Runde #057: Der Spielekritiker - überflüssig? (Part 2)

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Jochen

Runde #057: Der Spielekritiker - überflüssig? (Part 2)

Beitrag von Jochen »

Axel hat geschrieben:Jochen, Du hast ja in der Jubiläumsfolge auch gesagt, dass Du Arkham City so verabscheust, dass Du nichtmal mehr die Nachfolger angeschaut hast. Meine Frage: Wenn man sich als Kritiker mit einem Spiel quält (!), sollten dann nicht 10-20% gerecht sein auf der Wertungsskala?
10 bis 20% Prozent (=unspielbar) halte ich jetzt zwar für latent übertrieben, aber ja, prinzipiell sollten Spiele, die dem Tester wenig bis keinen Spaß machen, natürlich keine 70 oder 80+ Wertungen bekommen. Bloß ist das mit den etablierten Strukturen und Systemen schlechterdings nicht mach- und vermittelbar. Hier beißt sich die Katze mal wieder in ihren vermeintlich objektivierbaren Schwanz. Wenn jemand Arkham City bei der GS eine 40 gegeben hätte, hätte danach keine Sau darüber gesprochen, inwiefern die verdient oder argumentierbar wäre - sondern über die Willkür/Inkompetenz/Korruption/etc des Magazins. Ich glaube inzwischen, dass etablierte Magazine aus diesem Teufelskreis auch nicht mehr rauskommen. Das ist so eine damned if you do, damned if you don't-Sache.

Zur Frage der Unbefangenheit: Nicht zuletzt aus den von dir genannten Punkten/Überlegungen bin ich ja schon länger der Ansicht, dass man sich der fremdgesteuerten Berichterstattung entziehen muss. Die ganzen vor Release gestreuten News, Previews, Videos usw. nutzen ausschließich dem Publisher und schaden mittel- und langfristig den Redaktionen. Dass letztere das bis heute nicht einsehen wollen, hat schon was von Pipi Langstrumpf ...

Nimlod
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Re: Runde 57 - Kritikergekrittel

Beitrag von Nimlod »

Mich würde interessieren, wie ihr, mit der nebenbei erwähnten "Das ist ein 70er, was für Fans"-Einteilung praktisch umgegangen seid bzw. umgeht oder umgehen würdet. Mir kommt diese Einteilung bis zu einem gewissen Grad immer etwas willkürlich vor.
Nur für Genre-Fans impliziert ja, dass die 80er oder 90er Genre unabhängig funktionieren, aber das stimmt doch einfach nicht. Natürlich ergeben sich bei den ganz besonders guten Spielen viel größere Schnittmengen, aber das trifft längst nicht auf alle zu, besonders wenn die Genres weiter auseinander sind. Gerade der Strategie-Bereich fällt mir da ein. Ich kenne viele Leute, die gerne Videospiele spielen, aber einfach keine Lust, kein Verständnis oder keine Muse für Strategie-Spiele haben. Egal wie gut diese innerhalb ihres Genres sind. Und das ist ja auch völlig legitim. Umgekehrt habe ich in aller Regel einfach keinen Spaß mit Adventures und vielen Action-Titeln. Und nur weil da eine 90 davorsteht, kommt mir dieses Genre auch nicht näher.

Ab wann bekommt also ein Spiel das entsprechende Wertungsprädikat dafür, dass es nicht nur für Genre-Fans geeignet ist?

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Andre Peschke
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Re: Runde 57 - Kritikergekrittel

Beitrag von Andre Peschke »

Nimlod hat geschrieben:Nur für Genre-Fans impliziert ja, dass die 80er oder 90er Genre unabhängig funktionieren, aber das stimmt doch einfach nicht.
Die Unterscheidung, die da getroffen wird, ist nicht zwischen "Genre-Fan" und "Genre-Desinteressierter". Der Genre-Fan meint einen richtigen Fan, der jeden Quatsch spielt, solange es RTS/Shooter etc ist. IMO ist das ein Relikt aus früheren Zeiten, als solche Genres noch so neu und aufregend waren, dass man das wirklich gemacht hat. Es gab eine Zeit, nach Doom, da habe ich JEDEN neuen Shooter gespielt. Ob es den klassischen "Genre-Fan" so noch gibt, weiß ich allerdings nicht. Vermutlich ist jedes Genre inzwischen zu divers, um das pauschal sagen zu können (oder die meisten). Aber klar, wenn mich RTS nicht interessiert, sind mir auch die 90er egal.

Was die Handhabung der 70er angeht, habe ich die immer als "gut" behandelt. Spiele, denen ich nicht viel vorwerfen konnte, die Spaß gemacht und unteralten haben, aber auch wenig bemerkenswertes hatten, waren in der Regel 70er. Siehe Assassin's Creed Syndicate: Gut gemacht, spaßig, handwerklich (mit Abstrichen) hervorragend umgesetzt, aber letztlich auch belang-, mut- und ideenlos. Das ist ja auch einer der interessanteren Punkte, in der Kritik: Die Leser erwarten immer eine klare Einteilung in "pro/kontra" zur Abgrenzung gegenüber anderen Titeln. Tatsächlich gibt es aber eben "gut", "besser" und "noch besser", was aber schwerer darstellbar ist (auch, weil es meist stärker ins Subjektive tendiert). Sieht man in den Kommentarspalten zum Beispiel, wo dann Leute schreiben "Spiel X und Y haben beide eine gutes Grafikdesign und tolle Texturen, aber das eine hat 7 Punkte bei der Grafik, das andere hat 8 - Beschiss". Tatsächlich ist das eine Spiel nur besser, als das andere, hat vielleicht auch die besseren Schwerpunkte gesetzt. Dass das sprachlich nicht rausgearbeitet wurde, kann am Redakteur liegen, liegt aber oft einfach in der Natur der runterdestillierten +/- Listen.

Andre

BlackSun84
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Re: Runde 57 - Kritikergekrittel

Beitrag von BlackSun84 »

Vorab: Ich lade den Cast gerade erst herunter, will aber vorab schon einmal meinen Senf - nur kaltgepresst aus Cochem an der Mosel - zum Thema geben. Ich bin per se kein Freund s.g. objektiver Kritiken und halte es auch für naiv, wenn man denkt, dass Kritiker komplett frei von äußeren Einflüssen ein Werk bewerten können. Erst recht nicht dann, wenn diese älter und länger in dem Berufsfeld tätig sind. Man bildet sich mit jedem Jahr mehr auf der Welt seinen Charakter weiter, wozu auch Vorlieben und Abneigungen gehören. So können Genres, die man imt 14 Jahren geliebt hat, mit Anfang 30 absolut nicht mehr das Ding von einem selbst sein, bei mir wären das Echtzeitstrategie (zu schnell) und Adventures (irgendwie war ich nach Monkey Island 3 mit dem Thema durch). Bei Indiebands oder Romanen frischer Autoren mag es noch halbwegs geben, dass zumindest das Hintergrundrauschen (Internethype- und -hateblasen, Presseinfos) geringer ist, aber bei Filmen oder Spielen, die beide einen Megamilliardendollarmarkt umfassen, wird man keine Unschuld vom Land unter den Kritikern mehr finden. Ich stimme Jochen sicher zu, dass ein Kritiker, der nur noch Dienst nach Vorschrift leistet, als solcher im falschen Beruf ist, aber es sind nunmal die Zeiten vorbei, wo unrasierte Nerds mit Anfang 20 Spiele von unrasierten Designern im selben Alter testen und der Markt noch frisch war.

Ich hätte auch sicher nichts dagegen, würden Wertungen wieder mehr das gesamte Spektrum nutzen, auch wenn am Ende z.B. ein Andre Peschke von Gamestar für den 78er für Battlefield 1 zerrissen wird, weil PC Games oder Metacrit bei 95% liegen. Denn unter all den guten Titeln gibt es nach wie vor massig Titel, die "nur gut" daherkommen. Am Ende stellt man die anonymen Jubelperser oder Pegidisten eh nicht zufrieden. Da muss sich die Spielekritik auch mal ganz locker machen und wenn es am Ende zehntausend Nutzer im Monat weniger auf der Homepage ausmacht, dann ist es halt leider so.

PS: Was aber sicher allgemein helfen kann, egal ob als Spieler oder Kritiker, ist, wenn man sich vorher einfach so wenig wie möglich über einen Titel informiert. Beim bestes Beispiel bei Filmen war der neueste Mad Max. Hat mich nicht interessiert und als ich den Film doch mal günstig geliehen habe, hat mich dieser weggeblasen. Kann bei einem Warcraft wenig passieren, da hat man schon bald den gesamten Film in zig Trailern vorab im Kino gesehen.

BlackSun84
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Re: Runde 57 - Kritikergekrittel

Beitrag von BlackSun84 »

Es ist ja leider mittlerweile Gang und Gäbe, dass sich immer mehr Menschen im Internet nicht mehr austauschen, sondern nur noch im eigenen Umfeld bewegen wollen. Egal ob Politik oder eben hier Computerspiele, man grenzt sich voneinander ab und gräbt sich im Graben ein. Zu Feuergefechten kommt es eben dann, wenn mehrere Parteien sich auf einer Homepage wie z.B. Gamestar treffen. Und so sehr ich Heiko verstehen kann, aber ein Kritiker muss kalt genug sein, um knallhart zu werten, egal ob das am Ende bei EA, VW oder Dr. Oettger zur Entlassung von 20 Mann des Entwicklungsteams führt. In meinem Beruf muss ich darüber entscheiden, ob und was Menschen an ALG II bekommen und wenn da einer per se, trotz xfacher Aufforderungen, nicht seiner Mitwirkungspflicht nachkommt, dann muss ich die Leistungen entziehen, auch wenn ich weiß, dass der arme Kerl dann am 1. des Monats kein Essen kaufen kann. Aber ohne diese ordentliche Prüfung mache ich meine Arbeit schlecht und stehe vielleicht selbst bald auf der Straße. Genauso ist ein Kritiker, der aus Mitleid am Ende nicht kritisieren mag, nicht notwendig. Häufig aber führt Kritik auch zum Nachdenken und Aufraffen, wodurch am Ende ein besseres Produkt herauskommt.

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Ironic Maiden
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Re: Runde 57 - Kritikergekrittel

Beitrag von Ironic Maiden »

Der Vergleich mit anderen Berufen, in denen man Dinge bewertet, stimmt einfach nicht. Als Jobcenter-Sachbearbeiter arbeitet man doch auf einer klaren Grundlage, welche Anforderungen ein Klient zu erfüllen hat, damit er Leistungen in Anspruch nehmen kann (unabhängig davon, wie das jetzt moralisch zu bewerten ist). Und entweder der Kunde erfüllt diese Anforderungen oder nicht.
Ich habe den Vormittag über Englischarbeiten korrigiert und bewertet, und auch da gibt es einen klaren Erwartungshorizont und aus diesem ergibt sich dann eine Note, z.B. 50 Prozent der Zeitformen richtig gebildet ergibt die Note vier. Meine persönlichen Gefühle spielen dabei erstmal keine Rolle, und auch wenn ich manchem Schüler gerne mehr oder weniger Punkte geben würde, kann ich das nicht machen. Wer das nicht kann und aus Sympathie oder Abneigung oder irgendwelchen Gründen, die nichts mit dem Erwartungshorizont zu tun haben, andere Noten gibt, macht seinen Job schlecht.

Das ist aber etwas völlig anderes, als einen Gegenstand wie ein Spiel, einen Film, einen Roman oder ähnliches zu kritisieren. In diesem Bereich gibt es kein klares Erwartungsprofil. Ansonsten wäre nicht nur Kritik, sondern auch die Herstellung eines solchen Produkts nur das Abhaken von "Gütekriterien". (Wohin das führt ist ja bei vielen Filmen offensichtlich, die solange umgeschnitten wurden, bis das Testpublikum sie mochte, die aber oft weder interessant noch relevant sind.)
Da "Kunstwerke" aber so immens vielfältig sind, und es mMn sogar ein besonders schönes Element in Büchern, Filmen usw. ist, wenn sie sich eben nicht stur an ein Schema halten sondern mich überraschen, macht ein Kriterienkatalog sie nicht besser.

Und da diese Beurteilung eines Gegenstandes immer auch zumindest teilweise auf persönlichen Erfahrungen, Vorlieben usw. beruht, ist es auch in Ordnung, wenn der Kritiker sich selbst hinterfragt und ggf. auch mal schlecht fühlt. Deswegen ist es zumindest für mich auch wichtig, zu einem Spiel, Buch, Film o.ä. mehrere Kritiken zu hören, weil nur so ein einigermaßen vollständiges Bild entsteht.

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Leonard Zelig
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Re: Runde 57 - Kritikergekrittel

Beitrag von Leonard Zelig »

Sehe da auch nicht die Vergleichbarkeit. Einem Menschen die Existenzgrundlage zu entziehen ist falsch. Egal was dieser verbrochen hat. Jemand, der sich im Gefängnis nicht an die Regeln hält, wird ja auch nicht mit Essensentzug bestraft. Langzeitarbeitlose sind oft (nicht immer) psychisch krank und daher für viele Jobs in der heutigen Welt nicht geeignet. Höhere Löhne sind ein besserer Anreiz einen Job zu finden als Kürzungen der Sozialhilfe.

Wenn ein Spiel nichts taugt, kann man das als Kritiker auch so niederschreiben. Damit muss man als Entwickler leben. Es kann ja sein, dass es den Kunden trotzdem gefällt. Oder andere Kritiker gegenteiliger Meinung sind.

