Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

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Feamorn
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Feamorn »

Jon Zen hat geschrieben:
7. Apr 2021, 22:07
Monty Pythons The Meaning of Life (1983)
Ich fühle mich nicht ermächtigt, über diese geniale, wie wahnsinnige Satire ein Urteil zu fällen. Interpretationen dazu bedürften ganze Bücher für die jeweilige Argumentation. :P
Immer noch sind die behandelten Themen aktuell.
Das war tatsächlich im jungen Jahren mein Python-Erstkontakt und, wohl auch dadurch, bis heute im Herzen mein Favorit.

Andreas29
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Andreas29 »

Bad Times at the El Royal
2018; Regisseur: Drew Goddard; DarstellerInnen: Jeff Bridges, Cynthia Erivo, Dakota Johnson, John Hamm, Chris Hemsworth; Genre: Thriller

Wir schreiben das Jahr 1969: Das El Royal Hotel steht genau auf der Grenze von Nevada und Kalifornien und ist zweigeteilt. Das führt z.B. zu der Eigenheit, dass man auf der einen Seite zocken kann und auf der anderen nicht. Eines Tages kommen vier Fremde - ein Priester, ein blasierter Geschäftsmann, eine sehr selbstbewusste und konfrontative Frau und eine Frau, die sehr normal wirkt - ins Hotel, das eigenartig verlassen wirkt. Nur ein Page ist noch vor Ort, der alle Aufgaben erfüllt. Die Gäste scheinen alle ein Geheimnis und eine eigene Agenda zu haben und checken in verschiedene Zimmer ein. Nach und nach kommen sich die Vier in die Quere.

Es gibt gute Filme, über die man sich freut und es gibt schlechte Filme, von denen man enttäuscht ist. Es gibt aber auch noch eine dritte Art von Filmen, nämlich die, die ihr großes Potenzial nicht ausschöpfen... und über die ärgert man sich. “Bad Times at the El Royal” ist so ein Exemplar. Das Hotel ist richtig schön und atmosphärisch, das Szenenbild wirklich ein hübsch ausgestatteter Hingucker. John Hamm, Jeff Bridges und Dakota Johnson, aber auch gerade die unbekannteren Schauspieler Lewis Pullman (Sohn von Bill) und Cynthia Erivo sind über jeden Zweifel erhaben. Zusammen mit der Optik rundet ein toller zeitgenössischer Soundtrack mit einer Mischung aus bekannten und eher unbekannten Songs der Ära das großartige Late-60s-Feeling ab. Auch der Aufbau des Films – sagen wir die erste Stunde – ist wirklich interessant und initiiert sehr gekonnt mit einer Episodenhaftigkeit inklusive Zeitversetzung die Spannung, was denn nun hinter alledem steckt. Auch der ziemlich frühe Tot einer Figur, die man für eine der Hauptfiguren hält lässt aufhorchen. Der Streifen hat auch mit seinem R-Rating die nötige Härte und hier und da spratzt es ganz ordentlich. Aber dann, ja aber dann... alles was ich geschrieben habe stellt sich als reine Hülle heraus. Auf die große Auflösung, die man durch die clevere Inszenierung zu Anfang erwartet, wie das denn nun alles zusammen hängt und was das alles zu bedeuten hat, wartet man vergebens. Das größte Problem ist allerdings das Pacing... das habe ich wirklich selten erlebt. Akzeptiert man den langsamen und aufbauenden Beginn noch, weil sich Filme eben aufbauen müssen und es legitim ist, wenn das behutsam geschieht, bleibt "Bad Times at the El Royale" bis zum letzten Viertel seiner 140 Minuten in diesem schleppenden Tempo. Ständig wartet man darauf, wann es denn jetzt richtig los geht. Wer wenigstens dann ein temporeiches und spannendes Finale erwartet, hat sich getäuscht, denn dann steht der Film wirklich geradezu still und tritt auf der Stelle. Ab da verlässt man sich auf einen völlig überdrehten und eher peinlich als cool rüberkommenden Chris Hemsworth, der irgendwann auftaucht und den Film vollkommen aus der Bahn wirft und aus dem zunächst clever anmutenden Thriller ein Affentheater macht. Wenigstens darf er für die Ladys konstant im nackten Oberkörper seine durchaus stattliche Figur präsentieren...
Dann werden mir am Ende auch noch Emotionen abverlangt, die so gut sie auch gespielt sein mögen nicht richtig wirken, weil ich zwar mehr über die Charaktere und ihre Vergangenheit erfahren habe, aber deren plötzliche Bindung untereinander kaum nachvollziehbar ist.
Und dieses ja wirklich interessante und seltsam entrückt wirkende Setting des Hotels entpuppt sich als reines Gimmick hinter dem überhaupt gar nichts Tieferes verborgen ist.
Style over Substance in Reinkultur.

2,5 von 5 Sternen.
https://letterboxd.com/film/bad-times-a ... le/genres/

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Heretic
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Heretic »

Immer Ärger mit Grandpa

Rober De Niro, Uma Thurman, Christopher Walken, Jane Seymour, Cheech Marin - bei diesem Aufgebot an (Alt)Stars kann ja nicht viel falsch laufen, oder? Tja, so kann man sich irren. Wie der generische Filmtitel bereits dezent andeutet, quält man sich fast 100 Minuten lang durch bieder-belanglose Flachwitzchen mit nicht zündenden Pointen. Inhalt: Enkel erklärt Großvater den Krieg, weil er sein Zimmer an ihn abtreten und auf den Dachboden ziehen musste. Also spielt man sich gegenseitig Streiche auf "Kevin allein zu Haus"-Niveau. Wobei... nee, diesen Vergleich haben selbst die nach meinem Geschmack grandios unlustigen Kevin-Filme nicht verdient. Die haben immerhin ein paar originelle Momente. Was diesem Streifen hier leider völlig abgeht. De Niro spielt im Standby-Modus den Standard-Opa. Walken, Seymour und Marin werden als Nebenfiguren verheizt und erhalten zuwenig Raum, um in irgendeiner Form glänzen zu können. Und Uma Thurman hätte ich fast nicht erkannt, so bieder und langweilig ist ihre Rolle angelegt. Auch die Jungmimen können dank ihrer Klischeecharaktere nichts mehr reißen. Ein Film zum Vergessen.

Andreas29
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Andreas29 »

Dancer in the Dark
2000; Regisseur: Lars von Trier; DarstellerInnen: Björk, Catherine Deneuve, David Morse, Peter Stormare; Genre: Drama

USA, 60er Jahre: Selma ist aus der Tschechoslowakai eingewandert und lebt mit ihrem Sohn in einfachen Verhältnissen in einem Wohnwagen. Sie ist liebenswert, etwas tollpatschig, Fan von Musicals, spielt selber in einer Laiengruppe mit... und wird bald aufgrund einer Erbkrankheit erblinden. Sie befürchtet, dass ihr Sohn dasselbe Schicksal ereilen wird, was nur durch eine teure Operation zu verhindern ist. Zusammen mit ihrer Freundin Kathy arbeitet sie deshalb in einer Metallfabrik und macht nebenbei kleine Auftragsarbeiten, wie etwa Haarnadeln zu formen oder sie faltet Glückwunschkarten. Der Vermieter, der ihr das Grundstück für ihren Wohnwagen zur Verfügung stellt, gerät jedoch in Geldsorgen und bittet sie darum ihr Geld zu leihen. Natürlich kann sie das nicht, weil es für ihren Sohn ist, aber der Mann gibt sich nicht mit einem Nein zufrieden...

...und ab da geht es abwärts. Das ist kein Spoiler, denn der Film ist vom “Meister des Verstörenden und Pessimistischen” Lars von Trier und somit weiß man, dass man hier keine Aufsteigergeschichte und ein Happy End erwarten kann.
Der Film ist manipulativ, übelst manipulativ. Man soll Selma lieben, damit der Tritt in die Magengrube möglichst schmerzhaft ist; man weiß das, aber man kann sich dem trotzdem nicht erwehren. Sie ist einfach zu zuckersüß, so naiv, arm dran und trotzdem lebensfroh, herzensgut, treu und dann hat sie auch noch eine Behinderung und als Zuckerguss oben drauf schuftet sie für ihren Sohn. Und es liegt daran, dass die Sängerin Björk einfach unfassbar gut spielt und zurecht für einen Golden Globe nominiert wurde und die Goldene Palme für ihre Leistung bekommen hat. Völlig unverständlich wurde sie allerdings nicht einmal für den Oscar nominiert. Das Ganze ohne schauspielerische Ausbildung und mehr oder weniger spontan, denn sie sollte ursprünglich nur die Musik machen, als sie von Trier fragte, ob sie die Rolle verkörpern möchte.
Und dann wird ihrer Figur in diesem Film übel mitgespielt und zwar so übel, dass es einen emotional unangespitzt in den Boden rammt. Dabei positioniert "Dancer in the Dark" sich nicht nur als Dekonstruktion von Musicals, sondern als richtiges Anti-Musical. Es gibt Gesangs- und Tanzeinlagen, die ziemlich eigenartig und deplatziert wirken, aber das sollen sie. Selma sagt an einer Stelle im Film, dass sie Musicals mag, weil “nichts Schlimmes passiert, wenn gesungen wird”. Aber der Film holt einen stets auf den Boden der Tatsachen zurück, wenn die Musik verstummt und die Spirale in den Abgrund dreht sich weiter. So werden diese fröhlichen Gesangseinlagen zum zynischen Kommentar. Mit etwas Singen ist es in der Realität eben nicht getan, will uns von Trier zeigen.
Die letzten ca. 15 Minuten des Films sind sehr schwer anzuschauen und werden meine Netzhaut wahrscheinlich nie mehr verlassen, weil Lars von Trier hier knallhart in Aussage und Konsequenz auf Linie bleibt. Nur ein ganz kleiner Hoffnungsschimmer wird uns gegeben, aber auch da kann man sich nicht ganz sicher sein. Auch das allerletzte Bild des Films bleibt sich treu und blendet einen optimistischen Satz ein, wie er am Ende eines Musicals stehen könnte, während uns gerade genau das Gegenteil gezeigt wurde und ihn damit in den bitterbösen Zynismus verschiebt.
Aufgrund der nüchternen und dokumentarischen Kamera wirkt der Film sehr real und naturalistisch – besonders in den Dialogen - und somit auch authentisch, was einen noch mal zusätzlich näher an die Figuren bringt und einen noch mehr mitfühlen lässt. Die Charaktere sind immer nachvollziehbar und als was sich der ein oder andere Charakter heraus stellt, ist durchaus überraschend.
Auch wird der sogenannte "Red Scare" in den USA der 60er Jahre verhandelt, denn auch ohne zu spoilern kann man sagen, dass das Herkunftsland von Selma ihr nicht zum Vorteil gereichen wird.
"Dancer in the Dark" und Lars von Trier selber sind angreifbar... keine Farge. Viele reden von “Sad Porn”, "Misery Porn", Zynismus, Sadismus gegen den Zuschauer oder gegen die geschaffenen Charaktere oder man wirft von Trier vor ein Menschenfeind zu sein. Aber um jemanden so sehr emotional mitnehmen zu können, muss man Charaktere erschaffen können, die einem am Herzen liegen. Das hat er in diesem Film getan und das könnte keiner, der Menschen hasst. Und auch wenn der Film einen mit Depressionen zurücklassen kann, ist man in der guten Gewissheit, dass es ja wirklich Menschen wie Selma da draußen gibt, denen das nicht passiert, was sie im Film mitmacht. Das spendet einen gewissen Trost, dass man hier eben nur den Fall sieht, wo wirklich alle schief läuft.
Der Film wurde übrigens insgesamt bei den Oscars fast komplett außen vor gelassen; nur ein Filmsong von Björk wurde nominiert. Dabei hätte man nicht nur Björk für das Schauspiel, sondern auch Catherine Deneuve ruhig wenigstens nominieren können. Und das Drehbuch und die Regie hätten auch eine Nominierung verdient, sowie eine als bester Film. Aber das befeuert nur die Vermutung, dass pessimistische Filme eher nicht bei der Academy funktionieren (siehe den sträflich verschmähten “Nightcrawler”).
Dennoch möchte ich keine uneingeschränkte Empfehlung geben. Ich habe von nicht wenigen Menschen gelesen und gehört, die der der Film wirklich richtig platt gemacht hat. “Dancer in the Dark” ist vollkommen zurecht im Internet auf vielen Toplisten der Marke “Saddest Movies of all Time”, “Movies that make us cry”, “Most disturbing Movies”, “Darkest Movies of all Time” oder “Movies you can only watch once”.
Also: Wissen worauf man sich einlässt und nicht gucken, wenn man sowieso schon schlecht drauf ist. Lars von Trier ist ein Filmemacher, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, dass sich das Publikum möglichst unwohl fühlt. Ich kann nur noch einmal wiederholen: Der Film steht ständig auf der Kippe zum manipulativen Tränendrücker, aber er ist so gut gespielt, inszeniert, abgründig böse und konsequent, dass es trotzdem funktioniert. Und das ist äußerst bemerkenswert.

Und übrigens auch mal Grüße an die FSK, die diesen Film ab 12 freigegeben hat. Puh. Bin da eigentlich ziemlich liberal und rein von der Gewalt ist da nix, was man beanstanden kann. Aber psychologisch ist der Film für das Alter viel zu bedrückend.

4,5 von 5 Sternen
https://letterboxd.com/film/dancer-in-the-dark/

Andreas29
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Andreas29 »

The Host
2006; Regisseur: Bong Joon-ho; DarstellerInnen: Song Kang-ho, Byun Hee-bong, Go Ah-sung; Genre: Monsterdrama

Im Jahr 2000 in einer US-amerikanischen Basis in Südkorea: Ein amerikanischer Forscher befehligt einen südkoreanischen Mitarbeiter giftige Chemikalien in den Abfluss eines Waschbeckens zu entsorgen. Trotz der Bedenken, dass das Zeug dann im nahen Fluss landet, wird dem Folge geleistet. 2 Jahre später entsteigt ebenjenem Fluss ein Monster, dass die Menschen auf der Promenade angreift. Unter ihnen ist auch Gang-du, der dort zusammen mit seinem Vater eine Essensbude betreibt. Seine Tochter Hyun-seo gerät in die Fänge des Monsters und wird für tot gehalten. Doch während Gang-du mit seinem Vater und herbeigeeilten Geschwistern in Quarantäne ausharrt ruft ihn plötzlich seine Tochter an und es stellt sich heraus, dass sie noch lebt. Keiner glaubt ihm und seiner Familie und sie brechen aus um Hyun-seo auf eigene Faust aus den Fängen des Monsters zu befreien.

Bong Joon-ho, der 2019 mit dem gesellschaftskritischen Drama "Parasite" bei Kritikern und Publikum einen Megahit landete und 2020 bei der Oscarverleihung Geschichte schrieb, ist der Regisseur dieses Monsterfilms. Das weckt natürlich Erwartungen, gerade wenn man auch noch zu der Hälfte der Menschheit gehört, die Snowpiercer von ihm nicht hasst, sondern für einen außergewöhnlich guten Film hält.
"The Host" enttäuscht auf hohem Niveau. Natürlich ist das keiner dieser vielen stumpfen Vertreter des Genres, denn Joon-ho findet auch hier wieder seinen ganz eigenen Dreh: Anstatt auf ausladende Actionsequenzen, Zerstörung und Bombast zu setzen, steht hier der Zusammenhalt der Familie im Mittelpunkt, die trotz aller Differenzen alles füreinander tut und natürlich besonders die Liebe eines Vaters zu seiner Tochter. Dass das einen emotional erreicht, liegt zunächst einmal an den tollen Darstellern, allen voran Song Kang-ho, der auch fast 15 Jahre später in "Parasite" die Hauptrolle spielte. Aber auch Byun Hee-Bong liefert eine herausragende Leistung als Opa ab. Und der Regisseur und Drehbuchautor Bong Joon-ho schafft es auch, dass jeder in der Familie sein ganz eigenes markantes Profil bekommt: Der trottelige und tollpatschige, aber liebenswerte Vater; der aufgrund seines Aktivismus als Student gescheiterte Bruder; die Schwester, die als Sportlerin aufgrund von Komplexen viel erfolgreicher sein könnte, als sie ist; die aufgeweckte und selbstbewusste Tochter und der weise und überraschend tatkräftige Opa, der die ganze Truppe zusammen hält. Die wachsen einen alle sofort ans Herz und man bangt um sie. Das ist eine Sache, die "The Host" wirklich vielen Vertretern seines Genres weit voraus hat: Einen interessieren die Menschen und es ist einen nicht egal, ob sie, aufgefressen oder zertreten werden.
Auch ist diese Hatz einfach sehr spannend inszeniert. Unsere Protagonisten stehen nicht nur unter dem ständigen Druck rechtzeitig zu kommen, um die in ständiger Gefahr schwebende Hyun-seo zu befreien, sie sind auch noch in der Gefahr selber vom Monster angegriffen zu werden und werden oben drauf noch von den Behörden gejagt, weil sie ja aus der Quarantäne ausgebrochen sind. Denn angeblich verbreitet das Monster auch einen tödlichen Virus.
Das besagte Monster sieht übrigens erstaunlich gut aus. Wenn man bedenkt, dass der Film 2006 entstanden ist und asiatische Filme gerne mal beim CGI gegenüber US-amerikanischen Produktionen zurückhängen, ist das sehr beachtlich. Aber die größte Stärke ist das Design, denn das ist schwer einzuordnen. Auf vielen Bildern und DVD/Blu-ray-Covern des Films sieht man diesen einen Tentakel aus dem Wasser ragen und ich hatte schon befürchtet, dass das schon wieder ein Lovecraft-Cthulu-Klon wird, aber der Tentakel stellt sich lediglich als Schwanz eines ziemlich eigenen und eklig aussehenden Viechs heraus. Und es ist auch nicht so unfassbar groß und die Gefahr entsteht eher durch seine Schnelligkeit.
Auf der anderen Seite ist das Monster aber auch der größte Kritikpunkt und ein Grund dafür, dass ich am Ende sage, dass meine – vielleicht zu hohen – Erwartungen nicht ganz erfüllt worden sind: Es steckt nicht mehr dahinter als das, was ich oben in die Storyzusammenfassung geschrieben habe. Ich hatte mir irgendwie erhofft, dass auch da mal ein etwas tiefsinnigerer Ansatz gefunden wird, aber das Ungeheuer ist lediglich Bedrohung. Natürlich hat das die Ebene einer Umweltbotschaft... allerdings einer ziemlich platten.
Auch diese ganze Geschichte um das Virus wird immer wieder angeteast und entpuppt sich als ziemliche Luftnummer ohne Konsequenz.
Und in einer Hinsicht erfüllt der Film ein sehr gängiges Klischee, wenn es um die Schwester des Hauptprotagonisten geht, nämlich den des sportlichen oder sonst irgendwie gearteten Komplexes, der dann in der Extremsituation gelöst wird. wenn Sie als Bogenschützin hat nämlich das Problem, dass ihre Nerven es nicht mitmachen,wenn sie den letzten Pfeil schießen muss. Ich habe diese Szene am Anfang gesehen und wusste wirklich sofort, dass das irgendwann in einer wichtigen und knappen Situation mit dem Monster wieder aufgegriffen wird und so kam es auch. Am lächerlichsten hat dieses Trope allerdings Jurassic Park 2 aufgenommen, als die Tochter von Ian Malcolm (Jeff Goldblum) mit ihrer Turnerei einen Velociraptor abwehrt.
Dennoch würde ich sagen, dass der Film in diesem Genre - das so viel beabsichtigten und unbeabsichtigten Trash produziert - aufgrund seiner Charaktere und Inszenierung deutlich heraus sticht und am Ende mit seiner Konsequenz ziemlich überrascht und berührt.

3,5 von 5 Sternen
https://letterboxd.com/film/the-host/
Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=1HRTy26s4hw

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Peter
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Peter »

Oh, den kannte ich noch gar nicht, wird dieses Wochenende gleich mal angeschaut. Gibts bei Sky, das ich noch ein paar Tage lang habe. Wenn auch ohne O-Ton :roll:

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Seroon
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Seroon »

Ich fand The Host überraschend gut, zu dem Zeitpunkt kannte ich den Regisseur gar nicht.

Andreas29
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Andreas29 »

Peter hat geschrieben:
10. Apr 2021, 18:14
Oh, den kannte ich noch gar nicht, wird dieses Wochenende gleich mal angeschaut. Gibts bei Sky, das ich noch ein paar Tage lang habe. Wenn auch ohne O-Ton :roll:

Mach Dir bei Mubi einen 7-Tage-Testaccount. Da gibt es den im O-Ton. Aber nicht vergessen gleich wieder zu kündigen.
https://mubi.com/films/the-host

Dann kannst Du auch gleich noch "Mother" von Bong Joon-ho anschauen:

https://mubi.com/films/mother

Von dem poste ich morgen eine Kritik, aber ich kann Dir jetzt schon sagen, dass es sich lohnt.

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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von bluttrinker13 »

Seroon hat geschrieben:
10. Apr 2021, 18:23
Ich fand The Host überraschend gut, zu dem Zeitpunkt kannte ich den Regisseur gar nicht.
Ja der hat mich damals auch wie aus dem Nichts getroffen und weggefegt, ganz großartig.
Danach dann im Auge behalten den Regisseur.

Snowpiercer fand ich ganz großartig, vor allem wegen der Ästhetik, Okja wiederum widerwärtig, Parasite dann sehr nett. Mother kenne ich noch nicht, muss ich endlich mal gucken.

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Feamorn
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Feamorn »

Ja, Mother ist ganz toll! Kommt bei mir auch vor Snowpiercer in's Ziel, zusammen mit Parasite für mich von seinen Filmen, die ich bislang gesehen habe, Bong Joon-hos Paradewerk.
Tatsächlich mag ich Snowpiercer glaub ich am wenigsten von den Vieren (hab bei Letterboxd Snowpiercer und The Host je mit 4/5 bewertet, Mother und Parasite 5/5).

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kami
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von kami »

Für mich ist immer noch Memories Of Murder der beste Film des Regisseurs, ein extrem stimmungsvolles Krimidrama mit Song Kang-ho, das in den 80ern, dem letzten Jahrzehnt der südkoreanischen Militärdiktatur spielt.

Andreas29
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Andreas29 »

kami hat geschrieben:
11. Apr 2021, 08:50
Für mich ist immer noch Memories Of Murder der beste Film des Regisseurs, ein extrem stimmungsvolles Krimidrama mit Song Kang-ho, das in den 80ern, dem letzten Jahrzehnt der südkoreanischen Militärdiktatur spielt.
Der steht heute auf dem Plan. Wenn ich den geschaut habe, habe ich das essentielle Werk von Bong Joon-ho gesehen.

Mein Ranking bisher:

Snowpiercer
Parasite
Mother
The Host
Okja

Wobei keiner von denen schlecht ist. Okja habe ich auch 3,5 von 5 Sternen gegeben.

Mal sehen wo sich "Memories of Murder" einordnet. Der hat richtig krasse Rezensionen bekommen.

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Dicker
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Dicker »

I care a lot
Toller Film. Man merkt, dass Rosamunde Pike sehr viel Spaß mit diesem bitterbösen Charakter hatte. Der Film versucht gar nicht erst ihre gute Seite zu zeigen, was es zwar etwas eindimensional macht, aber die Wirkung natürlich verstärkt. Interessant finde ich die Wendung im letzten Drittel, die den Zuschauer auf ihre Seite zieht oder zumindest es versucht. Und dann das Ende, das manchen vielleicht nicht so konsequent erscheinen mag, wie in Nightcrawler. Es wirft aber für den Zuschauer dir interessante Frage auf, was moralisch ok ist und ob man sich über sowas freuen darf. Insgesamt hat mir Nightcrawler besser gefallen. Er stellt quasi die Charakterentwicklung bis zu dem Punkt, an dem sich Marla zu Beginn des Films bereits befindet, dar.
8/10

Andreas29
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Andreas29 »

Mother(nicht zu verwechseln mit "mother!" von Aronofsky)
2009; Regisseur: Bong Joon-ho; DarstellerInnen: Kim Hye-ja, Won Bin, Jin Goo; Genre: Krimidrama

Eine Frau lebt mit ihrem erwachsenen - aber geistig zurückgeblieben - Sohn in einem kleinen Dorf. Dieser gerät unter Mordverdacht als eines morgens eine Frau tot aufgefunden wird und er in der Gegend zum Tatzeitpunkt gesehen wurde. Im Verhör setzen ihn die Beamten so sehr unter Druck und bombardieren ihn mit Suggestivfragen, dass er gesteht. Seine Mutter kann das nicht glauben und will sich auch nicht mit dem Deal des engagierten Anwalts zufrieden geben. Sie nimmt die Ermittlungen selbst auf um ihren Sohn zu entlasten.

Bong Joon-ho hat es einfach drauf... so banal muss man es wahrscheinlich einfach mal auf dem Punkt bringen. Ein Film der skurril beginnt allein in der Darstellung, welches Verhältnis zwischen dem Sohn und seiner Mutter herrscht. Denn das ist irgendwie etwas zu nah, was direkt ein unangenehmes Gefühl produziert. Mal eine Szene um zu verstehen, was ich meine: An einer Stelle pinkelt der Sohn an eine Häuserwand und die Mutter kommt von der anderen Straßenseite. Man erwartet, dass sie ihn ausschimpft, aber stattdessen stellt sie sich daneben, beugt sich vor und schaut offensichtlich auf seinen Penis. Das wird einfach mal 20 Sekunden so stehen gelassen. Eine sehr eigenwillige Art seine Helden einzuführen. Dass man im Verlauf des Films doch irgendwann mit den beiden mitfühlt und man sich um sie sorgt ist erst einmal Kim Hye-ja zu verdanken, die eine engagierte und entschlossene Mutter mimt, die alles für ihren Sohn tut, an seine Unschuld glaubt und ihn da mit allen Mitteln raus boxen will.
Wie man mit geistig behinderten Verdächtigen und Straftätern umgeht ist ein sehr gesellschaftsrelevantes Thema, das hier eher über Emotionen verhandelt wird als nüchtern und ausgewogen, aber Joon-ho ist eben jemand, der in seinen Filmen klar Stellung zu gesellschaftlichen, ökonomischen und sozialen Themen bezieht. Das muss nicht jeder mögen, aber ich finde das mutig. Und auch hier geht es um den Zusammenhalt innerhalb einer Familie und damit auch um ein in John-hos' Werken immer wiederkehrendes Motiv.
Auch weil "Mother" auf charakterlicher Ebene nicht so schwarz-weiß bleibt und man sich traut gewisse Figuren irgendwann in die Ambivalenz zu drehen, ist das ein ganz eigenwilliger und besonderer Film. Denn hier wäre eine Schwarz-Weiß-Zeichnung sehr einfach gewesen. Das sorgt im letzten Drittel für zwei große Überraschungen und führt den Film in eine ungeahnte Richtung. Das verfälscht das Statement und die Intention nicht, weil die Charaktere – ich halte es bewusst vage - stets glaubwürdig zu ihrem Handeln gezwungen werden. Auch das ist typisch für Bong Joon-ho: Der kleine Mann(oder die Frau) ist nicht unfehlbar und hat auch Dreck am Stecken und ist nicht nur Opfer, sondern auch Täter, aber er wird von der Gesellschaft dazu gezwungen. "Parasite" handelt auch genau davon.
Das alles ist sehr ruhig und in einem langsamen Tempo erzählt, aber trotzdem ist dieser Krimi einfach spannend, weil immer genau zum richtigen Zeitpunkt ein neuer Hinweis gebracht wird und man so selber rätseln kann.
Ebenso wird dieses typische Feeling eines Dorfs vermittelt, bei dem jeder jeden kennt und solche Vorfälle doppelt unangenehm für alle Beteiligten und auch Unbeteiligten ist, weil es hier eben nicht die Rückzugsorte und Anonymität der Großstadt gibt.
Und "Mother" trifft so wie viele Werke dieses Regisseurs den perfekten Mittelweg aus – oft absurden – Humor und wirklich berührenden Szenen. Und so muss man wie bei "The Host" sagen, dass Joon-jo wieder ein Genre nimmt – hier den Krimi – und daraus etwas besonders macht.
Zu meckern gibt es hier wenig. Irgendwann wird ein neues und interessantes Thema aufgemacht, was die Ausmaße des Falls extrem vergrößert. Aus Spoilergründen schreibe ich hier mal nur: "Handybilder". Das wird leider sehr schnell wieder abgehakt und stellt sich auch antiklimaktisch nicht als weiter relevant heraus, was man man in der Filmtheorie einen "Red Herring" nennt. Hier ist es zwar gleichzeitig überraschend, aber auch etwas enttäuschend, weil das schon eine ziemliche Schwere hat, was da aufgemacht wird und man es schon etwas weiter behandeln hätte können. Aber dann wäre der Film wahrscheinlich zu lang und überladen geworden.

4 von 5 Sternen
https://letterboxd.com/film/mother-2009/
Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=0oBwQHWeYxo

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Heretic
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Heretic »

Die Stunde, wenn Dracula kommt

Was dann passiert? Keine Ahnung, denn Dracula kommt nicht. Was nichts mit seinem untoten Zustand zu tun hat - er ist einfach nicht da. Auch wenn die deutsche Synchro penetrant etwas anderes behauptet...

Der Blutsauger in "La Maschera del demonio" ("The Mask of the Demon") ist maximal weitläufig verwandt mit seinem transsylvanischen Kollegen. Außerdem spielt er nur die zweite Geige, denn Gefahr Nummer Eins ist in dieser Geschichte eindeutig die Hexe Asa. Die erwacht nämlich von den Toten, nachdem sich zwei Doktoren unvorsichtigerweise in ihre Gruft verirrt und sich an ihrem Sarg zu schaffen gemacht haben. Und da sie eh noch einen Hals auf ihre Familie hat (ihr Bruder hat sie damals hinrichten lassen, weil Hexe und so), gedenkt sie sich an ihren Nachfahren zu rächen. Die können zwar nix dafür, aber egal. Irgendwas is' ja immer.

Die Story könnte man also als leicht angestaubt bezeichnen. Aber das kann man einem 61 Jahre alten Film nicht wirklich vorwerfen. Optisch macht der schwarzweiße Gruselschinken von Regisseur Mario Bava aber durchaus was her. Die ein oder andere explizite Szene (für damalige Verhältnisse) inklusive. Der Ton kann da nicht ganz mithalten, das ständige Huibuh im Hintergrund wirkt auf dauer eher ermüdend als unheimlich. Dafür unterhält das geschraubte Dummgeschwätz der Protagonisten in Verbindung mit ihrem Overacting bestens. Wenn Dr. Kruvajan mit einer übergroßen Plastikfledermaus kämpft oder Prinzessin Katia theatralisch darniedersinkt, weil Papi aufgrund akuter Blutarmut gerade dahingeschieden ist, bleibt kein Auge trocken. Für aktuelle Sehgewohnheiten ist das alles natürlich nichtmal mehr ansatzweise gruselig, aber wer den alten Schinken aus den Hammer-Studios etwas abgewinnen kann, der wird auch an diesem Film seine Freude haben. Ein bisschen erleichtert war ich dann aber doch, als der Spuk nach 86 Minuten vorbei war. :mrgreen:

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Jon Zen
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Jon Zen »

New Kids Turbo (2010)
Rewatch von New Kids Turbo. Auch nach 10 Jahren sind die 5 abgefuckten Looser, die sich von keinem etwas sagen lassen und dabei eine Revolte in Noord-Brabant anzetteln, immer noch ziemlich lustig. Lastkraftwagenfahrer! eh! eh!

Andreas29
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Andreas29 »

Machen wir das Triple voll:

Memories of Murder
2003: Regisseur: Bong Joon-ho; Darsteller: Song Kang-ho, Kim Sang-kyung; Kim Roe-ha; Genre: Krimidrama

Südkorea in den 80er Jahren: Die Militärdiktatur bekommt Risse und es gibt immer mehr Demonstrationen. Das rabiate und wenig kompetente Ermittlerduo Park Doo-man und Cho Jong-ko müssen einen Mord aufklären, als auch schon bereits die nächste Leiche gefunden wird und die Tat genau nach dem gleichen perversen und brutalen Muster abgelaufen ist. Es besteht kein Zweifel: Es ist ein Serienkiller unterwegs. Ein paar verprügelte, eingeschüchterte und mit Suggestivfragen bombardierte Verdächtige später glauben sie den Mörder gefunden zu haben. Doch dann kommt Detective Seo Tae-yoon, der aus Soul geschickt wurde und die Tat mit aufklären soll. Er entkräftet, dass der bisherige Hauptverdächtige schuldig ist und die Ermittlungen gehen von vorne wieder los. Der ruhig und analysierend vorgehende Tae-yoon und Doo-man geraten während der sowieso schon schwierigen Ermittlungen immer wieder aneinander.

Der Film beruht auf einem wahren Fall, der in Korea zwischen 1986 und 1991 stattgefunden hat und in dem es um den ersten Serienkiller in der Geschichte Südkoreas geht. Ich werde hier nicht näher darauf eingehen, weil es sonst spoilern würde. Auch ich wusste nur, dass der Film auf einem wahren Verbrechen beruht, habe mich aber nicht weiter informiert... und ich denke das war keine schlechte Entscheidung.
Zwar nicht sein Debüt, aber mit Sicherheit ist "Memories of Murder" 2003 das erste ganz große Zeichen, dass mit Bong Joon-ho in der Zukunft zu rechnen sein wird und Südkorea neben Park Chan-wook seinen zweiten ganz großen Regisseur bekommt, der auch im Westen bekannt und beliebt bei Fans und Kritikern wird. Ich bin jetzt in einer Position an dieses Werk gegangen, wo ich diesen Verlauf seiner Karriere schon kenne und auch die vielen guten Kritiken und die allgemeinen Lobpreisungen für diesen Film. Das ist eine schwere Bürde, weil sich natürlich eine ganz hohe Erwartungshaltung aufbaut. Aber Joon-ho wäre nicht er, wenn er diese Erwartungshaltung nicht erfüllen könnte... und das hat er natürlich.
Song Kang-ho spielt auch hier wieder mal die Hauptrolle in einem seiner Filme. Und er nutzt das Talent dieses Schauspielers, einem erst einmal wenig sympathisch zu sein – hier so krass wie sonst nie –, einen aber dann doch nach und nach auf seine Seite zu ziehen. Das ist mutig, weil der von Kang-ho gespielte Doo-man so ein Idiot ist, der seine eigene Unvermögenheit nicht sieht und dann auch noch arrogant ist. Das wird für viele schon der Knackpunkt sein, weil auch ich mir irgendwann die Frage gestellt habe, wie so jemand Kriminalbeamter wird. Aber man muss immer daran denken, dass das in der Provinz und in einem in den 80ern politisch nicht sehr gefestigten Land spielt. Es ist durchaus glaubwürdig, dass dort bei der Polizei das Auswahlverfahren nicht den höchsten Anforderungen entspricht. Und das kommentiert der Film ja selber, denn der junge Beamte, der aus Soul kommt – und auch hervorragend von Kim Sang-Kyung gespielt wird – wirkt sehr viel kompetenter und intelligenter. Und diese Dynamik zwischen den beiden und deren Streit um die Methoden ist das Herzstück des Films. Es hat oft diesen absurden Humor, der im krassen Kontrast zum Thema des Films steht... aber auch das ist ja ein Markenzeichen von Bong Joon-ho, dass er immer diesen Witz hat, der zwar im ersten Moment deplatziert wirkt, aber einen unterhaltsam die Charaktere näher bringt. Er weiß aber auch genau, wann er wieder ernst sein muss und der Film wird im Verlauf bitterernst.
Auch hier streckt wieder einmal sehr viel drin: Zum einen hat man natürlich das ständige Hintergrundrauschen der Studentenrevolte und der Demonstrationen in Südkorea, in dem demokratische Reformen gefordert wurden und das im Umbruch war. Zum anderen wäre da die Kritik an der Polizei, die hier ähnlich wie in seinem Film "Mother" – auch in "Memories of Murder" spielt übrigens ein Mensch mit geistiger Behinderung eine große Rolle – wenig gut weg kommt; denen geht es nämlich in erster Linie um Ergebnisse und weniger darum, ob man auch wirklich die Wahrheit heraus findet. Also die typische Gesellschaftskritik spielte auch hier in einem seiner Erstlingswerke schon eine große Rolle.
Und dann hat der Film auch noch eine psychologische Ebene die aufzeigt, was es aus Menschen macht erstens mit solch abartigen Morden konfrontiert zu werden und gleichzeitig unter dem Druck zu stehen, den Täter zu finden... in aller erster Linie natürlich, damit das Töten aufhört, aber auch damit die Justiz walten kann und schließlich auch für das eigene Ego und die Karriere. Und Joon-ho schafft seine beiden Hauptcharaktere sich langsam aufeinander zubewegen zu lassen und sie nicht in ihrer Ausgangslage zu belassen. Die Charakterentwicklung der Beiden ist sagenhaft gut erzählt.
Auch die Ermittlungen sind sehr spannend inszeniert und halten viele Wendungen parat. Auch hier muss ich – wie eigentlich immer bei diesem Regisseur – das berühmt berüchtigte "Pacing" loben, denn der Film ist trotz der 131 Minuten kein Sekündchen langweilig.
Er hat auch eine sehr dichte Atmosphäre, denn er orientiert sich für meine Begriffe dort sehr an "Seven" von David Fincher. Auch in "Memories of Murder" spielt Regen eine große Rolle. Und es ist auch meistens ziemlich düster.
Das Ende... nun das werde ich mit Sicherheit nicht verraten, aber man sollte vielleicht doch vorneweg wissen, dass es hier um mehr und vielleicht gar nicht so sehr um das "Who did it?" geht. Es ist nämlich ganz schön ambivalent und für anscheinend einige Kommentatoren im Internet sehr antiklimaktisch, was da passiert. Ich fand gerade die letzten 20 Minuten genial, weil sie so schön bitter und niederschmetternd zeigen, wie frustrierend und unbefriedigend Kriminalistik sein kann. Es handelt sich zwar auch um einen Krimi, aber es ist ebenso Drama, Psychogramm und Sittengemälde.

4,5 von 5 Sternen
https://letterboxd.com/film/memories-of-murder/
Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=0n_HQwQU8ls


Ganz großes Kino und setzt sich auf meiner Bestenliste von Bong Joon-ho auf den zweiten Platz:

1.Snowpiercer
2.Memories of Murder
3.Parasite
4.Mother
5.The Host
6.Okja

Seine Werke "Tokyo" und "Hunde, die bellen, beißen nicht" haben weit weniger Buzz um sich und sind auch nicht so gut rezensiert. Aber die werde ich trotzdem mal im Auge behalten und wahrscheinlich irgendwann schauen.

Park Chan-wook bleibt übrigens trotzdem meine Nummer 1 aus Korea ;)


PS: Wer Fan von Song Kang-ho ist und ihn in einem ähnlichen Zeitrahmen sehen will, dem empfehle ich den Film "A Taxi Driver" ganz herzlich. Den kennt kaum einer, ist aber auch sehr gut. Ich hatte letztes Jahr schon mal was Kurzes dazu geschrieben und bin mal so frei mich zu zitieren:
A Taxi Driver

Nicht zu verwechseln mit Taxi Driver. Es geht um einen südkoreanischen Taxifahrer, der 1980 einen deutschen Journalisten in die Gwangju-Region fahren soll, in der gerade eine Studentenrevolte stattfindet und sich das Militär mobilisiert.
Es handelt sich um eine wahre, aber zu großen Teilen fiktionalisierte Geschichte. Sehr sympathisch, charmant, lustig, dramatisch, traurig... die Südkoreaner haben es halt drauf. Ich hätte mir etwas mehr politischen Hintergrund gewünscht und stellenweise ist der Pathos dann doch etwas zu drüber.

4 von 5 Sternen.

Info: https://letterboxd.com/film/a-taxi-driver/
Hier noch der Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=bB7z4Xn5oNA

Ist auch mit deutscher Beteiligung: Thomas Kretschmann spielt den Journalisten.

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Peter
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Peter »

Andreas29 hat geschrieben:
12. Apr 2021, 12:56
Park Chan-wook bleibt übrigens trotzdem meine Nummer 1 aus Korea ;)
Hm, bei mir ist das Kim Ki-duk, gefolgt von Park Chan-wook. Von denen habe ich jeweils so 8 Filme gesehen. Für Bong Joon-ho bleibt da nur Platz 3, auch wenn mir bisher alles von ihm ziemlich gut gefallen hat.

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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von PrinzEisenerz »

Peter hat geschrieben:
12. Apr 2021, 13:03
Andreas29 hat geschrieben:
12. Apr 2021, 12:56
Park Chan-wook bleibt übrigens trotzdem meine Nummer 1 aus Korea ;)
Hm, bei mir ist das Kim Ki-duk, gefolgt von Park Chan-wook. Von denen habe ich jeweils so 8 Filme gesehen. Für Bong Joon-ho bleibt da nur Platz 3, auch wenn mir bisher alles von ihm ziemlich gut gefallen hat.
Kim Ki-duk höre ich zum ersten Mal, auch von keinem der Filme habe ich gehört. Gibt es da einen den du herausheben würdest?

Park Chan-wook und Bong Joon-Ho gehören auch zu meinen Favoriten

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Peter
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Peter »

Am bekanntesten und geschätztesten ist sicherlich "Frühling, Sommer, Herbst, Winter… und Frühling", wobei es den leider nirgendwo zu streamen gibt.

Beim oben erwähnten Mubi gibts meinen Liebling Seom, wobei der wie dort beschrieben definitiv nichts für "the faint-hearted" ist.
https://mubi.com/films/the-isle

Verträglicher ist da schon Pieta, wenn auch nur relativ gesehen ;)
https://mubi.com/films/pieta-2012

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