Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

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bluttrinker13
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von bluttrinker13 »

Voigt hat geschrieben:
20. Apr 2021, 12:01
Ich trinke halt kein Alkohol, und dadurch ging es halt nicht. Hatten Blackula geschaut, aber ne bin dann irgendwann gegangen. ^^
Ach so!
Ja, dann ist das wahrscheinlich hart und wenig spaßig.

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Heretic
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Heretic »

Andreas29 hat geschrieben:
20. Apr 2021, 12:22
Wenn ich mir das so anschaue ist hier wesentlich mehr los als da. Und hier darf man ja auch diskutieren.
Deswegen meine "Werbung". :D

Ich bin dort aber auch nicht mehr so aktiv wie früher. Bin leider etwas schreibfaul geworden in letzter Zeit...

Andreas29
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Andreas29 »

Le scaphandre et le papillon (Schmetterling und Taucherglocke)
2007; Regisseur: Julian Schnabel; DarstellerInnen: Matthieu Amalric, Emmanuelle Seigner, Anne Consigny; Genre: Drama

Jean-Dominique Bauby steht Mitte der 1990er in Frankreich als 43-Jähriger Chefredakteur der Modezeitschrift "Elle" mit vollem Saft im Leben, welches er in vollen Zügen genießt. Besonders die Damenwelt hat es ihm angetan und er lässt nichts anbrennen. Seine Frau und zwei Kinder hat er für eine Affäre verlassen. Dann erleidet er einen Schlaganfall und fällt ins Koma. Als er im Krankenhaus aufwacht, muss er feststellen am äußerst seltenen Locked-In-Syndrom erkrankt zu sein. Der komplette Körper ist bis auf die Augen gelähmt, er behält aber sein volles und uneingeschränktes Bewusstsein. Zunächst verständlicherweise niedergeschlagen beschließt Bauby mithilfe eines Verfahrens seiner Logopädin und einer Assistentin seines Verlags ein autobiografisches Buch zu schreiben.

Es handelt sich hier um eine wahre Geschichte, die so tatsächlich passiert ist.
Wie verfilmt man sowas? Der Regisseur Julian Schnabel hat dafür den Haus- und Hofkameramann von Steven Spielberg (Oscars für "Schindler's List" und "Saving Private Ryan") verpflichtet: Janusz Kamiński.
Zusammen schaffen sie es die zur Passivität verdammte Hauptfigur äußerst aktiv und präsent darzustellen. Gefilmt wurde nämlich zu gut drei Vierteln aus der Egoperspektive des am LiS erkrankten, der seine Gedanken fast während der gesamten Laufzeit aus dem Off spricht. Das ist gewöhnungsbedürftig und dürfte viele abschrecken, aber ich fand diese Erfahrung sehr lohnenswert.
Zunächst einmal ist das sehr gut gesprochen bzw. gespielt, denn die Hauptrolle übernimmt kein geringerer als Matthieu Amalric. Einer der wahrscheinlich bekanntesten und besten Schauspieler Frankreichs, den die meisten aber wohl als Bösewicht des zweiten Craig-Bonds "Quantum of Solace" kennen dürften. In den wenigen Szenen, in denen man ihn als Patient von außen sieht, kann er auch physisch überzeugen. Dann sieht das wirklich ziemlich schockierend und echt wirkend aus. Dennoch wollen Schnabel und Kamiński kein Mitleid erregen, was sie in einer meiner Lieblingsszenen eindrucksvoll beweisen: Zwei Mitarbeiter der französischen Telekom kommen in Baubys Zimmer um ein Telefon zu installieren. Seine Logopädin steht neben dem Bett als einer der beiden einen schwarzhumorigen Witz über ihn reißt, weil er natürlich das Telefon nicht auf herkömmliche Weise benutzen kann. Sie ist empört und vertreibt die Servicearbeiter aufgebracht. Wir aber hören, wie Bauby sich selber über den Witz kaputt lacht. Er behält immer seine Würde und so gerät das Werk nicht zum kitschigen Mitleidskino.
Die Verzweiflung und im ersten Moment auch die Panik und Wut, dass er paralysiert ist und keiner hören kann was er sagt, kann man trotzdem jederzeit nachfühlen. Dem ausgeliefert zu sein zu erfahren, dass er den Rest seines Lebens auf andere Menschen und deren Hilfe und Fürsorge angewiesen sein wird, ist sehr bitter für den Lebemann. Es wird auch kein Zweifel daran gelassen, wie sehr es ihn verletzt nicht mehr direkt angesprochen zu werden, obwohl er physisch und psychisch anwesend ist.
Es entsteht mit ganz wenigen Mitteln ein dreidimensionaler Charakter.
Das wird durch den Kniff der subjektiven Kamera sehr unmittelbar und beklemmend dargestellt und man steckt deswegen sofort selbst in der Haut des Hauptcharakters. Er wird zu einem Avatar, in den man sich hineinprojiziert. Vor allen Dingen wird gezeigt, wie schnell in unserem Leben von einem auf den anderen Wimpernschlag alles anders sein kann. Und das berührt jeden, weil es jeden treffen kann. Egal wo und in jedem Moment.
Aber auch außerhalb der Egoperspektive merkt man, dass hier ein Meister an der Kamera ist. Kamiński findet stets metaphorisch-poetische und elegische Bilder, die einen ganz automatisch über die Situation und deren Tragik sinnieren lassen.
Die Schwerpunktsetzung ist dabei etwas unausgewogen geraten, denn Schnabel würde schon gerne eine Biografie des gesamten Lebens von Bauby machen. Die Rückblicke geraten jedoch sehr breit gestreut und sehr kurz.
Wo "Schmetterling und Taucherglocke" für viele auf der Kippe stehen wird sind die inneren Monologe. Ich fand es tatsächlich ganz gut nachvollziehbar, denn die Hauptfigur ist ja Autor gewesen, dem man es abnimmt in verschnörkelten Metaphern, Sprachbildern und prosaischen Motiven zu denken. Andere werden sagen, dass es sich zu einem nicht ganz geringen Teil um prätentiöses Geschwurbel handelt.
Wenig zu diskutieren gibt es aber über die vielen guten und positiven Charaktere, von denen mal ganz erfrischend keiner irgendwelche bösen Absichten oder Hintergedanken hat. Es gibt tatsächlich keinen Bösewicht und den braucht es auch nicht, weil die Situation an sich schon genug Fallhöhe mit sich bringt.
Konfliktfrei ist das natürlich trotzdem nicht, denn es wird einem aufgezeigt, dass man Meinungsverschiedenheiten und ungeklärte Gefühle nicht stehen und gären lassen sollte. Denn man weiß nie, ob man die Gelegenheit bekommt hier einen befriedigenden Abschluss zu finden.
Aber auch wenn es auf jeden Fall schwerer für ihn wird, der mit Vater und Frau nicht im reinen ist, gibt es einen positiven Ausweg. Trotz allem muss nicht immer alles verloren sein.
Ein eigenwilliger und sperriger Film, der zutiefst berührt und traurig, aber dennoch lebensbejahend ist.

4 von 5 Sternen
https://letterboxd.com/film/the-diving- ... butterfly/
Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=eawGsbRLzHQ
Zuletzt geändert von Andreas29 am 27. Apr 2021, 16:12, insgesamt 1-mal geändert.

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Smutje187
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Smutje187 »

Love and Monsters - ich kann nur hoffen, dass die Monster in irgendeiner Weise wiederverwertet werden. Die Schnecken! Der Tausendfüßler! Der Regenwurm (?)! Einfach großartig.

Die Geschichte plus dem unnötigen nachgelagerten dramatischen Höhepunkt fand ich wie schon beschrieben heutzutage absolut vorhersehbar, aber wie bei Leinwandliebe auch schon gesagt ist es halt ein Familienfilm, nun ja. Von den Logiklöchern und ungeklärten Fragen
SpoilerShow
Boys Frauchen/Kleid und sein „Deus Ex Machina“-wiederauftauchen
mal ganz abgesehen, aber vielleicht passt das ja in eine Fortsetzung :D

Andreas29
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Andreas29 »

Smutje187 hat geschrieben:
21. Apr 2021, 08:15
Von den Logiklöchern und ungeklärten Fragen
SpoilerShow
Boys Frauchen/Kleid und sein „Deus Ex Machina“-wiederauftauchen
mal ganz abgesehen, aber vielleicht passt das ja in eine Fortsetzung :D
Hab da auch die Augenbrauen hochgezogen. Aus filmtheoretischer bzw dramaturgischer Sicht, macht das tatsächlich ein wenig Sinn.
SpoilerShow
In meiner Kritik bin ich ja darauf eingegangen, dass es sich hier um eine Heldenreise handelt. Ich weiß nicht, wie sehr Du damit vertraut bist, aber das ist quasi ein "Template" - eine Art Vordruck - nach dem fast alle Geschichten funktionieren. Zumindest die aller meisten Abenteuer. In ihnen gibt es archteypische Figuren und auch einen geregelten Ablauf. "Boy" habe ich ja Begleiter genannt, aber er erfüllt wie Minnow und Clyde auch einige Merkmale des Mentors. Der Mentor in Heldenreisen stirbt, wird woanders hingerufen, trennt sich oder verschwindet meistens bevor sich der Held seiner großen Aufgabe stellen muss. Obi-Wan Kenobi und Yoda in Star Wars oder Gandalf in "Herr der Ringe" sind da bekannte Beispiele. Wenn man sucht, findet man zig weitere. Deswegen sind Minnow und Clyde auch so schnell wieder weg.
Der ein oder andere Film kann das geschickter machen und anderen gelingt das weniger geschickt. Was "Boy" betrifft ist wohl letzeres der Fall. Wobei auch an meinen beiden Beispielen klar wird, dass manche Mentoren die Neigung haben wiederzukommen und den Deus Ex Machina zu machen.

Das ist nicht unbedingt eine Entlastung, weil es eigentlich der Beweis ist, dass man die Story so ziemlich am Reißbrett erfunden hat.
Zuletzt geändert von Andreas29 am 22. Apr 2021, 17:22, insgesamt 1-mal geändert.

Insanity
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Insanity »

bluttrinker13 hat geschrieben:
20. Apr 2021, 10:52
Apropos imdb 0-4, schaut hier eigentlich jemand gern die Schlefaze, mit Päter und Olli?

Ich amüsiere mich da regelmäßig sehr gut. Ich finde es unabhängig vom kalauernden Humor auch immer wieder interessant, wie schlecht Filme sein können, und wie schlechte Filme überhaupt aussehen, sodass sie schlecht sind. Also auch wirklich handwerklich schlecht. Da gibt es bei den Schlefazen so viele tolle Beispiele.
Unser regelmäßiger Freitag Abend Online-Treff mit den Kumpels seit Beginn der Quarantäne. Oh mein Gott, sind diese Filme scheiße. :)
Chuck Norris kann eine Schwingtür zuschlagen!

Andreas29
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Andreas29 »

Fight Club (Rewatch)
1999; Regisseur: David Fincher; DarstellerInnen: Edward Norton, Brad Pitt, Helena Bonham Carter; Genre: Thriller

Ein namenloser Protagonist ist Rückrufkoordinator bei einem großen Autokonzern. Er leidet an Schlaflosigkeit. Einzige Hilfe ist es sich bei zahlreichen Selbsthilfegruppen einzuschleichen und sich dort das Leid anderer anzuhören, denen es noch schlechter geht. Dort nimmt er zu Marla Kontakt auf, die anscheinend genau dasselbe macht wie er. Auf einer Geschäftsreise lernt er zudem den coolen und undurchsichtigen Tyler Durden kennen. Nachdem sein Apartment explodiert, zieht der Protagonist bei Tyler ein und stellt eines abends fest, dass es ihn sehr befriedigt sich mit ihm zu prügeln. Sie bauen zusammen den "Fight Club" auf, in dem Menschen aus allen Schichten nachts bei brutalen Faustkämpfen Dampf ablassen können. Es entwickelt sich allerdings noch viel mehr daraus.

Es war zu lange – etwa 10 Jahre – her, dass ich "Fight Club" gesehen hatte und es musst einfach mal wieder sein.
Schon so viel wurde über diesen Film geschrieben, gesagt und analysiert. Die einen halten ihn für Kunst, andere für Kult und wieder andere für gefährlich. Und wenn sich heute noch jemand die Mühe macht etwas dazu zu schreiben, erwartet man irgendwelche neuen Erkenntnisse oder irgendeinen Hot Take, wie ihn beispielsweise doch nicht gut zu finden oder gar zu verreißen. Aber ich kann da nur enttäuschen. Wie viele Cineasten halte ich "Fight Club" für ein modernes Meisterwerk, weil er inhaltlich auf so vielen Ebenen spielt und bis heute gesellschaftsrelevante Themen verhandelt.
Dazu muss man bei mir speziell noch dazu sagen, dass ich einfach ein Fanboy von David Fincher bin. Das geht schon bei der Ästhetik und der visuellen Stilistik seiner Filme los, die immer unglaublich wertig aussehen und diesen satten und kristallklaren Kontrast haben, sowie eine dichte Atmosphäre kreieren.
In "Fight Club" gibt es dann noch ständig Spielereien mit dem Medium selbst, die dann wiederum im Film kommentiert und referenziert werden. Man sieht beispielsweise Tyler Durden bereits mehrfach in Frames vor seinem eigentlichen Auftreten. Die Konsumkritik wird kongenial damit untermalt, dass man in den aller meisten Szenen Kaffeebecher von Starbucks sieht, weil Starbucks ein Symbol des expansiven Kapitalismus ist.
Hinzu kommen auch sehr viele direkte und indirekte Filmzitate.
Ebenfall durchbricht man ständig die vierte Wand - nicht einfach so, denn Fincher will uns nicht davon kommen lassen und auch ganz klar sagen, dass auch wir und unsere Welt gemeint sind.
Dann sind da Edwart Norton, Brad Pitt und Helena Bonham Carter, die sich gegenseitig an die Wand spielen. In einer sehr skurrilen Rolle kann man hier übrigens auch Meat Loaf sehen.
Dafür, dass er so einen brutalen Ruf hat, ist er auch an vielen Stellen ziemlich witzig. So habe ich den gar nicht mehr in Erinnerung gehabt. Was sich dann aber auch auf die Härte bezieht. Das war damals nicht unumstritten, aber ich fand ihn jetzt gar nicht mal so hart. Vielleicht bin ich auch einfach abgestumpft.Ich bin mir allerdings sicher, dass der heute eine 16er-Freigabe bekommen würde.
"Fight Club" ist natürlich ambivalent – was bei den Jugendschützern auch eine Rolle gespielt hat und spielt - , weil Tyler Durden ständig sehr vernünftige und intelligente Dinge zum Zustand unserer Gesellschaft sagt, aber seine Mittel dagegen vorzugehen Anarchie und Gewalt sind. Nicht zu vergessen, dass der muskelbepackte, rauchende und (in doppelter Hinsicht) schlagfertige Brad Pitt auch einfach eine unfassbare Coolness ausstrahlt.
Unter der Konsum- und Kapitalismuskritik schlummert dann aber auch noch die sehr persönliche und unter dem ganzen Style und der Coolness vergrabene traurige Geschichte eines Menschen, der mit der modernen Welt nicht mehr klar kommt und dessen einziger Ausweg die Gewalt ist. Denn die einzige Medizin die noch stärker wirkt als sich in Selbsthilfegruppen einzuschleusen, um sich am Leid anderer zu ergötzen und vor allem selber Aufmerksamkeit zu bekommen, ist Schmerzen zuzufügen und sich selber welche zufügen zu lassen, um in dieser kalten und berechnenden Welt etwas fühlen zu können.
Über 140 Minuten ist es keine Sekunde langweilig, weil alles flutscht wie ein geölter Torpedo. Das Pacing ist wirklich außerordentlich gut und dreht die Eskalationsschraube immer zum richtigen Zeitpunkt an. Bis zu einen der berühmtesten Twists und Enden der Filmgeschichte.
Das letzte Bild ist mit dem letzten Satz ("You met me at a very strange time of my life") und der Musik von den Pixies unsterblich. Bis heute lässt sich darüber streiten, was denn nun real war oder nicht.
Ein moderner Klassiker und immer wieder sehenswert.

5 von 5 Sternen
https://letterboxd.com/film/fight-club/
Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=qtRKdVHc-cE

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Smutje187
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Smutje187 »

Andreas29 hat geschrieben:
21. Apr 2021, 11:11
Das ist nicht unbedingt eine Entlastung, weil es eigentlich der Beweis ist, dass man die Story so ziemlich am Reißbrett erfunden hat.
Volle Zustimmung, ich fand auch die eher emotionale Szene mit Mav1s passt da auch noch mit rein: Als ob jemand Teile des Drehbuchs gelesen hätte und gerufen „OK Leute, kriegen wir noch irgendwie die Familie mit rein, ohne zu viele Rückblenden einzubauen?“

Insgesamt war ich aber trotzdem ganz gut unterhalten und hab das am Ende nicht bereut, geschaut zu haben.

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Ironic Maiden
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Ironic Maiden »

The Kid Detective

Mit 12 war der Protagonist Abe Applebaum der Star in seinem Heimatort, einem amerikanischen Kaff, das wirkt wie aus einem Archie-Comic entlaufen. Als Jugenddetektiv hat er über 200 Fälle gelöst, darunter spannende Mysterien wie das Verschwinden der Baseball-Hefte und den Diebstahl der Spendenkasse. Als Dank dafür bekam er damals vom dankbaren Bürgermeister den Schlüssel der Stadt überreicht und bekommt lebenslang kostenlose Eiscreme im Süßigkeitenladen. Doch dann passiert ein wirkliches Verbrechen. Die Tochter des Bürgermeisters, Gracie, wird entführt und Abe ist nicht in der Lage, sie wiederzufinden.

Zwanzig Jahre später arbeitet Abe immer noch als Detektiv, allerdings ist er mittlerweile ein versoffenes Wrack, das von allem im Ort als peinlicher Versager betrachtet wird. Doch dann taucht ein junges Mädchen auf und beauftragt ihn, den Mord an ihrem Freund aufzuklären.

"The Kid Detective" ist ein toller Film. Die Prämisse verspricht eine seichte Komödie, doch die Handlung wird sehr schnell sehr finster, ohne jemals zynisch oder abstoßend zu sein. Der Humor funktioniert, ist aber nie albern. Das Mysterium ist spannend und der Plot schreitet schnell voran. Ich habe lange keinen Film mehr gesehen, der dermaßen rund und durchdacht war, alle Elemente fügen sich wie ein perfektes Puzzle zusammen.

Wer Lust auf einen guten, mit 100 Minuten nicht zu langen, und sehr unterhaltsamen Film hat, sollte die 5 Euro bei Amazon durchaus ausgeben.

Andreas29
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Andreas29 »

Walk The Line (Rewatch)
2005; Regisseur: James Mangold; SchauspielerInnen: Joaquin Pheonix, Reese Witherspoon, Robert Patrick; Genre: Biopic/Drama

Johnny Cash wächst in den 30er und 40er Jahren auf einer Farm in Arkansas auf. Er hat ein schwieriges Verhältnis zu seinem Vater und ein sehr liebevolles zu seiner Mutter. Zu seinem älteren Bruder, der auch sein bester Freund ist, schaut er auf. Jedoch kommt dieser bei einem Unfall ums Leben. Mit 18 geht er zur Air Force und wird in Landsberg in Deutschland stationiert. Dort kauft er sich seine erste Gitarre und beginnt Songs zu schreiben. Nach seinem Dienst zieht er mit seiner Frau zusammen nach Tennessee und arbeitet als Vertreter für Haushaltsgegenstände. Sein eigentlicher Traum ist jedoch als Musiker erfolg zu haben. Zusammen mit zwei befreundeten Mechanikern gründet er eine Band, die auch tatsächlich einen Plattenvertrag bekommt... und dann beginnt sie, die unfassbare Karriere des "Man in Black". Bei einem Auftritt lernt er die Sängerin June Carter kennen und verliebt sich unsterblich in sie, aber seine Liebe wird zunächst nicht erwidert. Aufgrund von Herzschmerz, zu Kopf gestiegenen Ruhm und den Dämonen der Vergangenheit wird er Tabletten- und Alkoholsüchtig.

Ich war 16 Jahre alt, als dieser Film Anfang 2006 in die deutschen Kinos kam und in aller Munde war. Natürlich hatte man schon einmal irgendwo Lieder wie "Walk the Line" oder "Ring of Fire" gehört und den Namen "Johnny Cash" vernommen, aber ansonsten war das kein Thema von mir und in meinem Freundeskreis. Auch die Musikgenres des Country und Gospel waren nicht auf unserer Geschmackslandkarte zu finden. Ich selbst hatte vielleicht bessere Anknüpfungspunkte, weil ich schon damals gerne Blues und Classic Rock gehört habe. Die anderen eher Hip Hop oder Techno.
Deswegen hatte ich schon Angst, dass die mir die Erfahrung kaputt reden, als ich mit zwei Freunden ins Kino ging.
Aber diese Angst war unbegründet, denn es hat uns gepackt. Und wenig später habe ich mir ein Album von Johnny Cash gekauft und auch in den ein oder anderen Playlists in der Schule waren dann Songs aus "Walk the Line" - auch wenn das der ein oder andere nicht ganz so offen zeigte.
Wie schafft der Streifen das? Zentralstes Element ist sicherlich die phänomenale Leistung von Joaquin Pheonix, der nicht imitiert, sondern eine glaubwürdige eigene Interpretation schafft, die trotzdem noch als Johnny Cash erkennbar ist. Man sieht bei Vergleichen viele auch noch so subtile Bewegungen der realen Person wieder. Auch bringt er das leicht in Arroganz mündende und stoische Gebahren von Cash auf den Punkt. Es gilt als einer der größten sogenannten "Snubs" in der Geschichte der Oscars, dass er den Goldjungen nicht mitnehmen durfte. Wie ja auch schon nach Gladiator, als er für viele wegen der Rolle als Commodus die Statue verdient hätte, die er letztlich dem Joker zu verdanken hatte.
Reese Witherspoon, die in der Rolle der June Carter komplett versinkt und hier die beste Leistung ihrer Karriere abliefert, hat den Academy Award einstreichen dürfen. Sie schafft es sehr schön darzustellen, dass die Persona auf der Bühne wenig mit der Person dahinter zu tun hat.
Beide Stars singen übrigens alles selbst.
Insgesamt wurde der Film bei den Oscars meiner Meinung nach sträflich übergangen, denn er wurde nicht mal als "Best Picture" nominiert. In diesem Jahr gewann für viele nicht ganz nachvollziehbar der von Publikum und Presse gemischt aufgenommene "L.A. Crash" diesen Oscar. Es gab keine Nominierung für die Regiearbeit von Mangold, der alles aus den Darstellern rauskitzelt. Für die beste Musík , das Szenenbild und den Tonschnitt hätte er meiner Meinung nach zumindest nominiert werden müssen. Die Tonmischung verlor er gegen "King Kong" von Peter Jackson. Den Schnitt wiederum gegen"L.A. Crash" und die Kostüme gegen die "Die Geisha".
Als "Trostpreis" gab es allerdings für beide Darsteller den Golden Globe und für den Film den Preis als bestes Musical oder Comedy. Die Wahl dieser Kategorie ist der reinste Witz, da es sich um ein Drama handelt; aber so verteilt man gerne mal bei den Globes Preise.
Aber nun zurück zum Film selbst: Neben den tollen Darstellern ist er auch atmosphärisch einfach grandios, denn er fängt die 50s und 60s perfekt ein. Nicht nur ästhetisch, sondern auch vom Gefühl der Menschen, die langsam nicht mehr so brav sein wollen, sich von den Eltern emanzipieren und anfangen Rock 'n Roll zu hören. Dieses Lebensgefühl des Aufbruchs in der Nachkriegsgeneration wird vor allem dargestellt, wenn man mit Johnny, June und anderen musikalischen Größen der Zeit wie Jerry Lee Lewis oder Roy Orbison unterwegs auf Tour ist. Aber es zeigt eben auch gerade an der Person von Cash, was die Schattenseiten dieses oberflächlichen Lifestyles in Saus und Braus ist sind.
Jetzt wo ich auch endlich vernünftig Englisch kann, konnte ich feststellen, dass sich alle Songs natürlich auch in der Story spiegeln und auf Erlebtes im Film Bezug nehmen. Es werden nicht nur einfach beliebte Songs reingeworfen, über die sich die Fans freuen sollen - auch da hat man sich etwas gedacht. Wobei sich hier sicherlich eher an den bekannten Songs orientiert wurde als andersherum.
Gerade Biopics neigen dazu sehr ausschweifend und lang zu sein, aber auch davon ist hier keine Spur. Der geht zwar stolze 136 Minuten, ist aber keine Sekunde langweilig und nichts wirkt, als wenn man es einfach so wegschneiden könnte. Es gibt übrigens einen 17 Minuten längeren Extended Cut, der tatsächlich immer an mir vorbeigegangen ist und den ich mir sofort mal bestellt habe.
Wenn man ein bisschen kritisieren will, kann man das tatsächlich an dem Punkt tun, an dem der Werdegang von Cash vor allem vor dem Hintergrund einer Liebesgeschichte erzählt wird. Ein immer wieder gern gewähltes Mittel um ein breites Publikum zu erreichen. Der künstlerische Prozess und wie sehr das alles die Musikhistorie beeinflusst hat, hätte sicherlich einen viel größeren Raum verdient und dann wäre das nahezu perfekt. Die Lovestory zwischen Johnny und June hat aber genug Ecken und Kanten, sodass man sich daran reiben kann und ist vollkommen kitsch- und schmalzfrei. Sie berührt einen sehr, weil es sich ehrlich und echt anfühlt.
Letztlich ist das auch eine dieser Geschichten eines Außenseiters aus einfachen Verhältnissen, der es irgendwann schafft und es allen und gerade seinem verhassten Vater zeigt. Das ist fast schon archetypisch und funktioniert einfach immer.
Somit ist "Walk the Line" auch universell zu verstehen und etwas für Menschen, die mit der Musik wenig anfangen können... wie es ja eingangs erwähnt bei mir und meinen Freunden auch war.