Wobei das einigen Entwicklern schwer fällt. Jim Sterling wird gerade von Digital Homicide verklagt, weil er deren Spiele auf YouTube verrissen hat. Hier steht ein bisschen was darüber:

http://www.geek.com/games/the-best-idea ... g-1627421/
"The whole problem with the world is that fools and fanatics are always so certain of themselves, but wiser people so full of doubts."

Konsolengaming in den 2010er-Jahren - Eine Dekade in Zahlen und Worten

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derFuchsi
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Re: Runde 57 - Kritikergekrittel

Beitrag von derFuchsi »

Axel hat geschrieben: ...
Um eine wirkliche unvoreingenommene Kritik zu schreiben mit all den Dingen, die sich Jochen wünscht, muss man das Spiel unschuldig und frisch spielen und auf sich wirken lassen. Nicht den ganzen Hypetrain vorher fahren, nicht die ganzen Fankommentare lesen, nicht das ganze Bromborium drumherum mitmachen. Das können ja andere machen. Der Kritiker stattdessen müsste doch allein mit dem Spiel sein und vorher nichts oder nur absolute Eckdaten wissen. Name, Genre, nicht viel mehr. Würde da nicht schon automatisch eine vollkommen andere Sichtweise und Herangehensweise entstehent als bei Menschen, die sich vorher wochenlang mit dem Hype beschäftigen? Auch wenn häufig gesagt wird "ich lasse mich doch nicht beeinflussen" - unterbewusst lässt man es sich eben doch. Das merkt man erst dann, wenn man es wirklich mal versucht ein Spiel blind ohne jegliche Vorkenntnisse zu spielen.
...
Unschuldige unvoreingenommene Spieletests wie du sie beschreibst ohne den ganzen Preview-Hype, Presseevents, Trailer und sonstigen Werbemüll der einen bloß beeinflussen soll. Das wäre meine Traumpublikation.

Aber wie du selbst schreibst, sowas ist heute nicht möglich. Als es noch kein Internet gab zu den goldenen Print-Zeiten war man an dem Ideal aber zumindest näher dran.
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BlackSun84
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Re: Runde 57 - Kritikergekrittel

Beitrag von BlackSun84 »

Das Problem ist der Unterschied zum Feuilleton bei Zeitungen. Dort finanziert man die Kritik über Bücher, Filme oder sonstige Kunstwerke mit dem Umsatz, den die Zeitung sonst generiert. Wenn sich da Paramount angefressen fühlt, weil die Welt den neuesten ST-Film zerrissen hat und deswegen die Zeitung schneidet - sofern diese überhauptdort drüben überhaupt bekannt ist -, dann hat dies in Sachen Verkaufszahlen keine Auswirkungen. Bei Spielezeitschriften sieht das anders aus, denn die Zeiten sind vorbei, wo die Publisher diese zur Verbreitung ihrer Werke benötigen. Heute wirft man ein paar Halbstarken bei Youtube ein paar kostenfreie Versionen hin und bekommt massenhaft günstige Werbung. Da sitzen die Spielezeitschriften einfach an einem sehr kurzen Hebel.

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Dostoyesque
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Re: Runde 57 - Kritikergekrittel

Beitrag von Dostoyesque »

1. würde ich als Soundenthusiast kurz betonen, dass das MP3 Format den Genuss von Musik von Haus aus sehr schwierig macht, klingt nämlich schrecklich ;) Teile auch nicht unbedingt die Meinung generell, imho. Bei einer Kunstform gehts immer auch um Zeitgeist und historischen Kontext, desweiteren auch die Umstände. "After the fact"-Kritiken sind deswegen oft sehr schwierig. Beethovens Spätwerk wurde von Traditionalisten heftig kritisiert, weil sie die Romantik für Geklimper hielten und die Strukturen und Einheit der Klassik bevorzugten. Ob mans mag oder nicht: Die Beobachtung, dass Beethovens Spätwerk romantischer ist als sein Frühwerk ist unabdinglich, eine Kritik ohne diesen Kontext mMn relativ wertlos. Und nichts ist informativer als die Biographie des Künstlers. Man sollte nicht den Fehler machen und ein Kunstwerk als Produkt eines objektiven, kreativen Prozesses zu betrachten. Ein Kunstwerk bietet eine Perspektive basierend auf den Erfahrungen und Eindrücken des Künstlers, der dahintersteckt. Mal abgesehen von der Technik ist alles subjektiv. Mir gefallen vor allem die Kritiken, die ein Werk (wie z.B. das neue Album einer Band) im Kontext des Euvres des Künstlers sehen. Eine Kritik von "Revolver" der Beatles kann einfach nicht funktionieren, wenn man nicht sieht, woraus dieses neue Album entstanden ist. Wenn man in eine Ausstellung eines Malers geht (war z.B. vor wenigen Monaten bei einer Munch Ausstellung), scheuen die Museen keine Mühe, an den Wänden Infotexte, Zitate u.ä. anzubieten, weil Kunst eben oft unheimlich persönlich ist und die wenigsten Künstler sich aus der Gleichung herausnehmen, um etwas Allgemeingültiges auszudrücken. Ohne den Kontext wär eine Ausstellung sehr wenig wert, imho. Ich kann verstehen, wenn man als Besucher unvoreingenommen in eine Ausstellung gehen will (hab idR Regel Jahreskarten für die Museen, die mich interessieren, was es mir ermöglicht, ein Mal komplett blank und das andere Mal mit Führung die Ausstellung zu besuchen), aber als Kritiker *soll* man voreingenommen sein, sonst "kann ja jeder Kritiker sein". Der "objektive" Blick auf ein Kunstwerk, ohne historischen Kontext und ohne Einbringen der Persönlichkeit des Künstlers, interessiert mich persönlich überhaupt nicht. Eine objektive Meinung gibts ohnehin nicht. Btw, falls es jemanden interessiert: Das neue Radiohead Album gibts online zu kaufen!

