Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

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Andreas29
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Andreas29 »

Martyrs (Rewatch)
2008; Pascal Laugier; Darstellerinnen: Mylène Jampanoï Morjana Alaoui Patricia Tulasne; Genre: Horror

Lucie wird als Kind entführt und scheinbar ohne Grund gequält. Eines Tages gelingt ihr die Flucht. Im Waisenhaus lernt sie Anna kennen und wird ihre beste Freundin. Ihr Traumata verfolgt sie dennoch weiter und sie spricht nicht darüber, was mit ihr passiert ist. Außerdem sieht sie eine Gestalt, die sie verfolgt und immer wieder angreift. 15 Jahre später macht Lucie die Menschen ausfindig, die ihr das angetan haben und übt blutige Rache. Ihre Freundin, die immer noch treu an ihrer Seite steht, stößt auf die grausamen Hintergründe.

Anfang der 2000er begann im französischen Horrorkino die "Harte Welle". Mit Werken wie "Haute Tension", "Frontiers" und "Inside" wurden die Grenzen der Gewalt deutlich verschoben und man schockte das damalige Publikum bis auf das Mark. "Martyrs" hat darunter noch einmal eine Sonderstellung, gilt als Magnum Opus dieser Ära und ist zu einem Kultstreifen unter Genrefans geworden. Ebenso gilt er als Mutprobe, denn nicht wenige bezeichnen ihn als "härtesten Film" aller Zeiten.
Das ist natürlich einiges, was da an Vorschusslorbeeren aufgeboten wird für Menschen, die auf der Suche nach Grenzerfahrungen bei Filmen sind – wie mich. Die Erwartungen waren entsprechend hoch, als ich ihn dann endlich vor etwa einem Jahr mal sehen konnte und das Werk wurde seinem Ruf ziemlich gerecht. In Besprechungen über "Martyrs" ist mir aber immer mal wieder aufgefallen, dass ich das Ende etwas anders interpretiert habe, als viele Fans. Meine erste Theorie ist zwar eine eine der beliebtesten, aber nicht die einzige und ich finde mindestens eine weitere recht überzeugend. Deswegen stand er jetzt nochmal bei mir auf der Liste. Zu meiner Verteidigung: Beim ersten Mal ist man auch ein bisschen überfordert, denn die versprochene Härte ist wirklich vorhanden und so konnte ich nicht so sehr auf jede Implikation achten. Die Gewalt muss man auch als erstes besprechen, denn das ist in doppelter Hinsicht einfach richtig fies. Zunächst ist es zwar stellenweise sehr blutig, aber anstatt auf übertriebenen Splatter und Blutfontänen zu setzen, bleibt man auf einer sehr realistischen Ebene. Das greift einen an, weil es authentisches Leid ist, was Filme oft auslassen, weil es für den Zuschauer so unangenehm ist. Nur aus dem Grund kann es ja solche Genres geben wie "Splatter". In vielleicht einer der einprägsamsten Szenen, wird einer Frau eine Apparatur vom Kopf genommen, die in ihrem Schädel mit übergroßen Tackernadeln befestigt ist. Das Entfernen dieser und die unerträglichen Schmerzensschreie werden bei einem bleiben – da zieht sich alles zusammen. Andererseits geht es ganz generell in "Martyrs" um Qual und Leid und was diese mit dem Menschen und seiner Psyche anstellen. Während in den meisten Horrorfilmen gekillt wird, geht es hier darum, dass Menschen gebrochen werden sollen. Das bringt eine ganz unangenehme psychologische Komponente hinein. Ich weiß nicht was genau, aber "Martyrs" drückt einfach ein paar Knöpfe und fasst einen an stellen an, wo man nicht angefasst werden möchte und was in dem Genre eigentlich nicht gemacht wird. Höchstens Hanekes' "Funny Games" funktioniert auf ähnliche Weise. Es gibt eine Sequenz in der eine Frau fast 20 Minuten lang immer wieder verprügelt wird. Nicht nur sie, sondern auch wir als Zuschauer sollen gebrochen werden - und zu einer höheren Erkenntnis gelangen? Denn das ist die Frage, die hier gestellt wird. Und da wird unsere Moral und Ethik durchaus auch auf die Probe gestellt, denn – und das soll man nach meiner Beschreibung der Gewalt gar nicht glauben – schafft es der Film auch noch ambivalent zu bleiben. Das verstört zutiefst, weil man so sehr mitleidet und einfache Antworten möchte. Man bekommt auch noch eine Erklärung für diese Taten und die ist nicht dumm, wie sie es in so vielen anderen Horrorfilmen ist. Hinter alledem steht ein Grund bzw. ein Motiv, dass man aus der Sicht der Täter nachvollziehen kann, aber deren Mittel natürlich für absolut pervers hält.
Welche Interpretation der Auflösung denn am Ende die richtige ist, weiß ich übrigens immer noch nicht. Vielleicht möchte jemand hier darüber diskutieren, deswegen mache ich mal ausnahmsweise einen Spoilerteil:
SpoilerShow