4,5 von 5 Sternen
https://letterboxd.com/film/walk-the-line/
Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=6-oNSs_XMxI

PrinzEisenerz
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von PrinzEisenerz »

Ironic Maiden hat geschrieben:
22. Apr 2021, 13:58
The Kid Detective

Mit 12 war der Protagonist Abe Applebaum der Star in seinem Heimatort, einem amerikanischen Kaff, das wirkt wie aus einem Archie-Comic entlaufen. Als Jugenddetektiv hat er über 200 Fälle gelöst, darunter spannende Mysterien wie das Verschwinden der Baseball-Hefte und den Diebstahl der Spendenkasse. Als Dank dafür bekam er damals vom dankbaren Bürgermeister den Schlüssel der Stadt überreicht und bekommt lebenslang kostenlose Eiscreme im Süßigkeitenladen. Doch dann passiert ein wirkliches Verbrechen. Die Tochter des Bürgermeisters, Gracie, wird entführt und Abe ist nicht in der Lage, sie wiederzufinden.

Zwanzig Jahre später arbeitet Abe immer noch als Detektiv, allerdings ist er mittlerweile ein versoffenes Wrack, das von allem im Ort als peinlicher Versager betrachtet wird. Doch dann taucht ein junges Mädchen auf und beauftragt ihn, den Mord an ihrem Freund aufzuklären.

"The Kid Detective" ist ein toller Film. Die Prämisse verspricht eine seichte Komödie, doch die Handlung wird sehr schnell sehr finster, ohne jemals zynisch oder abstoßend zu sein. Der Humor funktioniert, ist aber nie albern. Das Mysterium ist spannend und der Plot schreitet schnell voran. Ich habe lange keinen Film mehr gesehen, der dermaßen rund und durchdacht war, alle Elemente fügen sich wie ein perfektes Puzzle zusammen.

Wer Lust auf einen guten, mit 100 Minuten nicht zu langen, und sehr unterhaltsamen Film hat, sollte die 5 Euro bei Amazon durchaus ausgeben.
Den fand ich auch richtig gut! Wird auch bei Redlettermedia in einem eigenen Video ausgiebig gelobt.

Andreas29
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Andreas29 »

The French Connection (Rewatch)
1971; Regisseur: William Friedkin; Darsteller: Gene Hackman, Roy Scheider, Fernando Ray; Genre: Krimi/Thriller

Die beiden rabiaten Cops Jimmy "Popey" Doyle und Buddy Russo arbeiten Anfang der 70er Jahre im Drogendezernat der Polizei in Brooklyn, New York. In einem Nachtclub stoßen sie auf jemanden, der den erfahrenen Beamten verdächtig vorkommt und sie beschließen ihn zu observieren. Sie finden heraus, dass der Verdächtige Teil eines großen Drogendeals zwischen einem amerikanischen und einem französischen Drogenboss ist und bald eine große Lieferung des Stoffes in die USA eingeführt werden soll.

"The French Connection" ist ein Klassiker aus der Ära des New Hollywood. Inszeniert wurde er von einem der ganz großen Regisseure: William Friedkin ("The Exorcist"). In den Hauptrollen spielen mit Gene Hackman und Roy Scheider zwei echte Typen die beiden Polizisten. Also was kann schon falsch laufen? Aber Obacht. Ich kann mir gut vorstellen, dass man unvorbereitet durchaus enttäuscht ist oder sogar abgestoßen sein kann, denn das ist alles sehr eigenwillig.
Zunächst einmal wären da die beiden Hauptcharaktere, von denen wir außerhalb ihres Jobs wenig bis gar nichts erfahren und die wir praktisch durchgehend bei der Arbeit sehen. Für menschliche Momente oder einen Raum bzw. Mittelpunkt im Film, zu dem man ständig zurückkehrt und der einen zentralen Ruhepol darstellt, gibt es keinen Platz.
Es wird sich auch gar keine Mühe gegeben die beiden sympathisch wirken zu lassen. Zum einen wären da ihre verbalen Entgleisungen. Bereits nach 5 Minuten fällt der Satz: "Don't trust a ni**er" und die Franzosen nennen sie durchgehend "frogs". Zum anderen wäre da die aufbrausende Art vor allen von Popeye, der sehr gerne auch mal zuschlägt. Aber beide sind quasi in ständiger Übertretung aller Regeln was Verhältnismäßigkeit angeht. Dass es sich um Polizisten handelt, kann man höchstens aus ihrer Dienstmarke schließen, aber nicht aus ihrem Handeln.
"Dirty Cops" ht man heutzutage schon oft gesehen, aber im Zeitkontext muss man den Streifen allerdings als revolutionär ansehen, denn so "dreckige" Polizisten gab es bis dahin nur äußerst selten im Kino. Friedkin will zeigen, dass diese Menschen wie du und ich sind, die sich auch nicht immer unter Kontrolle haben und dass auch Gesetzeshüter nicht immer auf dem Boden eben jenen Gesetzes stehen. Nur weil man eine Uniform und ein Abzeichen trägt und Verbrecher jagt ist man nicht automatisch selbst ein guter Mensch. Wobei man Friedkin vielleicht hier vorwerfen kann, dass er uns Popeye und Buddy fast ausschließlich im Dienst zeigt. Eine richtig umfassende Einordung ihres Charakters und damit auch ihrer Methoden erhält man nicht.
Diese Grenzüberschreitung der Polizei wird aber nicht wie in z.B. "Dirty Harry" glorifiziert. Die Botschaft ist weit davon entfernt zu suggerieren, dass jemand das Gesetz selber übertreten muss um den Abschaum zu beseitigen, weil man nur so dessen Herr wird. Friedkin ist viel intelligenter, was vor allem mit dem Ende zu tun hat, das ich aber hier nicht spoilern möchte.
In der Inszenierung ist der Film sehr trocken. Bekannt wurde er vor allem wegen einer Verfolgungsjagd zwischen einem Auto und einer Straßenbahn und die ist auch heute noch ziemlich spannend, was aber was aus Sicht der Action der einsame Höhepunkt bleibt. Ansonsten wird ohne jegliche musikalische Untermalung und sehr schweigsam observiert, unauffällig verfolgt und ermittelt.
So bekommt man ein – wahrscheinlich – sehr authentisches Bild von Polizeiarbeit, dass ich durchaus faszinierend finde, aber als unumstritten unterhaltsam kann man das nicht bezeichnen. Dennoch hat mich diese absolut nüchterne Fokussierung ganz auf das Verbrechen und dessen Verfolgung in einen Sog gezogen.
Der Film ist mit 103 Minten auch nicht allzu lang und kann die Spannung immer aufrechterhalten.
Was ich bemerkenswert finde ist, dass er stellenweise sehr europäisch wirkt. Das ist schwer zu beschreiben, weil das einfach die Atmosphäre und die ästhetische Inszenierung ausmacht. Und nach etwas Recherche habe ich heraus gefunden, dass Friedkin das durchaus beabsichtigt hat, hier das damalige französische Kino mit dem amerikanischen zu vermischen. Und das gelingt ihm wirklich sehr gut.
Wer also mit spröder Beobachtung, kantigen Charakteren und wenig Action kein Problem hat, sollte hier durchaus zuschlagen, weil man mit einem spannenden, authentischen und eigenwilligen Werk konfrontiert wird.

4 von 5 Sternen
https://letterboxd.com/film/the-french-connection/
Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=ncWxtpXn3gA

Andreas29
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Andreas29 »

Spring Breakers
2012; Regisseur: Horamony Korine; DarstellerInnen: Selena Gomez, Vanessa Hudgens, James Franco; Genre: Thriller/Groteske

Die vier Freundinnen Faith, Candy, Brit und Cotty gehen aufs College und es sind bald Frühlingssemesterferien. Und was macht man, wenn man Student ist und in den USA diese Jahreszeit anbricht? Richtig: Man geht zum größten Massenbesäufnis der Welt nach Florida und macht "Spring Break". Dumm nur, dass alle vier ziemlich pleite sind. Man könnte das akzeptieren und dafür arbeiten nächstes Jahr mehr Geld zu haben, um sich den Traum zu erfüllen. Oder man stiehlt das Autos eines Lehrers und raubt ein Diner aus, wie es unsere Hauptprotagonistinnen machen. Im Partyrausch lernen sie den Gangster "Alien" kennen.

Selten gab es Filme, die Publikum und Kritiker so sehr gespalten haben. Von Anfang an hatte er es bereits durch seine Besetzung schwer. Die ehemaligen Disney-Stars Selena Gomez und Vanessa Hudgens sind nämlich mit dabei. Besonders das männliche Publikum winkte sofort ab und in den Medien wurde viel mehr darüber diskutiert, ob das denn jetzt der berühmte "Befreiungsschlag" für die beiden ist, um sich vom Mäusekonzern (endlich kann ich das auch mal schreiben) zu emanzipieren, anstatt über den Film selbst. Denn der hat einen durchaus verruchten Ruf und der ist auch ziemlich berechtigt. Alle vier Hauptdarstellerinnen werden über die 90 Minuten gnadenlos sexualisiert – inklusive Zooms auf deren Schritt, wenn sie nur eine Unterhose anhaben - auch sonst gibt es alle paar Minuten wackelnde Ärsche und eingeölte nackte Brüste. Das ist meiner Meinung nach aber kein Selbstzweck, denn genau dieser Körperkult ist Spring Break. Genau wie es die über die gesamte Laufzeit in Massen konsumierten Drogen und der Alkohol sind. Bei der Darstellung dieses Exzesses sind wir auch schon bei dem bemerkenswertesten Aspekt dieses Films: Der visuelle Stil und der Schnitt. Es ist ein absoluter Rausch aus knalligen Farben, die immer wieder in Neonlicht getaucht werden und schnellen, sprunghaften Schnitten.
Es werden ständig Partyszenen von Menschen eingeblendet, die wir nicht kennen und nie kennenlernen werden und aus dem Off hört man dazu Gespräche oder Gedanken der ProtagonistInnen, die sich manchmal auch wiederholen. Dazwischen wird die Geschichte der Mädels gezeigt. Diese Szenen sind stellenweise zeitlich durcheinander und man sieht in einer Szene schon einen Ausschnitt aus der nächsten oder das Ergebnis der Szene. In manchen Fällen werden auch vorherige Szenen noch einmal gezeigt. Im Verlauf fällt es immer schwerer dem zu Folgen.
Das alles steht niemals still, findet keine Ruhe und treibt immer voran.
Die Intention ist klar: Hier soll ein Trip gezeigt werden, in dem wir uns mit den ProtagonistInnen verlieren sollen. Das ist anstrengend und hier werden sich die Geister scheiden, aber mir hat das gefallen. Ich fand das wirklich hypnotisch und war über die gesamte Laufzeit gebannt.
"Spring Breakers" ist mehr ein Gefühl als eine stringente Abfolge von Szenen, die eine Geschichte erzählen, was man auch an den Dialogen der jungen Frauen merkt, die nicht mehr bieten als Gespräche über Geld, Sex, Drogen, Alkohol und Partygebrüll.
Man kann bemängeln, dass eine sehr konservative und kulturpessimistische Einstellung und Botschaft ausgesendet wird, denn dieser Hedonismus auf Speed – im bildlichen und wortwörtlichen Sinne – wird hier natürlich ganz klar negativ dargestellt. Denn wie man sich wahrscheinlich denken kann, gibt es am Ende das böse Erwachen - oder eben nicht, aber das wäre ein Spoiler. Aber auch so ist dieser kollektive Hemmungsverlust einfach nicht schön anzusehen. Man fühlt sich wie der einzige auf einer Party der nicht trinkt und sieht, wie die anderen immer besoffener werden und sich nach und nach wie Tiere verhalten.
Das hat ein bisschen was von alter Mann mit dem Gehstock schreit "Die Jugend von heute...". Das bestätigt auch ein Dialog bevor die jungen Frauen den Überfall auf das Diner machen und sich Mut damit zusprechen zu sagen "Let's do it like in a videogame. Let's do it like in the movies". Es gibt also durchaus Kritik an der Popkultur. Aber der Regisseur bringt eben gute Bilder und somit Argumente dafür. Zumal auch gezeigt wird, dass es für die aller aller meisten Studenten nur ein ein- bis zweiwöchiges Dampf ablassen ist und wir hier nur die Geschichte derjenigen sehen, die nicht mehr davon loskommen.
Hängen geblieben ist auch James Franco mit der vielleicht überdrehtesten Performance seiner Karriere... und das will was heißen. Wo es eingangs um die weiblichen Darstellerinnen ging: Die machen ihre Sache trotz der ganzen Diskussionen um sie ziemlich solide. James Franco jedoch hat Rastalocken, Grillz im Mund und spricht im Duktus eines schwarzen Rappers.
Der Film macht in der Mitte etwas, was bei mir sehr gut ankommt: Man sieht sein Haus und sein Gebaren und ich dachte mir "Hält der sich für Scarface?" und die Kamera schwenkt eine Sekunde später über die Wand und was ist da? Ein Poster von Al Pacino als ebenjener Scarface. Der Film weiß also, dass "Alien" eine reine Karikatur ist und spielt damit. Hier kann man ebenso einen popkulturkritischen Ansatz sehen. Auch das ist maximal anstrengend - zumal er jeden zweiten Satz im O-Ton mit "y'all" beendet.
Aber es führt eben auch zu wirklich grotesken Szenen. Beispielsweise überfällt er zusammen mit den Mädels, die pinke Sturmhauben tragen, diverse Urlauber. Das ganze passiert in Zeitlupe zum Song "Everytime" von Britney Spears, den Franco in der Szene zuvor selbst am Klavier angespielt hat. Wer kein Interesse hat den ganzen Film zu schauen: https://www.youtube.com/watch?v=kD8hbg67u5c
Die Geschichte, die um ihn erzählt wird, ist rudimentär. Dennoch wird sie sehr pointiert inszeniert und er stellt ist einfach genau den falschen Freund zur falschen Zeit sehr gut dar.
Also mir hat der Film sehr gut gefallen. Mir ist aber durchaus klar, dass das totale Geschmacksache ist.

4 von 5 Sternen
https://letterboxd.com/film/spring-breakers/
Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=imDML4om8z8


Fun Fact: Spring Breakers hat eine der absurdesten Geschichten, was die Altersfreigabe angeht. Die FSK hat den Film ungeschnitten ab 18 Jahren freigegeben, was weniger an den Szenen selbst liegt als mehr an dem ambivalenten Schluss, der leicht falsch zu interpretieren ist. Das passte dem deutschen Verleiher nicht, der eine 16er haben wollte. Somit wurden am Ende kurzerhand Texttafeln eingeblendet, die ein ethisch-moralisch eindeutigeres Ende zeigen und er wurde so in die Kinos gebracht. Meiner Meinung nach drehen diese Texttafeln die Aussage der Macher einfach komplett um.

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Seroon
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Seroon »

Spring Breakers ist so viel besser als sein Ruf.

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Heretic
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Heretic »

Ich finde "Spring Breakers" auch klasse. Ist mir unbegreiflich, dass so viele Leute den Film falsch oder gar nicht verstehen. Das Ding ist Satire pur und tritt mit seinem gnadenlosen Style over Substance-Gehabe alle tatsächlichen Style over Substance-Luftpumpen mit Schmackes in den Dreck. Herrlich! :mrgreen:

Bin schon auf Harmony Korines aktuellen Film gespannt. Matthew McConaughey als dauerbreiter "Beach Bum" - das hört sich doch vielversprechend an. :D

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Ironic Maiden
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Ironic Maiden »

The Empty Man hat in meiner Rezensionsblase überwiegend sehr negative Kritiken bekommen, die Reviews auf Amazon waren aber recht positiv. Ok, dachte ich, du hast nichts Besseres zu tun, also bilde dir deine eigene Meinung... Und zweieinhalb nervtötende Stunden später war dann klar, dass "The Empty Man" schlecht geschriebener, langweiliger, prätentiöser Müll ist.

Eigentlich ist "The Empty Man" eine Chimäre aus mehreren, jeweils gar nicht so schlechten Ideen. Es gibt mehrere "Handlungsstränge" (zumindest könnte man das so nennen, wenn in diesen thematischen Strängen in irgendeiner Weise Handlung oder Plot vorangetrieben würde), z.B. um ein seltsames Skelett in einer Höhle im Himalaya, eine Teenie-Mutprobe a la "Bloody Mary", eine nihilistische Sekte mit überwiegend jugendlichen Anhängern, einen trauernden Expolizisten auf der Suche nach einem verschwundenen Mädchen usw. Aber nichts davon greift wirklich ineinander. Alle paar Minuten wechselt der Fokus der Handlung, aber schlussendlich gelingt es dem Film in keiner Weise, ein schlüssiges Gesamtkonstrukt zu bauen.
Ich bin mir sicher, dass man aus dem Material mit ein paar Nachdrehs und ruchloser Verwendung eines Schnittprogramms einen ganz passablen 90er Jahre Mystery-Thriller zusammenbauen könnte, aber dafür hätte sich der Regisseur, der - leider - auch für Drehbuch und Schnitt verantwortlich war, von ein paar seiner Ideen verabschieden müssen. Übrig bleibt dann ein unzusammenhängender, mit fast zweieinhalb Stunden viel zu langer Schrotthaufen.

Einige Rezensenten auf Amazon loben anscheinend, dass dies ein tiefsinniger, "philosophischer" Film sei. Klar, wann man es für tiefsinnig hält, dass es eine "Jaques Derrida Highschool" gibt und im Hintergrund im Fernsehen die Star Trek-Szene läuft, die die Handlung irgendwie meta kommentiert, kann man zu diesem Urteil gelangen. Ich muss da gähnen.
Und ich kann auch verstehen, dass man einen Mangel an Jump Scares und eine langsame Handlung in Horrorfilmen schätzt. Diese Aspekte machen einen Film aber noch lange nicht gut, sondern im schlimmesten Fall - wie hier - sterbenslangweilig. Es ist nur ein slow burn, wenn auch irgendwann der burn kommt.

Ich kann nur sagen, Pfoten weg!

Andreas29
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Andreas29 »

Hemel
2012; Regisseur: Sacha Polak; DarstellerInnen: Hannah Hoekstra, Hans Dagelet, Rifka Lodeizen; Genre: Drama

Hemel (niederländisch für "Himmel") ist der Name einer jungen Frau. Sie führt ein unglückliches und oberflächliches Leben mit einigen One-Night-Stands und Affären ohne je Liebe zu finden. Als sie noch jung war, hat sie ihre Mutter verloren, was sie nie verwunden hat. Sie pflegt immer noch ein inniges Verhältnis mit ihrem Vater, der ein Auktionshaus besitzt. Diesen nimmt sie anscheinend als Vorbild für ihren Lebenswandel, denn auch der scheint keine längeren Beziehungen einzugehen.