2. Was Spielekritik angeht (und warum der Vergleich zur Film-/Musikkritik mMn hinkt): Die etablierte Spielekritik hat mMn relativ wenig mit Kunstkritik zu tun und steht auch nicht in dieser Tradition, viel mehr wird ein Produkt getestet und eine Kaufempfehlung basierend auf den Erfahrungen ausgesprochen oder nicht. Desweiteren werden die wenigsten Spiele mit einer künstlerischen Ambition kreiert, imho. Ist auch schwierig, weil man im Gegensatz zum Maler nicht als Einzelperson künstlerisch tätig ist, sondern Teil eines 200-Mann Teams ist. In der Regel machen die kleineren Studios die künstlerisch wertvolleren Spiele, da hier die künstlerische Intention des Projektleiters stärker zu erkennen ist. Anyway, diese sehr auf Produktempfehlung basierte Art von Kritik war für mich jahrelang unheimlich wertvoll, vor allem, als ich ins gaming eingestiegen bin und nicht mal alle Genres kannte. Ich hab mir auch 2-3 Jahre lang die Gamestar gekauft, obwohl ich keinen Spiele PC hatte. Die Texte waren so deskriptiv und präzise unterteilt, dass ich mir immer schön vorstellen konnte, wie sich das wohl so spielt. Heutzutage klick ich ehrlich gesagt kaum noch auf die Tests. Mich interessiert höchstens noch, ob das Ding auf meinem PC noch läuft oder nicht. Die präzise deskriptive Komponente der Tests interessiert mich relativ wenig, weil man mit jahrelanger Erfahrung ohnehin auf einen Blick erkennt, was die Kernmechaniken sind und im wesentlichen weiß man sehr schnell, ob man interessiert ist oder nicht. Was ein Gamestarbesuch für mich noch "bringt" ist das Ausselektieren bestimmter Titel, weils mittlerweile ja so viele gibt. Ohne das Peschke/Stange (?) Video wär ich z.B. nicht auf Undertale gestoßen. Desweiteren geht die Videorubrik glücklicherweise sehr stark in Richtung Entertainment und weiß eben auch durchaus, mich zu unterhalten. Man wird auch immer wieder mit neuen Formaten oder Entwicklerbesuchen überrascht. Die Videosparte ist mittlerweile meine neue Startseite und macht in den letzten Monaten mMn große Fortschritte. Ich verstehe jedoch nicht, warum die Testvideos nach wie vor noch so mechanisch/deskriptiv gemacht werden. Dafür sollte es ja eigentlich den geschriebenen Text geben, die Testvideos sollten (in meiner perfekten Welt zumindest ;) ) einen etwas kreativeren, persönlichen Blick auf das Spiel geben. Allein schon mit editing kann man so viel machen.
...wie dem auch sei, zurück zur Ausgangsfrage ("brauchts die Kritiker noch?"): Als erfahrener Spieler braucht man mMn die klassischen Tests eigentlich nicht mehr, ausser man genießt es, Rechtschreibfehler im Text zu entdecken und den Redakteur basierend darauf in den Kommentaren zu beschimpfen. Was mich als jahrelangen Spieler interessiert, sind subjektive Meinungen vereinzelter Redakteure/Personen, deren Meinung ich schätze (wie eben Andre und Jochen) und der Meinungsaustausch, der in Foren stattfindet. Ich möcht aber nicht postulieren, dass ich jetzt repräsentativ für die Zielgruppe der Gamestar bin. Es wird ja nach wie vor einige Neulinge (wie mich damals) geben, die auch ihren ersten Schritte mit der Gamestar machen werden. Ich bin lediglich an einem Punkt angelangt, an dem mir diese gezwungen-"objektive" Kritik, die dann zu einer Kaufempfehlung führt, nicht weiterhilft. Ich mags mittlerweile ehrlich subjektiv, weil das Endziel für mich nicht die Kaufempfehlung ist, sondern der Beginn einer Diskussion. Ich weiß ohnehin, was ich kaufe oder nicht. Bei meiner Kaufentscheidung stell ich mir auch weniger die Frage, obs "gut" oder "schlecht" ist, was die Gamestar z.B. im wesentlichen macht, sondern ob mich das Spiel interessiert, ob es eine neue Erfahrung bietet, die ich machen will, auch wenn sie nicht perfekt ist. So bin ich z.B. auf Pathologic gestoßen. Hat beim Gamestartest sicher irgendwas im 60er Bereich bekommen, ist aber tatsächlich meine wertvollste Spielerfahrung in den letzten Jahren.
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KingSirus
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Re: Runde 57 - Kritikergekrittel

Beitrag von KingSirus »

Zu aller erst möchte ich erwähnen, dass es eine gewisse Form von Komik beinhaltet, wenn man Andre und Jochen über ein Restaurantkritikerzitat philosophieren hört, bzw. diese es auseinander nehmen ohne dabei scheinbar den Ursprung zu kennen. Für alle die es interessiert: Es handelt sich dabei um eine Schlussszene aus dem Pixarfilm "Ratatouille", als der Restaurantkritiker Anton Ego erfährt, dass sein Gericht von einer Ratte gekocht wurde und er diesbezüglich - zuvor bekannt als harter, gnadenloser Kritiker - mit seiner Form des Kritikgebens ins Hardern gerät.
Insofern sehr unterhaltsam eure Auseinandersetzung mit dieser Schlüsselszene :D

Abgesehen davon möchte ich zwei Punkte aus dem Podcast kurz aufgreifen:
1) Damit eine Kritik mir etwas Unbekanntes über ein Medium und / oder Werk sagen kann, muss besagtes Medium und / oder Werk auch mehr als nur das Sichtbare besitzen. Sprich es muss die Basis der Interpretierbarkeit vorhanden sein. Im neusten Call of Duty, FIFA oder Need for Speed wird es diese Ebene der Interpretierbarkeit wohl kaum geben. Wobei es durchaus Spiele gibt, die so etwas bieten können (wenn beispielsweise sich herausstellt, dass Super Mario Bros. 3 quasi vom Aufbau her einem "Theaterstück", bzw. einer "Theaterbühne" nachgeahmt ist oder auch ein Spiel in seiner Handlung selbst - hier nenne ich als Beispiel mal Bioshock Infinite - eine gewisse Interpretierbarkeit bereit hält). An dieser Stelle frage ich mich nun, wie viele Spiele unterm Strich diese Ebene der Interpretation bereit halten.

2) Steamreviews (genauso Amazon Kundenrezensionen) sind zu 90% furchtbar und helfen meiner Meinung nach keinesfalls bei irgendeinem Kaufentscheid - und ja, diese Aussage ist anmaßend.
Der Grund warum ich diese Behauptung aufstelle, ist meiner reinen Beobachtung geschuldet. Denn die wenigsten Reviews die mir untergekommen sind, setzen sich fundiert mit dem Spiel (oder im Falle von Amazon dem Produkt) auseinander und schlüsseln nachvollziehbar auf, warum ich dieses oder jenes Spiel unbedingt haben sollte, bzw. die Finger davon lassen sollte. Denn jeder Hunz und Kunz fühlt sich berufen eine Kritik abzugeben, egal wie gehaltvoll diese ist. Wenn ich beispielsweise eine negative Kritik auf Steam sehe, die bei einem Indietitel mit Retrooptik nach 0,5h Spielzeit die "hässliche Grafik" bemängelt, frage ich mich wirklich was das soll.
Genauso 1 Sterne Bewertung auf Amazon, weil das Gerät ja beschädigt geliefert wurde. Statt einer "Ragekritik", hätte man sich ja mal schließlich lieber mit dem Verkäufer in Kontakt setzen können, um einen Umtausch durchzuführen. Aber nein, stattdessen beschwert man sich lieber lautstark im Internet. Da vergeht mir die Lust auf das quer lesen, um halbwegs valide Kerninformationen aus mehreren Meinungen herausfiltern zu können...
Dostoyesque hat geschrieben:Bei einer Kunstform gehts immer auch um Zeitgeist und historischen Kontext, desweiteren auch die Umstände. "After the fact"-Kritiken sind deswegen oft sehr schwierig.
Jein, es kann sicherlich durchaus interessant sein und manchmal auch wichtig den historischen Kontext oder andere Umstände in die Betrachtung einfließen zu lassen, aber das bedeutet nicht dass ich dieses Wissen brauch, um eine Meinung und / oder eine Kritik mir bilden / verfassen zu können. Denn ein Werk wirkt nicht allein dadurch, dass wir Kontext und Umstand kennen. Ein Werk wirkt auch bereits aus sich heraus, bzw. sollte es das tun.
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Dostoyesque
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Re: Runde 57 - Kritikergekrittel

Beitrag von Dostoyesque »

Versteh schon, was du meinst, ich komm halt recht stark aus der "Kunst als Intention des Künstlers" Ecke, die für mich am besten funktioniert und am meisten Sinn macht. Wenn ich die Intention des Künstlers nicht einbeziehe in meinen Kunstbegriff machen gewisse Kunstformen wie die Performancekunst für mich nämlich überhaupt keinen Sinn, denn manche dieser "performances" bestehen nur darin, dass Personen auf Stühlen sitzen oder vor einem Tisch mit verschiedenen Gegenständen sitzen, mit denen das Publikum interagieren kann. Die Kunst kommt nicht aus der Betätigung, die nämlich auch trivial sein kann, sie kommt vom Ausdruck und damit der Intention des Künstlers, sonst "ist alles Kunst", weil alles zufällig irgendeinen Ausdruck besitzen kann. Wenn ich morgen ausrutsche und jemand lacht, macht mich das noch nicht zum Künstler, auch wenn mein Fehler in jemandem eine emotionale Reaktion ausgelöst hat. Das gängige Gegenargument zu meiner Perspektive sind oft irgendwelche Beispiele, bei denen Künstler unerwartet eine komplett andere Reaktion auslösen beim Publikum (und die Beispiele stimmen oft auch nicht imho). Fällt für mich unter derselben Kategorie Fehler wie das Ausrutschen. Kann immer noch Wert haben, wie eben ein lustiger Moment im Leben wertvoll sein kann, aber künstlerisch ist es für mich dann weniger interessant.

Um aber den Ausdruck und die Intention lesen zu können, muss ich mich mit dem Künstler als Individuum und Persönlichkeit auseinandersetzen, wie auch seiner Zeit. Deswegen finde ich wenig gefallen an der "sterilen" Kunsterfahrung ohne Vorwissen und Voreingenommenheit. Kunst ist dreckig, fehlerbehaftet und zu oft mit viel Leid verbunden, das gehört für mich dazu. Wie ich in einem Informationsvakuum darauf emotional reagiere ist für mich sekundär, ich will über Kunst Verständnis über die Emotionen anderer erhalten und mich dann im Umkehrschluss in dem Kunstwerk evtl. wiederfinden. Ist jetzt mein Zugang zu Kunst (obs Film, Malerei, Musik oder sonstwas ist, Spiele nehme ich bisher ehrlich gesagt noch nicht mit dieser Ernsthaftigkeit wahr), möchte in keinster Weise behaupten, dies wär der einzige. Ist halt der richtige für mich.
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Re: Runde 57 - Kritikergekrittel

Beitrag von derFuchsi »

Eigentlich könnten wir jetzt in meinem "Definition von Kunst" Thread weiter diskutieren :)

Die Frage wäre dann nämlich wieder ob man Spiele als Kunst betrachtet oder nicht. Zu einem Kunstwerk gehört wie gerade gelesen anscheinend ein Kontext während man sich bei einem einfachen Konsumprodukt mit weniger zufrieden gibt.
Dementsprechend müsste das Werk bewertet werden wobei man u.U. zu völlig verschiedenen Ergebnissen kommt.
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Dostoyesque
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Re: Runde 57 - Kritikergekrittel

Beitrag von Dostoyesque »

Die meisten Spielekritiker, vor allem die professionellen, betrachten und behandeln Spiele momentan als Unterhaltungsprodukt, das man käuflich erwerben kann. Kanns ihnen auch nicht verübeln, weil (wie es der Andre bereits mehrmals angedeutet hat) auch selten die künstlerische Ambition zu finden ist, anscheinend nicht mal bei Interviews mit den Entwicklern. Demnach ist die Spielekritik aber nur schwer mit der Kunstkritik in Film, Musik, etc. vergleichbar. Am ehesten noch mit jemandem wie Jeremy Jahns, der auch relativ oberflächliche Filmkritiken macht, die letztendlich einen Kinobesuch empfehlen oder nicht.

Was Steamreviews angeht: Ich geb nichts auf die Prozentzahl, die oben angegeben wird, aber manche reviews treffen den Nagel wirklich wunderschön auf den Kopf. Mache selten eine Kaufentscheidung von Steamreviews abhängig, eigentlich nie, aber oft sind die reviews doch recht schön ausgedrückt. Hier z.B. eine kurze review zu Pathologic Classic HD

The game is horrible. Horrible not in it's controls, story or graphics. No. The game is horrible because it will constantly taunt you for your every error and misgiving. It's a true survival horror - you're in the middle of a plague trying to survive and your only way of survival is making tough decisions - stealing, looting, trading for outrageous prices. It's all comes down to understanding how desperation can bring a human to the brink of being an animal

But also you're the key to curing the plague. And the game taunts you for every day you will not do it. Every day starts with a death count that you couldn't prevent. Is it fair since the key lies way outside of your graps? Hell no, but the game isn't fair. It will throw punch after punch to the point you're lying there in the puddle of your own tears asking it to stop.

The game is a simulator, simulator of how pitiful life can be if faced under extremity. And thus it's probably one of the most important games ever made - it's unique, amazing and terrifying. It's a horrible fever dream on a steppe that wish you never experience IRL.

10/10


Mehr gibts auch wirklich nicht zum Spiel zu sagen. Ist um ein Vielfaches besser als die längere (und mMn peinliche) Gamestar review damals ("Hässliches Adventure mit öden Dialogen."). Wer Pathologic 41% gibt, braucht sich nicht wundern, dass das Medium stecken bleibt. Classic HD (mein GOTY 2015) bekam nicht mal ne review, von daher ist man bei manchen Spielen ja auch gezwungen, auf andere Mittel umzusteigen.
Zuletzt geändert von Dostoyesque am 11. Mai 2016, 17:14, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Runde 57 - Kritikergekrittel

Beitrag von Dostoyesque »

Axel hat geschrieben:Ich finde Pathologic auch sehr geil. Jedoch kann ich durchaus jemanden verstehen, der dem Spiel ne 4 gibt. Warum sollte man Spiele hoch bewerten, bei denen man kein Spaß hatte?
Im Fall von Pathologic ist "Spaß" nicht das Ziel. Hab auch nie "Spaß" an Pathologic gehabt. Pathologic bietet eine sehr deprimierende, glaubhafte Erfahrung in dem präsentierten Szenario (weswegen die zitierte Steam review auch so gut ist, weil sie das Gefühl beim Spielen gut wiedergibt). Es fühlt sich am ehesten wie eine Simulation an, ein first person SIMS, bei dem es Charaktere, Geschichte, ein absolut einzigartiges, verstörendes Szenario und ein Endziel gibt, das man erreichen oder auch nicht erreichen kann. Autoren wie Dostoyevski werden gern in den Kommentaren erwähnt, weil das Lesen seiner Romane ähnlich deprimierend sein konnte. Das Spiel lässt einen scheitern und bestraft das nicht mit einem "game over" screen, sondern zeigt einem die Konsequenzen des Scheiterns, jeden Tag. Wer auch immer den Gamestartest gemacht hat (ist nicht mehr einsehbar, weswegen ich mir erlaube, das so auszudrücken, ansonsten wär ich vorsichtiger, weil ich hier niemanden persönlich angreifen will), hat hier mMn massiv daneben gegriffen. Das Fazit war "hässlich + öde Dialoge", was auf eine sehr oberflächliche Betrachtung des Spiels schließen lässt, denn dass das Spiel nicht besonders hübsch ist, ist auf den ersten Blick klar und dass man viel Dialogzeilen lesen muss, die man eingangs nicht zuordnen kann, weil das Spiel einem nicht die Hand hält, auch. Hab keinen Zugriff mehr auf den Test, aber ich erinnere mich an das starke Gefühl, dass der entsprechende Redakteur das Spiel mit Sicherheit nicht ein Mal durchgespielt hat, was bei einem Spiel wie Pathologic, das im besten Fall mehrmals (weil mehrere Perspektiven) gespielt werden sollte, katastrophal ist. Der Release 2006 war aber durchaus unheimlich fehlerbehaftet, weswegen ich mit irgendwas im 60er Bereich gerechnet hätte, weil da die GameStar traditionell gern (und nicht zu Unrecht) abstraft. Die 41% und das fehlende Eingehen auf die Classic HD Version ist aber sehr bedauerlich. Hab ein *bisschen* gehofft, dass das Spiel zum Dimi durchgesickert ist (war einfach so ein Bauchgefühl, dass er es evtl. kennt), aber dem war leider nicht so.
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Re: Runde 57 - Kritikergekrittel

Beitrag von derFuchsi »

Beim 4Players Test sieht es aber auch nicht besser aus.

[EDIT]

Von wegen Pathologic Kritiken, Andre hat im Altbier #3 Thread auf eine passende Diskussion verlinkt.
Hier wird ja quasi auch darüber diskutiert wie man ein Spiel überhaupt bewerten kann oder darf. Andre meint sinngemäß "Blödes Spiel, macht keinen Spaß" und Nino reagiert (anscheinend ziemlich angepisst) sinngemäß mit "Es ist ziemlich überheblich jemandem den Spielspaß abzusprechen, ich fand den Titel nämlich hervorragend"

Da wären wir bei dem 41% Titel Pathologic von dem Dostoyesque sich aber offensichtlich sehr gut unterhalten fühlte weil es genau seinen Geschmack traf.
Zuletzt geändert von derFuchsi am 11. Mai 2016, 15:28, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Runde 57 - Kritikergekrittel

Beitrag von Dostoyesque »

derFuchsi hat geschrieben:Beim 4Players Test sieht es aber auch nicht besser aus.
Wo nicht vorhandene Weitsicht, klobige Bewegungen oder umständlichen Menüs schon die ersten Interessenten abschrecken, tun die Wischiwaschi-Aussagen eurer Dialogpartner, ausgedehnte Laufwege sowie die oftmals unklare Aufgabenverteilung ihr Übriges.
Im wesentichen also wieder "hässlich + öde Dialoge + weiß nicht was ich machen soll, habs auch nicht durchgespielt", imho. Ich möchte in keinster (!!) Weise sagen, das Spiel sei fehlerlos, vor allem der release 2006 war voll Fehler, aber die Spielepresse war für ein Spiel dieser Art absolut nicht vorbereitet, imo. Die Entwickler haben übrigens auch das sehr abgefahrene The Void entwickelt, wo auch niemand so Recht wusste, wie man das Ding jetzt bewerten soll. Die Ice Pick Lodge Spiele sind mit die einzigen Spiele, denen ich künstlerische Ambitionen zusprechen würde (neben Spielen wie z.B. Silent Hill 2 oder System Shock 2), die Spielepresse war aber mMn absolut nicht bereit für solche Titel, eben weil die Redakteure zu Produktrezensenten und nicht zu Kunstkritikern ausgebildet werden und wurden. Das kleine Budget und der (fehlende) Erfolg (heutzutage ist es wohl am ehesten ein "Kultklassiker", aber auch nur in sehr kleinen Kreisen) sind auch wieder Anzeichen dafür, dass weder die Industrie noch das Publikum bereit für solche Risiken ist. Sehr schade. Magazine wie die Gamestar oder 4Players haben eben ihre Zielgruppe und ihren "Schtick", wobei sich hier die Lage durchaus bessert, weil es immer öfter mal einen persönlicheren Report eines Redakteurs gibt. Diese Reports, obwohl sehr schön zu lesen, fungieren aber leider oft nur als Beiwerk, werden eher schüchtern auf die website geklatscht und werden nicht auf eine Ebene mit großen Previews und Reviews gestellt, als ob Subjektivität etwas ist, vor dem man sich schämen muss.