Meine erste Theorie (bei dieser bleibe ich auch) war, dass Anna das "Leben nach dem Tod" oder irgendetwas anderes erleuchtendes sieht, aber die Medemoiselle anlügt und die sich deswegen umbringt, weil ihr Lebenswerk zerstört wird. Die Frage ist, warum sie dann überhaupt das Treffen dieser ganzen Gesellschaft einberuft. Allerdings passt hier das "Keep Doubting" sehr gut.

Was auch geht: Anna sagt der Mademoiselle die Wahrheit. Die will schnellstmöglich dahin und gibt sich die Kugel. Da sie aber immer noch nicht ganz sicher sein kann, aber den ersten Schritt macht, sagt sie dem Mann noch er soll weiter zweifeln.

Es gibt auch noch ganz andere Interpretationen: Eine nimmt an, dass Anna die Hölle sieht, aber der Mademoiselle sagt, sie habe den Himmel gesehen und die sich mit falschen Erwartungen dorthin befördert. Das klingt mir aber eher nach etwas, dass man sich als Zuschauer einfach wünscht, weil man eine möglichst harte Bestrafung will.

Diese Ambiguität ist aber auf jeden Fall gewollt, egal was richtig ist. Denn sonst hätte Laugier uns das hören lassen, was Anna der Mademoiselle zuflüstert.
Die Schauspielerinnen gilt es ebenfalls hervorzuheben, die zu der Authentizität beitragen. Man kann sich nur vorstellen wie anstrengend es sein muss in fast allen Szenen im absoluten emotionalen Ausnahmezustand zu sein. Morjana Alaoui (Anna) und Mylène Jampanoï (Lucie) haben allerdings beide danach kaum noch etwas gemacht. Letztere hatte zwar noch mehrere Prohekte, konnte aber nicht mehr an den Erfolg von Martyrs anknüpfen.
"Martyrs" ist trotzdem nicht perfekt. Das Tempo ist am Anfang hoch und es werden einige wirklich überraschende Haken geschlagen, wenn es darum geht herauszufinden, was das denn überhaupt für ein Film ist und worum es geht. Dann wird es aber irgendwann immer schleppender. Dann tritt manb durchaus auf der Stelle - besonders in der schon genannten Prügel-Sequenz. Das ist Absicht, aber es ändert nichts daran, dass man hier trotz der 95 Minuten in der zweiten Hälfte ein paar Längen spürt.
Trotzdem: Wenn man sich zutraut das auszuhalten, sollte man sich das mal angesehen haben. Und wenn auch nur um mal auszutesten, wo für einen tatsächlich die Grenzen liegen.

4 von 5 Sterne
https://letterboxd.com/film/martyrs/
Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=F8RDYD6VhpI (aufgepasst, auch der Trailer ist nicht ohne)

Um mal einen der Unterschied in der Film- und Kinokultur im Vergleich zwischen Deutschland und Frankreich herauszuheben: In unserem Land wurden alle Filme der französischen "Harten Welle" von der BPjM indiziert oder sogar von Gerichten beschlagnahmt. "Martyrs" hat in Frankreich zunächst eine Freigabe ab 18 Jahren bekommen, was in deren System bedeutet, dass er nicht im Free-TV oder im Kino gezeigt werden darf. Diese Freigabe bekommen dort eigentlich nur Pornos. Die damalige Kulturministerin Christine Albanel setzte sich jedoch für den Film ein, es gab eine erneute Prüfung und er wurde ab 16 freigegeben.
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bluttrinker13
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von bluttrinker13 »

Ich fand Martyrs hart, vor allem zum Ende hin, aber längst nicht so schlimm wie andere Sachen, bspw Inside oder Menschenfeind oder sowas.

Auf jeden Fall fand ich ihn vom Storybogen her, und dann dem geilen Schluss (Peng!), sehr sehr gut. Hat mich bewegt und sehr nachdenklich gestimmt, schaffen Horrorfilme bei mir selten.
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Feamorn
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Feamorn »

Ich fand Martyrs auch echt gut, klar, hart (aber eher inhaltlich, als optisch, glaub ich, ist schon eine Weile her), aber eben gut und mit Substanz zum drüber nachdenken.
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Ironic Maiden
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Ironic Maiden »

Ich mag "Martyrs" sehr gerne und finde, dass es tatsächlich mal ein Film ist, der die Härte der Gewaltdarstellungen zwingend braucht. Leider war ich schon komplett gespoilert, als ich ihn das erste Mal gesehen habe. Ohne das hätte ich ihn vielleicht noch besser gefunden, allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich ihn dann zu Ende geschaut hätte, da der letzte Akt sich mMn sehr zieht. Ich habe eine geschnittene Fassung gesehen, in der einige Minuten aus dem letzten Teil fehlen, und ich fand ihn dann trotzdem irgendwie nicht mehr schmerzhaft, sondern nur zu langsam.

Ich habe den Film immer auch als Kritik am (französischen) Klassensystem gesehen, da Lucie und Anna nicht nur arm sind, sondern anscheinend auch einen nordafrikanischen (algerischen?) Hintergrund haben. Und die Oberschicht missbraucht diese Frauen, um ihre überspannten Theorien zu beweisen und in den Besitz von Wissen zu gelangen, auf das sie glauben ein Anrecht zu haben.

Meine Theorie über das Ende ist - glaube ich - eine der verbreitetsten
SpoilerShow
nämlich, dass es tatsächlich einen Himmel gibt, aber Mademoiselle und ihre Anhänger durch ihre Taten den Zutritt dazu verwirkt haben. Sie haben also aufgrund ihres Einflusses das ersehnte Wissen erlangt, aber gerade weil sie diese Macht haben und sie missbraucht haben, nützt ihnen dieses Wissen gar nichts. Und es gibt für diese Menschen damit zum ersten Mal etwas, das sie einfach nicht bekommen können.
Es gibt eine sehr schöne Folge der "Faculty of Horror" über "Martyrs" und "Calvaire", aus der auch viele meiner oben genannten Ideen stammen, und die ich nur wärmstens empfehlen kann. https://www.facultyofhorror.com/tag/martyrs/
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bluttrinker13
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von bluttrinker13 »

@Maiden: schöne Theorie! Ist dann aber nicht gerade das vorzeitige Peng! etwas seltsam, angesichts dessen, was sie alternativ erwartet...?
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Heretic
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Heretic »

Seventh Son

Jeff Bridges als Hexenjäger, Alicia Vikander als nette Hexe von nebenan und Julianne Moore als böse Oberhexe - was kann da noch schiefgehen? So einiges, wenn man diese edle Darstellerriege in eine austauschbar wirkende Fantasywelt steckt und das ganze mit einer extrem unoriginellen Gut gegen Böse-Story versieht. Am unterhaltsamsten ist noch Jeff Bridges als krude Mischung aus dem Dude, Gammelgandalf und einer Prise Geralt von Riva. Und die Tatsache, dass Kit "Jon Snow" Harrington nach fünf Minuten die Biege macht. Er hat wohl rechtzeitig gemerkt, dass er sich nicht am "Game of Thrones"-Set befindet. :mrgreen:

Ein paar Schauwerte kann man dem Film nicht absprechen und die CGI-Tricks gehen in Ordnung, wenn man kein dreckiges Dark Fantasy-Abenteuer erwartet. "Seventh Son" geht eher in die humorige und familienfreundliche Richtung à la "Der Sternwanderer". Diesem kann er aber nicht mal ansatzweise das Wasser reichen.
Andreas29
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Andreas29 »

Imperium
Regisseur: Daniel Ragussis; Darsteller_Innen: Daniel Radcliffe, Toni Collette, Tracy Letts; Genre: Thriller

Nate Foster ist ein schmächtiger, intellektueller und zurückhaltender FBI-Agent, der von seinen Kollegen eher belächelt wird. Er ist als Analytiker zuständig für islamistischen Terrorismus und kann seine Kollegin Christin Marquitan, die für Rechtsterrorismus zuständig ist, bei einem Verhör sehr beeindrucken. Die möchte daraufhin, dass Nate in ihr Ressort wechselt, als radioaktive Fässer bei einem Unfall mit einem LKW verschwinden. Sie vermutet dahinter White Supremecists, die einen Anschlag planen. Christin eröffnet ihm, dass er als verdeckter Ermittler in die Szene abtauchen soll, um Kontakt zu einem Radiohost aufzubauen, der als Drahtzieher im Verdacht steht. Der junge Bundesbeamte ist davon gar nicht begeistert, stimmt aber zu.

Harry Potter...ja, dieser Name schwebt über jeden Film, in dem Daniel Radcliffe mitspielt. Auch Jahre nachdem er den berühmten Zauberlehrling gespielt hat, haftet diese Rolle noch an ihm und wird auch wahrscheinlich immer mit ihm verbunden sein. Elijah Wood wird ja auch heute noch überall als "Frodo" bezeichnet. Radcliffe ist ein sehr diplomatischer und konfliktscheuer Mensch und er hat sich bis jetzt nie laut darüber beschwert, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ihn das kalt lässt. Das sieht man besonders an seiner Rollenwahl, denn er ist bemüht eher härtere Rollen anzunehmen, um sich vielleicht des Images als 10-jähriger Brillenträger mit der Blitznarbe auf der Stirn zu entledigen. Auch ich finde es langsam einfach anstrengend weil irgendwann hat man alle Witze á la "Das hat er also nach seiner Karriere in Hogwarts gemacht" durch.
Daniel Radcliffe ist ein ziemlich guter Schauspieler geworden. Das muss man einfach zugeben. Er schafft es "Imperium" mit einer engagierten Leistung zu tragen, in der er die Fallstricke einer verdeckten Ermittlung und die dadurch entstehende innerliche Zerrissenheit und kognitive Dissonanz sehr pointiert darstellt. Oft natürlich nur über seine Mimik, weil er ja in der Rolle nicht auffliegen darf und uns als Zuschauer trotzdem seine Emotionen in dem Moment mitteilen muss. Das ist gar keine so leichte Aufgabe, die er allerdings mit Bravur besteht. Auch seine Kollegin Christin wird von der immer wieder brillianten Toni Colette gespielt. Aber da habe ich schon den ersten Kritikpunkt: Die beiden zusammen hätte ich gerne viel öfter gesehen. Sie haben nämlich eine wunderbare Chemie und bringen ohne die Ernsthaftigkeit des Themas in Vergessenheit geraten zu lassen, etwas Leichtigkeit hinein.
Natürlich ist der Streifen hochpolitisch und hat einen sehr großen Anspruch: Er will die gesamte US-amerikanische Rechte abbilden. So sehen wir Nate die Stationen von den typischen Schläger-Glatzen-Nazis, über eine schon organisatorisch an eine Miliz erinnernde Gruppe, zum KKK hinüber, dann zu den rassistischen Radiohosts bis zu den von außen gesehen normalen "besorgten" Bürgern mit Vorstadthaus und Familie abklappern. Letzteres ist am interessantesten, weil es mal gegen das Klischee geht und eine Facette ist, die bei diesem Themenkomplex oft unterrepräsentiert ist. Diesen riesigen Bogen spannen und die Strukturen und Verzahnungen abbilden zu wollen ist äußert ehrenwert und ambitioniert, geht aber neben dem Thrillerplot und dem Psychogramm dessen, was verdeckte Ermittlungsarbeit aus einem macht, etwas nach hinten los. Das ist überladen, wirkt gehetzt und nichts, was "Imperium" beleuchten will, geschieht in einer befriedigenden Tiefe. Das ist einfach zu viel für 109 Minuten Laufzeit. Der Übergang zwischen den verschiedenen genannten Akteuren wirkt oft zu geschmeidig und reibungslos. Gerade im letzten Viertel wird einiges mit der heißen Nadel gestrickt und es kommt zu einigen sehr konstruiert wirkenden Zufällen, um schnell zum Ende zu kommen. Das alles heißt nicht, dass es zu diesen einzelnen Facetten nicht doch auch immer wieder mal interessante Beobachtung gibt. Und sei es nur die Erkenntnis, dass das extrem rechte Spektrum von Schlägern, die sich auf Demos mit der Antifa prügeln zu Familienvätern reicht, mit denen man über klassische Musik philosophieren kann.
Aber auch wenn dieser Rundumschlag nicht gelingt, ist das trotzdem unterhaltsam und spannend, weil das Szenario das einfach bietet. Fliegt er auf oder nicht? Was wird er alles tun müssen, um nicht aufzufliegen? Driftet er selbst in die Szene ab? Was wollen die mit den Fässern machen? Wo sind die Fässer? Wird er sie rechtzeitig finden? Was opfert Nate? In einer besonders eindrücklichen Szene läuft er bei einer Nazidemo "White Power" und "Sieg Heil" schreiend durch eine Stadt. Er wird von einem schwarzen Freund erkannt, der ihm dann entrüstet zuruft "What the fuck are you doing, Nate?". Der erwidert daraufhin aber nur "Shut the fuck up, ni**er". Szenen wie diese machen den Film sehenswert, weil sich dann etwas in Radcliffs Gesicht abspielt, dass irgendwo zwischen Pflichtbewusstsein und Selbsthass liegt. Und das war gar nicht mal so sehr gespielt, denn ihm waren die nationalsozialistischen und rassistischen Parolen, die er in seiner Rolle schreien musste, genauso unangenehm wie seiner Figur auf der Leinwand. Er selbst hat sich am Set mehrmals bei seinen Kollegen entschuldigt.
Gut gemimt, spannend und kompetent inszeniert. Der große Anspruch ist gut gemeint, kann aber nicht ganz erfüllt werden.

3,5 von 5 Sternen
https://letterboxd.com/film/imperium/
Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=I3lFBq7_CPk (für die von mir genannten Vergleiche mit Harry Potter z.B. einfach mal hier in die Kommentare schauen)
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Ironic Maiden
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Ironic Maiden »

Nochmal zu Martyrs:
bluttrinker13 hat geschrieben: 10. Jun 2021, 23:17 @Maiden: schöne Theorie! Ist dann aber nicht gerade das vorzeitige Peng! etwas seltsam, angesichts dessen, was sie alternativ erwartet...?
SpoilerShow
Ich denke, dass sie es einfach nicht hinbekommt, ihren Anhängern zu erzählen was ihr gesagt wurde. Deswegen bringt sie sich ja auch nicht sofort nach der Eröffnung um, sondern erst vor der offiziellen Bekanntgabe. Als die ganzen Leute anreisen, wird ihr klar, dass sie das nicht machen kann. Es würde alles, was sie bisher getan haben, sinnlos machen, ihre eigene Rolle zerstören und sie dem Zorn und der Verachtung dieser Menschen ausliefern. Durch ihren Selbstmord und ihre letzten Worte stellt sie sicher, dass die anderen einfach weitersuchen werden und sie sichert damit ihr eigenes Erbe. In die Hölle kommt sie schließlich so oder so.
Wenn man noch etwas drauflos interpretieren möchte, könnte man dies sogar noch weiter in den thematischen Kontext von Ausbeutung und Kolonialismus stellen. Wir wissen, dass das was wir tun falsch ist und letztendlich alles zerstören wird, aber wir halten zukünftige Generationen trotzdem dazu an, einfach weiterzumachen.
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Dr. Zoidberg [np]
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Dr. Zoidberg [np] »

Jon Zen hat geschrieben: 8. Jun 2021, 08:59
@F&F habe mir nun "endlich" das Spin-Off Hobbs & Shaw angeschaut (nachdem ich Teil 8 noch im Kino sah und nicht fassen konnte, wie schlecht er war - 1/10). Meine Erwartungen waren gering, aber zum Glück geht es in diesem Film nicht um Autos, sondern es ist eine reine Komödie. Das funktioniert ziemlich gut im F&F Universum.
Die Action ist Beiwerk, völlig übertrieben und langweilig. Aber die Oneliner ("Ich bin der Böse", "ich wette, wir halten 5 Stromschläge aus!") und die sich ständig kabbelnden Hobbs & Shaw unterhielten mich über den ganzen Film hinweg.
Ich hab mir neulich auch F8 angeschaut und kann das nur bestätigen. Klar, die Filme waren schon immer Guilty Pleasure, aber gerade Teil 1 und 5 sind wirklich unterhaltsame Filme. F8 war nicht nur komplett langweilig, sondern auch handwerklich unerwartet schlecht. Für mich mit Abstand der schlechteste F&F, selbst Teil 2 und 3 sind um Längen besser.


Das einzig gute waren tatsächlich die Kabbeleien zwischen The Rock und Statham, von daher kann ich mir schon ganz gut vorstellen, dass das einen ganzen Film trägt und unterhält.
Andreas29
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Andreas29 »

Fighting with my Family
2019; Regisseur: Stephen Merchent; Darsteller_Innen: Florence Pugh, Vince Vaughn, Nick Frost; Genre: Dramedy

Saraya Knight wird im englischen Norwich in eine absolute Wrestling-Familie hineingeboren. Alle Familienmitglieder wrestlen, betreiben gemeinsam eine eigene kleine Liga - die WAW - und trainieren Kinder und Jugendliche. Der Vater war lange im Knast und Alkoholiker und die Mutter hatte sich schon fast umgebracht, als dieser Sport sie rettete. Wie sie es ausdrücken: "Manche finden Gott, wir fanden Wrestling". Sie leben in sehr bescheidenen Verhältnissen. Saraya und ihr Bruder Zak bekommen, nachdem sie ein Video eingesendet haben, die Möglichkeit bei einem Event der großen WWE ihr Können zu beweisen, um vielleicht in die Liga der Profis aufgenommen zu werden. Bei dem Casting wird aber nur Saraya genommen, die von nun an mit dem Künstlernamen "Paige" in Florida in der Nachwuchsliga NXT für den Aufstieg trainieren muss. Das ist aber gar nicht so leicht und es kommt zum Konflikt mit ihrem Bruder.

Einer der Filme, der mich in letzter Zeit am meisten überrascht hat - aber von vorne: Ich interessiere mich kein bisschen für Wrestling. Ich habe sogar noch nie irgendeine Veranstaltung oder auch nur ein einzelnes Match gesehen. Deswegen wollte ich "Fighting with my Family" eigentlich gar nicht schauen. Aber er hat einen ziemlich guten Leumund und bekam auch in meiner Bubble sehr gute Rezensionen. Auch von Leuten, von denen ich weiß, dass sie ebenfalls keine Fans dieses Show-Sports sind. Meine Meinung änderte sich und so war es soweit und ich habe mich mal herangetraut.
Zunächst aber möchte ich mich mal über freches und in die Irre führendes Marketing unterhalten. Dwayne "The Rock" Johnson spielt hier sich selber. Seine Screentime beläuft sich auf insgesamt vielleicht 5 Minuten. Das hat aber niemanden davon abgehalten, ihn auf allen Postern und sonstigem PR-Material prominent abzudrucken. Ich bin jetzt kein Fan von ihm und mich hat das nicht weiter gestört, aber diejenigen, die das für ein ""The Rock Movie" hielten und das Kinoticket gelöst haben, tun mir echt leid. Da werden die/der ein oder andere ein ziemlich böses und ärgerliches Erwachen gehabt haben.
Es handelt sich hier im Ablauf zunächst um eine stinknormale und schon zigfach dagewesene Underdog-Aufsteiger-Sport-Story: "Rocky", "Mighty Ducks", "Cool Runnings", "Million Dollar Baby" , "Eine Klasse für sich" und so weiter und so fort. Jemand kommt aus einfachen Verhältnissen, ist der Außenseiter und gegen alle Wahrscheinlichkeiten und einem parallel laufenden Selbstfindungstrip schafft man es ganz nach oben bzw. da, wo man schon immer hinwollte - allen Hindernissen wie sportlichen Konkurrenten und sonstigen Antagonisten zum Trotz. Dieses bekannte Muster wird auch hier Step by Step durchgespielt.
Auch wer eine kritische Auseinandersetzung mit Wrestling selbst oder dem Verband erwartet, etwa mit den Themen Kommerz, Verletzungsgefahr, Sexismus, Rassismus oder Doping ist auch an falscher Adresse. Die WWE war Partner und hat ihre Corporate Identity (Namen, Schriftzüge, Logos etc.) zur Verfügung gestellt. Im Gegenzug wird rein gar nichts hinterfragt. Das ist aber auch gar nicht der Ansatz, denn hier soll es rein um den Aufstieg von Paige gehen.
Warum ist das trotz allem so gut? Zunächst einmal wäre da Stephen Merchent, der Regie geführt hat und sich für das Drehbuch verantwortlich zeichnet. Er ist selber Schauspieler und mimt auch in Fighting with my Familiy eine ganz kleine Rolle als Vater der Freundin von Zac. Auch wenn sein Charakter im Streifen ziemlich spröde ist, sollte man sich nicht täuschen lassen, denn Merchent ist einer der lustigsten Menschen, die es auf unserem Planeten so gibt. Und der Mann schaffst es diesen Humor auch in sein Script zu bringen. Es gibt wirklich ein paar brüllend komische Szenen, die mich wirklich laut zum Lachen gebracht haben – was bei mir nicht einfach ist. Das ist zwar manchmal etwas derb, aber nie zu tief unter der Gürtellinie und hat diesen trockenen britischen Duktus. Es ist nie drüber, nie zu albern und es sind keine Gags, die man schon überall mal gehört hat. Vor allen Dingen verzichtet man komplett auf Slapstick, was sich gerade beim Wrestling anbieten würde. Das besondere ist dann aber auch, dass es sehr herzliche Momente gibt und der Bruder-Schwester-Konflikt sehr emotional wird. Wie bereits erwähnt, läuft das zwar in gewohnten Bahnen, ist dabei aber nie kitschig. Selbst die zunächst als dumme Blondchen dargestellten Konkurrentinnen von Paige bleiben nicht so und bekommen etwas mehr Tiefe.
Das funktioniert aber auch nur mit einem brutal sympathischen Cast. Auch hier hat Merchent ein tolles Händchen. Florence Pugh - einer der Gründe, warum ich über meinen Schatten gesprungen bin, um mir das anzugucken - macht sowieso gerade alles richtig und scheint eine der nächsten ganz großen Stars zu werden. Sie führt den Cast mit einer engagierten Performance an und zeigt ihre Bandbreite, indem sie Paige als nach außen hin cool und lässig und nach innen sehr verletzlich und sensibel darstellt. Jack Lowden als Bruder mag vom Namen her der kleinste im Ensemble sein, ist aber das Gegenstück zu Pugh und zwischen ihnen entsteht eine sehr glaubwürdige Dynamik aus Anerkennung, Eifersucht und familiärer Liebe. Nick Frost, den man in der Cornetto-Trilogie von Edgar Wright als Freund von Simon Pegg gesehen hat und Lena Headey, die man natürlich als eiskalte Cersei Lannister aus Game of Thrones kennt, spielen das schräge Elternpaar. