk-Genres bei Romanen oder auch Rollenspielen vorgeworfen, dass man da im Grunde viktorianisches Reenactment betreibt und das Ganze Steampunk nennt, um die dunkleren Seiten dieser Epoche ignorieren zu können. Also im Grunde fröhliche Kolonialherren spielt, oder zumindest die Profiteure von Ausbeutung und Sklaverei, ohne sich damit kritisch auseinanderzusetzen, obwohl diese Rollen ohne diese Mechanismen gar nicht existent wären.
Nicht, dass ich diese Argumentation für besonders gut halte, aber irgendeine Kontroverse wird man schon haben, wenn man so ein Fass aufmacht. Ob sie so weitgreifend ist wie die jetzt, bezweifele ich, aber wenn jemand exponiert genug darüber berichtet, könnte das theoretisch auch passieren.

Rince81
Beiträge: 3699
Registriert: 21. Dez 2015, 04:30

Re: Runde #317: Cancel Culture?

Beitrag von Rince81 »

Ironic Maiden hat geschrieben:
5. Mai 2021, 22:33
Zu dem eigentlichen Thema habe ich keine abschließende Meinung, aber ich bezweifele, dass man mit der Umdeklarierung als Fantasy alle Diskussionen beendet. Zumindest nicht solange Bezüge zur realen Geschichte oder bestimmten Epochen erkennbar sind.
Irgendwer denkt irgendwas immer. Wenn es nur danach geht kann man nichts mehr machen. Aber die Siedler haben gezeigt, dass sowas wunderbar geht. Klar gibt es immer Anleihen an Epochen, Architektur, etc., etc. Bei Anno alleine schon durch die Namensgebung mit Jahreszahl - das ist aber imho nicht der Knackpunkt.
Die "Gesendet von meinem HTC11 Life mit Tapatalk"-Signatur

Benutzeravatar
Jochen Gebauer
Beiträge: 153
Registriert: 1. Nov 2020, 17:41

Re: Runde #317: Cancel Culture?

Beitrag von Jochen Gebauer »

Ironic Maiden hat geschrieben:
5. Mai 2021, 22:33
Als Beispiel wird ja z.B. manchen, eher seichteren Vertretern des Steampunk-Genres bei Romanen oder auch Rollenspielen vorgeworfen, dass man da im Grunde viktorianisches Reenactment betreibt und das Ganze Steampunk nennt, um die dunkleren Seiten dieser Epoche ignorieren zu können. Also im Grunde fröhliche Kolonialherren spielt, oder zumindest die Profiteure von Ausbeutung und Sklaverei, ohne sich damit kritisch auseinanderzusetzen, obwohl diese Rollen ohne diese Mechanismen gar nicht existent wären.
Wobei das auch wieder so ein toller Fall von "was will ich mit dem Vorwurf erreichen?" ist. Dass sich seichter Steampunk in Zukunft mit Sklavenhandel, Kindesmishandlung und -missbrauch, Drogenabhängig usw. ernsthaft und kritisch auseinandersetzt? Um Himmes willen! Oder dass es unter diesen Voraussetzungen besser keinen seichten Steampunk gäbe? Das riecht dann verdächtig nach den Dreißigern und großen Feuern ...

Wie du weißt, führe ich solche Analysen und Diskussionen ja selbst gerne. Das ist total spannend. Aber warum muss das inzwischen automatisch in einem Vorwurf, einer Forderung, einem Boykott oder sonst irgendeinem Unsinn enden? Warum kann man nicht einfach analysieren, dass seichter Steampunk offenbar eine Art Kolonalismusporno ist und das ziemlich faszinierend finden, zumal es vor der Haustür genug reale Probleme zu problematisieren gäbe? Ist jetzt natürlich nicht auf dich persönlich bezogen, ich find's nur so unendlich ermüdend, wie gefühlt alles nur noch unter der Problemlinse gesehen wird; auch und gerade Sachen, die auf der Problembär-Skala irgendwo bei Koala anzusiedeln sind.

Benutzeravatar
Ironic Maiden
Beiträge: 301
Registriert: 6. Apr 2016, 22:06

Re: Runde #317: Cancel Culture?

Beitrag von Ironic Maiden »

Jochen Gebauer hat geschrieben:
5. Mai 2021, 22:43
Ironic Maiden hat geschrieben:
5. Mai 2021, 22:33
Als Beispiel wird ja z.B. manchen, eher seichteren Vertretern des Steampunk-Genres bei Romanen oder auch Rollenspielen vorgeworfen, dass man da im Grunde viktorianisches Reenactment betreibt und das Ganze Steampunk nennt, um die dunkleren Seiten dieser Epoche ignorieren zu können. Also im Grunde fröhliche Kolonialherren spielt, oder zumindest die Profiteure von Ausbeutung und Sklaverei, ohne sich damit kritisch auseinanderzusetzen, obwohl diese Rollen ohne diese Mechanismen gar nicht existent wären.
Wobei das auch wieder so ein toller Fall von "was will ich mit dem Vorwurf erreichen?" ist. Dass sich seichter Steampunk in Zukunft mit Sklavenhandel, Kindesmishandlung und -missbrauch, Drogenabhängig usw. ernsthaft und kritisch auseinandersetzt? Um Himmes willen! Oder dass es unter diesen Voraussetzungen besser keinen seichten Steampunk gäbe? Das riecht dann verdächtig nach den Dreißigern und großen Feuern ...

Wie du weißt, führe ich solche Analysen und Diskussionen ja selbst gerne. Das ist total spannend. Aber warum muss das inzwischen automatisch in einem Vorwurf, einer Forderung, einem Boykott oder sonst irgendeinem Unsinn enden? Warum kann man nicht einfach analysieren, dass seichter Steampunk offenbar eine Art Kolonalismusporno ist und das ziemlich faszinierend finden, zumal es vor der Haustür genug reale Probleme zu problematisieren gäbe? Ist jetzt natürlich nicht auf dich persönlich bezogen, ich find's nur so unendlich ermüdend, wie gefühlt alles nur noch unter der Problemlinse gesehen wird; auch und gerade Sachen, die auf der Problembär-Skala irgendwo bei Koala anzusiedeln sind.
Ich sage ja auch nicht, dass das meine Meinung ist. Ich persönlich halte das zumindest teilweise für eine Fingerübung gelangweilter Student*innen, mal einen "kritischen Essay über die problematischen Aspekte von Steampunk" oder was auch immer zu schreiben. Aber es gibt diese Diskussionen nunmal, und deswegen dürfte eine Umbenennung in Fantasy nicht reichen, um Debatten zu beenden oder ihnen auszuweichen. Dafür gibt es mittlerweile zu viele Menschen mit einer geisteswissenschaftlichen Grund-/Halbbildung, die ihre Künste beim Essayschreiben mal auf die Popkultur übertragen wollen...

Benutzeravatar
Leonard Zelig
Beiträge: 2143
Registriert: 5. Jan 2016, 19:56

Re: Runde #317: Cancel Culture?

Beitrag von Leonard Zelig »

Hab nur Anno 1602 ausführlich gespielt, aber das war doch ziemlicher Geschichtskitsch und keine realistische Abbildung der damaligen Zeit. Der Spieler möchte sich als der "Gute" fühlen. Wem würde denn ein realistisches Anno, in dem man Sklaven kommandiert und man an jeder Ecke rassistische Übergriffe und Vergewaltigungen von Frauen beobachten kann noch Spaß bereiten? In so einem Szenario könnte man sich doch gar nicht als der "Gute" fühlen. Zwar könnte man das ganze humoristisch überhöhen, aber das wäre dann ja immer noch fragwürdig. Um diese Zeit realistisch darzustellen eignen sich andere Genres wie Adventures einfach viel besser. Vorstellen könnte ich mir nur eine Ingame-Enzyklopädie, die bestimmte Dinge historisch einordnet. Ein wenig so wie der Discovery-Modus von Assassin's Creed Origins, wo die Designer erklären warum sie an bestimmten Stellen von der historischen Korrektheit abgewichen sind im Spiel.
"The whole problem with the world is that fools and fanatics are always so certain of themselves, but wiser people so full of doubts."

www.gamersglobal.de

Benutzeravatar
Vinter
Foul Tarnished
Beiträge: 3713
Registriert: 25. Jan 2016, 02:50

Re: Runde #317: Cancel Culture?

Beitrag von Vinter »

Ich muss aus aktuellem Anlass nochmal auf das Thema Zweiter Weltkrieg zu sprechen kommen, dass ja auch im Podcast kurz angeschnitten wurde. Das ist eigentlich ein bisschen ungeplant und passt auch nicht so hundertprozentig zum Thema, aber hier ist vermutlich tatsächlich der beste Platz in den aktuellen Forendiskussionen dafür. Meine Eindrücke sind noch ganz frisch, keine zehn Minuten alt, deshalb versuche ich mal, meine Gedanken zu ordnen.

Ich habe mir vorhin erstmals Battlefield V installiert. Das gab es diesen Monat als Teil von PS Plus und weil ich momentan ein bisschen am Corona-Blues leide und ich irgendeinen frischen Impuls haben wollte, hab ich mir das Mal geladen. Ich wusste auch gar nicht mehr, dass BFV im zweiten Weltkrieg spielte, ich hatte irgendwas modernes im Hinterkopf. Deshalb traf mich das ein bisschen unerwartet, zumal es keinen Startscreen gibt, sondern Battlefield V beim ersten Mal direkt im Spiel beginnt.

Dieser Spieleinstieg besteht aus einer Vignette verschiedener Schlachten in Europa und Nordafrika. Ganz kurze interaktive Abschnitte, die nahtlos ineinander überblenden und immer einzelne Perspektiven und Ausschnitte zeigen. Einer dieser Abschnitte versetzt einen in das Cockpit eines Flugzeuges - eines deutschen Flugzeuges, wie sich kurz darauf anhand der Sprachausgabe herausstellt. Und dann kommt, wie auch schon in den anderen Szenen, eine große Einblendung, wo man sich befindet: Über Hamburg.

Ich war zuletzt im Sommer 2019 in Hamburg und habe dort mit meiner Freundin eine Ausstellung zum Thema Hamburg im zweiten Weltkrieg besichtigt. Das haben wir uns über die Jahre angewöhnt: Wir machen relativ viele Wochenendtrips und wo immer sich die Gelegenheit bietet, sich über die Zeit zu informieren und Eindrücke zu sammeln, versuchen wir, das auch zu tun. Wir waren in den letzten Jahren etwa in Nürnberg, Berlin, Dresden, Heidelberg, Bonn und Den Haag und man kann sich bei diesen Zielen sicherlich vorstellen: Der Wahnsinn des dritten Reichs ist überall zu finden.

Diese Ausstellungen sind immer genauso eindrücklich wie deprimierend, deshalb bleiben sie einem auch im Kopf. In Hamburg findet man eine entsprechende Ausstellung unter den zerstörten Ruinen der Nikoleikirche. Die Kirche wurde als Mahnmal nach dem zweiten Weltkrieg in dem Zustand belassen, in dem sie nach dem nach dem Feuersturm war, einem unbeherrschbaren Großbrand nach Bombardierungen, bei dem etwa 34.000 Menschen ums Leben gekommen sind. (Zum Vergleich: 34.000 Menschen entspricht ziemlich exakt der gesamten Bevölkerung meiner Heimatstadt in NRW). Entsprechend beschäftigte sich die Ausstellung unter der Nikoleikirche natürlich mit dem Terrorregime der Nazis, aber auch mit der Bombardierung Hamburgs und den zivilen Opfern. "Höhepunkt" der Ausstellung, so hab ich das zumindest empfunden, ist eine filmische Dokumentation, die anhand von Originalaufnahmen die Zerstörung Hamburgs zeigt.

Emotional fand ich das sehr anstrengend, weil es natürlich zu einer heftigen kognitiven Dissonanz führt: Einerseits die Abscheu über die Nazis und die Deutschen, die diese unfassbaren Verbrechen begangen haben, andererseits beobachtet man in bewegten Bildern die totale Vernichtung einer ganzen Stadt, was echt keine leichte Kost ist.

Und nun setzt mich Battlefield V nonchalant an den Steuerknüppel eines deutschen Jagdflugzeuges, dass die britischen Bomber über Hamburg abfangen soll. Keine Kontextualisierung, keine Einordnung, stattdessen ein heroischer Score im Hintergrund und am Ende dieser Vignette (nach Hamburg folgt noch eine weitere Szene in den Niederlanden) romantisiertes Geschwafel von Heldentum und Entbehrungen im Krieg. Uff. Das war ehrlich gesagt ziemlich uncool und verharmlosend.

Spannend fand ich dabei allerdings auch folgende Selbstbeobachtung: Vor Hamburg gab es Szenen in Norwegen und Tunesien, zu denen mir allerdings der unmittelbare, persönliche Bezug fehlte. Diese Szenen habe ich wesentlich unkritischer wahrgenommen. Tausendfach gesehen, ist halt ein Videospiel. Hamburg jedoch war durch meinen persönlichen Bezug wie ein Schlag in die Magengrube - und vor allem war es lediglich die verspätete Einblendung des entsprechenden Schriftszuges, der aus einer schon oft gesehenen Flugsim-Szene plötzlich etwas Nahbares, Greifbares, aber auch Entsetzliches machte. Von der Bombardierung Hamburgs selbst hat man nichts gesehen, diese Szene spielte über den Wolken und bei Tage, bevor das Stadtgebiet erreicht wird. Es ist also einzig meinem individuellen Vorwissen zu verdanken, dass ich diese Szene so anders einordne als etwa eine Panzerschlacht in Tunesien. Inszenatorisch war die Szenen über den Wolken sogar vergleichsweise harmlos, da war etwa die Rolle eines Scharfschützen, die ich wenige Minuten vorher übernommen habe eigentlich erheblich geschmackloser.

Anhand dieser kleinen Episode wird mir zumindest deutlich, wie schnell sich die Perspektive verschieben kann, wenn persönliche Kontextualisierung möglich ist: Von "tausendfach gesehen" zu "Nicht euer Ernst...." in wenigen Sekunden. Aber ich glaube, dieser Erkenntnis ist wichtig, wenn es um die Beurteilung anderer, kontroverser Spieleszenen geht. Ja, vielleicht kann ich persönlich das ein oder andere nicht nachempfinden: Andere jedoch, mit anderen Erfahrungen, anderem Vorwissen, betrachten bestimmte Szenen womöglich vollkommen anders.

Jetzt wird sich die EA Marketingabteilung für Hochglanz-Kriegsspiele beim lesen dieses Threads natürlich in die Hände klatschen: Alles richtig gemacht, die emotionale Verbindung zum Spieler ist hergestellt - der Typ kauft bestimmt Mikrotransaktionen. Aber ehrlich gesagt: Nee. Im Gegenteil. Was ich da gesehen habe war entsetzlich zynisch und komplett im Ton vergriffen. Ich denke eher, ich sehe diese Art Spiel zukünftig anders und insbesondere kritischer.
Ankündigungssaison 2021:

Alle Spiele
Alle Streams

Benutzeravatar
Jochen Gebauer
Beiträge: 153
Registriert: 1. Nov 2020, 17:41

Re: Runde #317: Cancel Culture?

Beitrag von Jochen Gebauer »

Was genau war denn so entsetzlich? Ich hab' verstanden, dass es durch den persönlichen Kontakt mit Hamburg greifbar wurde - aber was wurde greifbar? Der Krieg als solcher? Die Zerstörung einer Stadt? Der Luftkrieg im Speziellen? Alles davon?

Ich komm' ja aus einer Gegend, wo wirklich alles komplett zerstört wurde. Sogar mein Heimatnest mit damals vielleicht 15.000 Einwohnern wurde gezielt bombardiert. Insofern steh ich vielleicht auf dem Schlauch. Aber ich verstehe noch nicht so ganz, was dieses Gefühl auslöste. Aber es interessiert mich.

Benutzeravatar
Vinter
Foul Tarnished
Beiträge: 3713
Registriert: 25. Jan 2016, 02:50

Re: Runde #317: Cancel Culture?

Beitrag von Vinter »

Die Geschmacklosigkeit, mit der das Ganze inszeniert ist. Vielleicht ist auch "Exploitation" (wie das Filmgenre) ein passender Begriff. Der Zynismus, mit dem unvorstellbares Leid auf einen hochglanz Militärporno reduziert wird, um damit Mikrotransaktionen zu verkaufen. Die Art und Weise, wie Battlefield V mich einfach mal kurz als Verteidiger von Hamburg einwechselt (mir kommt immer wieder der Begriff "nonchalant" in den Sinn) und mir dabei unterschwellig, etwa durch den Soundtrack Werte wie Heldenmut, Pflichtgefühl und Ehre vermitteln will.

Und jetzt kannst du natürlich sagen "Doh, das fällt dir ja früh auf" und du hättest damit vollkommen Recht. Aber man benötigt halt immer irgendwie ein Erweckungserlebnis, einen emotionalen Haken, um bestimmte Dinge anders sehen zu können. Vielleicht liegt es auch an der technischen Brillanz und an den inszenatorischen Möglichkeiten, die heutzutage möglich sind, die diese Wirkung noch verstärken. Auch ich habe zu seiner Zeit Anfang der 2000er das erste Call of Duty oder Battlefield 1942 gespielt, ohne, dass es mich gestört hätte. Vielleicht bin ich aber auch mittlerweile schlicht alt und reif genug, um solche Dinge anders wahrzunehmen - mein letzter WW2-Shooter ist vermutlich auch schon 10 bis 15 Jahre her, vielleicht hatte ich schlicht lange nicht die Auseinandersetzung mit dem Thema. Vielleicht ist es auch nur meine momentane Stimmung, die mich empfänglicher Macht für bestimmte Darstellungen.

Jedenfalls empfand die Darstellung als extrem verharmlosend und alleine die Idee, einen deutschen Abfangjäger über Hamburg zu spielen als ziemlich heikel. Was wäre denn hier das ethisch Richtige? Die virtuelle Zerstörung Hamburgs verhindern oder sie geschehen lassen? Soll ich mich anstrengen, um möglichst viele britische Bomber vom Himmel zu holen? Die Nazis unterstützen oder desertieren? Das sind natürlich irrsinnige Gedanken, um sie auf ein Computerspiel zu projizieren, aber meine persönliche Erfahrung an dieser Stelle ist ja nicht rational, sondern emotional.
Ankündigungssaison 2021:

Alle Spiele
Alle Streams

Gesperrt