Und natürlich ist alles irgendwie "Geschmackssache". Ich finde mittlerweile als erfahrener Spiele jedoch subjektive Meinungsäußerungen von Redakteuren, deren Meinungen ich respektiere interessanter als deren Versuch, eine möglichst objektive, deskriptive und nüchterne Durchdeklination eines Spiels zu lesen. Liegt aber auch an der Zielgruppe der Gamestar, gar nicht an fehlender Kompetenz der Redakteure, wie man auch bei den Reports sieht. Da würde deutlich mehr gehen! Erst kürzlich hats wieder 2 nette Sachen vom Graf und Dimi gegeben. Aber ja, alles unter dem Mantel der "Achtung, folgender Text spiegelt meine persönliche Meinung, nicht die der Redaktion wider" oder "Achtung, folgender Text ist etwas theoretischer" disclaimer. Hat mich schon etwas traurig gemacht, dass sich Dimi ernsthaft für seine Mühen bereits im Vorfeld entschuldigen muss in seinem letzten Artikel. Ist bestimmt nicht angenehm, sich mit seiner Meinung vors ganze Internet zu stellen, aber bisschen mehr Mut bzw. Unterstützung von der Redaktion würde die Gamestar o.ä. für mich auf ein neues Niveau heben.

edit: Aber mal ganz ehrlich - das writing von David Cage ist doch echt zum Kotzen, mag die Spiele ernsthaft irgendjemand? ;)

edit 2: @ DerFuchsi: Alter Falter, hab das Video noch nie gesehen. Ein klassischer Fall von Person A findet Gegenstand dumm, Person B mag den Gegenstand aber und für Person B fühlt es sich jetzt so an, als ob sie selbst als "dumm" bezeichnet wird. Hat wohl jeder mit seinen Freunden schon erlebt. Kann den Nino emotional verstehen in der Situation, aber er packt die Keule zur 5. Minute doch recht rabiat aus. Weiß gar nicht, ob ichs fertig sehen will, ist schon sehr unangenehm :D
Nino benutzt mMn einen sehr unfairen cop-out und macht das ganze Ding sehr persönlich: Seine These ist, dass seine Emotionen real sind und damit das Spiel gekonnt Emotionen hervorgerufen hat und das demnach gut kann. Wenn er bei seiner persönlichen Erfahrung bleiben würde, wär das auch ok so. Nun ist er aber Spieleredakteur, ein bisschen mehr Distanz wäre durchaus erwünscht. Versteht mich nicht falsch, ich will nicht, dass er mir den "objektiven" Standardartikel von Gamestar abliefert, aber ich finde schon, dass sich eine subjektive, überlegte Meinung von einer initialen emotionalen Reaktion unterscheidet. Ich hab öfter mal auf irgendeinen Scheiß emotional reagiert und mir danach, mit etwas Distanz, gedacht "was war denn das für ein bullshit, hat in der Rückbetrachtung keinen Sinn gemacht und war auch furchtbar kitschig". Man kann Dinge wie writing durchaus ausserhalb seiner emotionalen Kapsel betrachten und da sehen die Cage Spiele in der Regel sehr miserabel aus. Ersteres würd ich mir mehr wünschen, letzteres ist im wesentlichen Ninos Argument und leider sehr unnahbar, weil die gegenständliche Diskussion damit beendet ist und viel mehr darüber geredet wird, wessen Emotionen jetzt "richtiger" sind, wessen Gefühle "schlauer" sind, wer sich einfacher manipulieren lässt, etc. Dann gehts nur noch um die beteiligten Personen und nicht mehr um den eigentlichen Gegenstand. Finde es schon verblüffend, dass ein Journalist aus dieser Branche diese Unterscheidung nicht kennt bzw. bewusst ignoriert. Nur weil es einen "emotional packt" wenn man nicht kurz stehen bleibt und nachdenkt darf man jegliche Überlegung und Analyse einfach sein lassen?! Er bezeichnet journalistische Distanz als "sich über etwas stellen". Klar kommt der Nino aus einem Eck mit tendentiell größerer Kitsch-Toleranz (da er ja großer Anime Fan ist und Kojimas writing zu mögen scheint), ist auch ok, ich mag auch Studio Ghibli, Monster u.ä., aber nichtsdestotrotz ist mir sein Argument viel zu "beleidigt" und nicht gegenständlich genug. Interessanterweise sehen das Leute in den Kommentaren ganz anders. Andre ist zwar schon etwas "aggressiv" im weiteren Verlauf, aber Nino eskalierts ja, von daher wars ja gewissermaßen "fair game". Bin zwar late to the party (Anglizismus #944), aber (den Kommentaren nach zu urteilen) der erste im Team Andre :D
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Re: Runde 57 - Kritikergekrittel

Beitrag von derFuchsi »

Dostoyesque hat geschrieben:... die Spielepresse war aber mMn absolut nicht bereit für solche Titel, eben weil die Redakteure zu Produktrezensenten und nicht zu Kunstkritikern ausgebildet werden und wurden.
...
Jetzt wo ich die Folge auch endlich gehört habe fällt mir auf dass mir der unterschied zwischen Produkttest, Rezension, und Kritik bisher nicht so recht klar war. Interessanter Punkt, auch wenn mir noch nicht ganz im Klaren bin wo genau der Unterschied ist.
Dostoyesque hat geschrieben:... Weiß gar nicht, ob ichs fertig sehen will, ist schon sehr unangenehm :D
Nino benutzt mMn einen sehr unfairen cop-out und macht das ganze Ding sehr persönlich: Seine These ist, dass seine Emotionen real sind und damit das Spiel gekonnt Emotionen hervorgerufen hat und das demnach gut kann.
Unfair war auch mein Gedanke beim Ansehen. Andre versucht das Ganze mit etwas Abstand zu sehen und Nino kommt mit der persönlichen Keule gegen die man auch schlecht argumentieren kann.
Andre nahm den Link als negatives Beispiel wie ein erster Eindruck täuschen kann und meinte er machte dort eine schlechte Figur. Ich finde aber Nino kommt dort noch sehr viel schlechter rüber. Nach dem Video war mir der Typ dermaßen unsympathisch dass ich keine Lust mehr hätte mehr von ihm zu sehen.

Aber darum geht es ja nicht. Interessant war die übergeordnete Diskussion wie das Spiel denn zu bewerten wäre und was man bewerten darf und was nicht. Darf oder kann man Spielspaß überhaupt bewerten? Spielspaß ist ja ziemlich subjektiv wie man gerade an der Pathologic Diskussion sieht.

Dann wären wir auch irgendwie wieder beim Thema Produkttest vs Kritik.
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Re: Runde 57 - Kritikergekrittel

Beitrag von KingSirus »

Dostoyesque hat geschrieben:Versteh schon, was du meinst, ich komm halt recht stark aus der "Kunst als Intention des Künstlers" Ecke, die für mich am besten funktioniert und am meisten Sinn macht.
Ja, wenn man aber auch davon ausgeht, dass ein Kunstwerk ebene das hat: eine künstlerische Intention! Darum spreche ich immerzu vom Werk, nicht vom Kunstwerk. Hier ist für mich ein gravierender Unterschied auszumachen. Trotz des schaffenden Charakters von Autoren, Musikern, Malern oder eben Spieleentwicklern bedeutet es nicht, dass jede Person dieser Berufsfelder wirklich künstlerisch tätig sind (ich verweigere einfach den Glauben, dass "Feuchtgebiete" und "Shades of Grey" künstlerischen Anspruch und / oder Intention haben sollen...).
Wenn wir also davon sprechen, dass Kritik an einem Werk geübt wird, sollte man sich erst einmal fragen, ob dabei ein Werk mit künstlerischer Intention gemeint ist!

Denn wie du später an anderer Stelle sehr treffend sagst:
Dostoyesque hat geschrieben:Die meisten Spielekritiker, vor allem die professionellen, betrachten und behandeln Spiele momentan als Unterhaltungsprodukt, das man käuflich erwerben kann. Kanns ihnen auch nicht verübeln, weil (wie es der Andre bereits mehrmals angedeutet hat) auch selten die künstlerische Ambition zu finden ist, anscheinend nicht mal bei Interviews mit den Entwicklern. Demnach ist die Spielekritik aber nur schwer mit der Kunstkritik in Film, Musik, etc. vergleichbar.
Und hier geht für mich ein weiter Fehlgedanke mit einher. Denn auch in den Bereichen die du alleinig der Kunstkritik zuschreibst - sprich, Film, Musik, Literatur, etc. - gibt es reine Unterhaltungsprodukte. Diese haben zwar keine tiefere künstlerische Bedeutung und / oder Intention, aber durchaus tiefergehende Gedanken. In so einem Fall kann eben ein Werk aus sich heraus wirken, ohne eben das zusätzliche Wissen des Entstehungskontextes. Und dementsprechend kann es auch hierzu interessante Kritiken geben, die die tieferen Gedankenebenen des Werkes analysieren.


Meiner Meinung nach ist es ja so, dass selbst in den noch klassisch als typisch kunstgeprägte Schaffensbereichen, es immer seltener darum geht auch eine Kunst mit Intention zu schaffen. Filme, Musik, Bilder, Literatur, alles entwickelt sich mehr und mehr in eine der Unterhaltung untergeordnete Schaffenswelt. Dies bedeutet zwar nicht, dass es eben nicht auch die künstlerisch orientierten Dinge gibt, jedoch in Relation zur Gesamtheit, nehmen sie immer weniger Platz ein. Das entscheidende ist ja auch, die Frage der Finanzierung. "Wahre" Künstler können auch in den seltensten Fällen von ihrer Kunst mit Intention leben! Das man sich dann wundert, warum es keine Videospiele mit künstlerischem Anspruch gibt, verwundert mich wiederum...
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Re: Runde 57 - Kritikergekrittel

Beitrag von Dostoyesque »

KingSirus hat geschrieben:
Dostoyesque hat geschrieben:Die meisten Spielekritiker, vor allem die professionellen, betrachten und behandeln Spiele momentan als Unterhaltungsprodukt, das man käuflich erwerben kann. Kanns ihnen auch nicht verübeln, weil (wie es der Andre bereits mehrmals angedeutet hat) auch selten die künstlerische Ambition zu finden ist, anscheinend nicht mal bei Interviews mit den Entwicklern. Demnach ist die Spielekritik aber nur schwer mit der Kunstkritik in Film, Musik, etc. vergleichbar.
Und hier geht für mich ein weiter Fehlgedanke mit einher. Denn auch in den Bereichen die du alleinig der Kunstkritik zuschreibst - sprich, Film, Musik, Literatur, etc. - gibt es reine Unterhaltungsprodukte.
Stimmt nicht - ich hab klar von "Kunstkritik in Film, Musik, etc." gesprochen und als Gegenbeispiel Jeremy Jahns erwähnt, der eben Filme als Unterhaltungsprodukte rezensiert und bewertet. Die meisten Spielekritiker sind mit letzterem vergleichbar, nicht mit ersterem, imho.
No offense, aber aufgrund der Formulierung "weiterer Fehler" begab ich mich auf die Suche nach meinem ersten Fauxpas. Das erste zitierte Teilstück kanns nicht sein, da ich auf das komplette Argument deines ersten Absatzes ja später eingehe und bereits in vorangegangen Kommentaren eingegangen bin (Stichwort Performancekunst). Ausser das "weiter" war kein Tippfehler und war demnach nicht als "weiterer" gemeint. Much confused.

Stimme nicht zu, dass die Tendenz allgemein Richtung Unterhaltung geht und immer weniger Leute künstlerische Intention in ihrem Werk integrieren. Im wesentlichen bleibt das Verhältnis gleich, es gibt durchaus eine Unmenge an Filmemachern und Musikern, die ihr Handwerk als Kunst betrachten und es auch so angehen. Die Unterhaltungsindustrie ist nun Mal die deutlich lautere Industrie, weil sie per definitionem gehört werden und sich verkaufen will. Die Unterhaltungsbranche war schon immer erfolgreicher und medial präsenter als die Kunst, seitdem die beiden Richtungen parallel existieren. Mozarts Tanzmusik war populärer als sein Requiem. Und ja, Künstler sein ist durchaus ein hartes Brot, deswegen wurden ja auch Websiten wie z.B. Patreon gegründet, die sich direkt in der Tradition der Künstlerpatronage vergangener Jahrhunderte sehen. Einer der Gründer von Patreon (Jack Conte) war jahrelang selbst Youtube-Musiker mit seinem Solowerk und der Band Pomplamoose. Klar muss ein Künstler von seiner Kunst irgendwie leben können - viele gehen aber erhebliche Risiken ein, um ihre künstlerische Integrität nicht zu gefährden. Jack Conte (wie auch andere, unbekannte Musiker) selbst hat eine Zeit lang überlegt, einen Plattenvertrag bei einem Label zu unterschreiben. Das kommt aber mit sehr unangenehmen Pflichten (XYZ Anzahl an Alben in 3 Jahren z.B.) einher, die mit seinem künstlerischen Prozess nicht vereinbar waren. Wär aber die finanziell stabilere Lösung für viele, man opfert jedoch viel künstlerische Freiheit.
Bei Spielen ist speziell das Problem, dass das Medium im Gegensatz zu Musik oder auch Film sehr, sehr jung ist und zu einer Zeit "groß" wurde, zu der Produktdistribution -/und vermarktung riesige Schritte machte, was nur einer der Faktoren ist, der begründet, warum Spiele so sehr im Unterhaltungssektor verankert sind. Ein weiterer ist wohl auch, dass die ersten Schritte des Computerspiels von Tech-Leuten gemacht wurden, nicht von Künstlern. Computerspiele haben als Unterhaltung und Tech-Spielerei als Nebenschauplatz der Computer-/ und Internetrevolution begonnen, nicht als eigenständige Kunstform, wohingegen sich der Film z.B. relativ schnell auf die Malerei und Literatur bezog (siehe z.B. deutsche expressionistische Filme und ihr Verhältnis zur Malerei und Literatur). Sowas gabs einfach (noch) nicht oder nur sehr selten bei Spielen, imho.
Zuletzt geändert von Dostoyesque am 12. Mai 2016, 18:40, insgesamt 1-mal geändert.
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