Und in dieser kurzen Inhaltsangabe steckt bereits ziemlich viel Interpretation, denn man verweigert sich auf eindrucksvolle Weise mehr als Andeutungen zu machen. Das klingt jetzt erst einmal positiv, denn es wird ja gerade unter Cineasten und Kritikern immer wieder gemeckert, wenn zu viel ausbuchstabiert wird und einem alles, was man zu wissen und zu fühlen hat, vorgekaut wird. Dieser Denkschule gehöre ich auch an. ABER: Es ist in sich eine Kunst mit Auslassungen zu arbeiten. Wenn ich mir wirklich alles aus den Fingern der Drehbuchautoren saugen muss, kann es auch in die Richtung kippen, dass ich es faul nenne. Weil dann wird es beliebig und ich fühle mich wie jemand, dem einfach ein bisschen Knete vorgeworfen wird, die ich selber bearbeiten muss. Knete herzustellen ist aber keine Kunst und ich lobe auch nicht den Knetehersteller dafür, wenn ich aus seinem Produkt eine schöne Figur forme.
"Hemel" ist leider so ein Vertreter, der einfach nicht den Sweet Spot in dieser Hinsicht trifft. Er ist prätentiös, weil er sich sehr im vagen halten will, aber immer wieder recht plump doch etwas zeigt oder in Dialogen sagen lässt, was Sache ist. Es wird sehr schnell klar, dass es hier um Verlust und Depression geht. Dass das jemanden lange beschäftigen kann - auch oder gerade weil dieses Trauma in der Kindheit liegt. Und ab diesem Moment wird alles redundant, weil dann immer und immer weitere Szenen kommen, die möglichst indirekt darauf hinweisen wollen. Und dann macht es einfach keinen Sinn das alles immer wieder selber auf ihre Backstory zu projizieren, denn das ist anstrengend. Ich mag anstrengende Filme, aber die müssen sich es verdienen, dass ich meine grauen Zellen anpeitsche. "Hemel" tut das nicht. Sobald man geschnallt hat, um was es geht, sieht man immer wieder die gleichen Situationen und muss sich aus den Gesichtern der Schauspieler alles heraus saugen, was man eh schon nach 20 Minuten wusste.
Ein kleines Beispiel? Ist zwar ein kleiner Spoiler, aber ich empfehle den Film ja sowieso nicht. Ihr Vater sagt in einer Szene am Anfang: "Sie weiß nicht, dass es Selbstmord war". Dadurch, dass das überhaupt gesagt wird, weiß man sofort durch die Art des Films, dass sie es natürlich doch irgendwie weiß. Das wird am Ende gespiegelt als sie auf einem Dach steht und es kurz so aussieht, als würde sie springen - was natürlich wieder ziemlich plump auf ihre Ähnlichkeit zu ihrer Mtter rekurriert. Wahrscheinlich will man aussagen, wie sehr wir von unserem Eltern beeinflusst werden, diese unseren Lebensweg beeinflussen und diese durch ihr Verhalten unser Verhalten vorbestimmen können.
Kunst besteht allerdings nicht einfach nur darin, dem Zuschauer so viel erzählerische Offensichtlichkeit wie möglich zu entziehen. Man muss auch auf dieser Subebene eine spannende und überraschende Geschichte erzählen können. Als ein Beispiel dafür, wo dieser Stil sehr gut geklappt hat, nenne ich mal "Under the Skin". Vollkommen anderes Genre, aber der Stil dem Zuschauer die Arbeit zu überlassen, ist derselbe. Er gibt einen auf der Oberfläche quasi nichts, aber hier wird eben auf dieser Subebene – wenn man sich darauf einlässt, der Film wurde vom Mainstreampublikum ordentlich geprügelt - eine spannende und treibende Geschichte erzählt, die sich wie eine Zwiebel abschält, immer größer wird und die am Ende überraschend universell ist. Und deswegen macht es hier einfach Spaß sich alles aus den Versatzstücken selber zusammenzusetzen.
Was man in "Hemel" jedoch sehr positiv hervorheben muss ist die Schauspielleistung von Hanna Hoekstra, die die verletzliche Frau mit dem harten und frechen Panzer sehr eindrucksvoll und subtil spielt. Wenigstens bietet der Film in der Hinsicht ein kleines Highlight – als Ganzes scheitert man.

2 von 5 Sternen
https://letterboxd.com/film/hemel/
Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=XjtpV-3S7ac (hab leider keinen mit Untertiteln oder deutscher Synchro gefunden)

Andreas29
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Andreas29 »

Ironic Maiden hat geschrieben:
25. Apr 2021, 15:57
The Empty Man hat in meiner Rezensionsblase überwiegend sehr negative Kritiken bekommen, (...)
Ich kann nur sagen, Pfoten weg!
Hochinteressant! In meiner "Rezensionsblase" kommt der Film überaus gut an und wird mittlerweile als Überraschungshit und Geheimtipp gepriesen.

Hab ihn schon bei Amazon geliehen und werde ihn auch bald schauen. Bin mal gespannt.
Ironic Maiden hat geschrieben:
25. Apr 2021, 15:57
Ich bin mir sicher, dass man aus dem Material mit ein paar Nachdrehs und ruchloser Verwendung eines Schnittprogramms einen ganz passablen 90er Jahre Mystery-Thriller zusammenbauen könnte, aber dafür hätte sich der Regisseur, der - leider - auch für Drehbuch und Schnitt verantwortlich war, von ein paar seiner Ideen verabschieden müssen. Übrig bleibt dann ein unzusammenhängender, mit fast zweieinhalb Stunden viel zu langer Schrotthaufen.
Es gibt Interviews von David Prior, in denen er behauptet, dass das Studio den Film veröffentlicht hat, obwohl er noch nicht fertig war. Er ist mit der Version, die man jetzt schauen kann auch nicht zufrieden und hätte noch gecuttet.

Von Wikipedia:
When test screenings occurred, Prior was told to assemble a cut almost immediately after production had ended. Following low test scores, the studio began panicking over losing a tax rebate from South Africa due to impending deadlines. This led Prior to delivering his final cut of the film with six extra minutes he initially intended to cut out.[15]
https://en.wikipedia.org/wiki/The_Empty ... m)#Release

Aus einem sehr langen Interview auf "Thrillist":
The studio's attitude towards the movie was so debilitating and so dismissive that I had almost been half-convinced to not be proud of the movie. Then I saw it for the first time in that theater and I walked out of there with a new spring in my step. It's not perfect. There are things that I wish were better funded. There are things that I would have done differently. There always will be, I assume. If you get to a point where you feel like it's perfect, you might as well quit. There are things that I can see where it's a little rough around the edges in certain spots and where it could've been more concise here and there.
https://www.thrillist.com/entertainment ... -interview


Generell kann man sagen, dass das Studio nicht besonders gut mit dem Film umgegangen ist. Es gab eigentlich keine Marketingkampagne.
Zuletzt geändert von Andreas29 am 25. Apr 2021, 17:52, insgesamt 1-mal geändert.

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Ironic Maiden
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Ironic Maiden »

Andreas29 hat geschrieben:
25. Apr 2021, 16:19

Es gibt Interviews von David Prior, in denen er behauptet, dass das Studio den Film veröffentlicht hat, obwohl er noch nicht fertig war. Er ist mit der Version, die man jetzt schauen kann auch nicht zufrieden und hätte noch gecuttet.
Danke für die Anmerkungen! Ich kann mir vorstellen, dass der Regisseur mit dem Ergebnis unzufrieden ist. Ich glaube aber nicht, dass er durch bloßes Schneiden viel hätte retten können, bzw. vielleicht eine externe Person den Film hätte überarbeiten müssen, da in dem Ding einfach zu viel verschiedenes Zeug drinsteckt und Prior ganze Handlungsstränge hätte amputieren müssen.
Meiner Ansicht nach liegt das Problem wirklich auf der Ebene des Drehbuchs. Es ist im Genre- und Nischenfilm ja nicht ganz außergewöhnlich, wenn schon gedreht wird, bevor das Drehbuch fertig ist, und trotzdem kommen da oft zumindest passable Filme raus. ("Lights Out" und "Dead Silence" sind vielleicht kein "Citizen Kane", aber trotzdem kompetent und unterhaltsam, um mal zwei Beispiele zu geben.) Aber "The Empty Man" wirkt, als habe Prior alle Ideen, die er jemals für Filme hatte, in ein einziges Drehbuch gesteckt. Nur ist es auch Teil des kreativen Prozesses, das wegzulassen was stört.

Anyway, ich mag es ja an Horror ganz besonders, wie vielfältig die Meinungen über die Werke sind, und dass es oft weniger Konsens gibt, als in anderen Genres. Deswegen bin ich auf deine Meinung gespannt!

Andreas29
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Andreas29 »

Im Keller
2014; Regisseur: Ulrich Seidl; Genre: Dokumentation/Groteske

Nach den Fällen von Natascha Kampusch, die 8 Jahre von einem Mann in einem Keller festgehalten und misshandelt wurde und Josef Fritzl, der seine Tochter 24 Jahre festhielt und mit ihr 7(!) Kinder zeugte, gab es viele sehr geschmacklose Witze darüber, was denn so in österreichischen Kellern vor sich geht. Diese Frage hat sich auch der Filmemacher Ulrich Seidl gestellt und ist dem in dieser "Dokumentation" (warum ich das in Anführungszeichen setze, erfährt man im weiteren Verlauf) auf den Grund gegangen. Sehr hochwertig gefilmt und mit interessanten, oft symmetrischen Kameraeinstellungen und Bildkompositionen verfolgen wir ohne großen Zusammenhang mehrere Menschen bei ihren Tätigkeiten im Keller: Eine Frau, die dort mit Babypuppen spricht und sie so behandelt, als seinen sie echt; eine Frau, die ihren Mann als Sexsklaven hält; einen Opern singenden Schießstandbesitzer; einen Blasmusiker, der seinen ganzen Keller mit nationalsozialistischen Devotionalien eingerichtet hat... und so weiter und so fort.
Hier ist auch mein größter Kritikpunkt, denn der Film konzentriert sich fast ausschließlich auf absolute Extremfälle. Das ist sehr boulevardesk, auch wenn es in einem sehr künstlerischen Rahmen präsentiert wird. Dass es hier mehr um den Knalleffekt, den Skandal, die Empörung geht sieht man besonders dann, wenn die Abschnitte in denen man sexuelle Dinge beobachtet, gerne mal sehr explizite Darstellungen zeigen.
Und hier stellt man sich die Frage, was jetzt von mir als Zuschauer verlangt wird. Soll ich darüber lachen? Schließlich sind das hier Menschen, die nicht den gängigen Schönheitsidealen entsprechen und das was sie machen, ist – zumindest wenn man ein gut behütetes Leben hatte und hat – ziemlich skurril. Soll ich mich ekeln? Empören? Bei mir überwog eher die Anerkennung, dass man sich so vor der Kamera zeigt.
Eine "Dokumentation" in dem Sinne, das wirklich mal herausgefunden werden soll, wie der Österreicher so im stillen Kämmerlein tickt, ist das nicht. Eigentlich wird hier nur ein Kuriositätenkabinett des Extremen präsentiert. Solche Menschen, die hier gezeigt werden existieren natürlich, aber sie sind keinesfalls repräsentativ. Ansonsten wäre der Film allerdings wahrscheinlich auch ziemlich langweilig, aber darunter darf die Ergebnisoffenheit einer Dokumentation meiner Meinung nach nicht leiden. Wenn ich feststelle, dass sich meine These nicht bestätigt oder es langweilig wird, muss ich den Schneid haben das Projekt zu beenden. Aber das scheint ja auch gar nicht der Anspruch gewesen zu sein.
Und Seidl inszeniert auch auf formaler Ebene zu viel. In langen Einstellungen starren mich immer mal wieder die gezeigten Menschen über 30 Sekunden bis zu einer Minute mit neutralem Gesichtsausdruck an. Das ist natürlich kein normales Verhalten und es gab hier eine Regieanweisung. Die Intention ist klar: Ich soll Nähe zu den Protagonisten aufbauen - oder auch eben hier über sie lachen. Weil manche so grimmig dreinschauen, dass man Angst bekommt. Wie soll es denn auch anders sein, denn keiner von ihnen ist ausgebildeter Schauspieler, was man bei manchen an unsicheren Augenbewegungen merkt und man sich fast fremdschämt. Und auch so hat man immer wieder den Eindruck, dass Seidl ihnen gesagt hat, dass sie die Dinge tun sollen, die er für möglichst absurd hält.
Jetzt kann man den ganz großen Interpretationsmotor anwerfen und sagen, dass "Im Keller" die Botschaft sendet, die Gesellschaft wäre zu verklemmt und deswegen müssten diese Menschen in den Keller flüchten, um ihren Bedürfnissen und Hobbys nachzugehen, wenn diese nicht der Norm entsprechen. Und dadurch, dass sie dort im Verborgenen passieren, werden sie immer extremer und deswegen kommt es auch immer wieder dazu, dass es solche eingangs erwähnten Verbrechen gibt. Das kann man sicherlich machen, aber das ist mir dann alles viel zu einseitig, denn hier wird eben nur das Extreme gezeigt.
Der Film ist für mich weniger Dokumentation als viel mehr eine Farce oder Groteske, zwar mit echten "Darstellern", aber hier hat ein Regisseur seine Vision verwirklicht und war an Aufklärung und Beobachtung relativ wenig interessiert. Das ist trotzdem natürlich unterhaltsam, weil egal mit wie viel Anspruch man an eine solche Sache herangeht: Das Befriedigen niederer Instinkte funktioniert eben trotzdem. Und es gibt auch seltsam ehrliche Momente, wie z.B. ein kleiner schmächtiger Mann, der ganz stolz von sich erzählt wie hart er ejakulieren kann und er damit die Frauenwelt beglückt. Das hört sich als Erzählung jetzt etwas eigenartig an, aber das fand ich irgendwie so erfrischend unironisch ehrlich.
An ein paar Stellen hätten Untertitel nicht geschadet, die ich leider nicht aktivieren konnte. Den österreichischen Dialekt versteht man im Großen und Ganzen, aber der ein oder andere hat dann doch einen etwas zu harten.
"Im Keller" hatte übrigens reale Folgen, denn der Mann mit seinen NS-Devotionalien wurde angeklagt und seine Sammlung wurde konfisziert. Wobei man sich nicht nur, aber gerade bei ihm denkt, was sich so mancher gedacht hat sich hier so öffentlich zu zeigen - mit Gesicht und Namen. Die haben ja auch Kinder, Verwandte, Nachbarn, Bekannte und Arbeitskollegen und Arbeitgeber . Mich würde interessieren, wie es denen im Nachhinein so ergangen ist.

3 von 5 Sternen
https://letterboxd.com/film/in-the-basement/
Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=SSdJ6h-QEEU


Ghibli der Woche:

Das Königreich der Katzen
2002; Regisseur: Hiroyuki Morita; SprecherInnen: Chizuru Ikewaki, Yoshihiko Hakamada, Aki Maeda; Genre: Anime

Haru ist ein etwas tollpatschiges und verpeiltes Mädchen. Als sie eines Tages von der Schule mit einer Freundin nach Hause geht, rettet sie eine Katze davor von einem LKW überfahren zu werden. Sie macht große Augen, als diese sich dann vor ihr verbeugt und sich bedankt. In der Nacht darauf steht plötzlich der König der Katzen vor ihrem Haus, der sich bei ihr erkenntlich zeigen will, weil sie seinen Sohn den Prinzen gerettet hat.
Am nächsten Tag bekommt sie nochmal Besuch von einer Katze, die ihr eröffnet, dass der König sie bittet in sein Reich zu kommen. Dort soll sie seinen Sohn heiraten. Haru weiß nicht so recht, was sie davon halten soll und ist überrumpelt, beschließt aber die Reise anzutreten.

Der erste Film von Ghibli nach "Chihiros Reise ins Zauberland" ist leider nur eine Fingerübung. Das ist immer noch gut, aber nichts im Vergleich zu den großen Klassikern des Studios. Der Standard mit seinen wunderschönen Zeichnungen, detaillierten Animationen, eingängigem und stellenweise emotionalen Soundtrack und schrägen Chrakteren wird natürlich nicht unterlaufen. Auch Haru als Hauptcharakter ist wirklich sympathisch und sorgt stellenweise für gute Lacher. Die Geschichte allerdings ist wirklich sehr simpel und die typische "Moral von der Geschichte" bzw. die Entwicklung der Hauptfigur, die am Ende passieren muss, fand ich dieses mal wirklich wenig zwingend und kaum nachvollziehbar - fast ein wenig platt. Außerdem wirkt alles so klein und insignifikant. Es muss ja nicht immer Epik und Bombast sein, aber man kann auch im Kleinen eine große Geschichte erzählen, was "Das Königreich der Katzen" leider nicht tut. So konnte mich das auch nicht emotional abholen. Ich hätte auch gerne viel mehr über diese Welt der Katzen erfahren, denn gute Fantasy bietet auch immer Mythologie für das World Building oder schafft es mit wenigen Mitteln viel mehr zu implizieren. Leider nimmt man sich aber nur 75 Minuten Zeit ein sehr flaches und holzschnittartiges Märchen zu erzählen.
Kein schlechter Film. Dennoch hat sich Ghibli eben ein Ruf erarbeitet, bei dem man mehr erwartet.

3 von 5 Sternen
https://letterboxd.com/film/the-cat-returns/
Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=Gp-H_YOcYTM

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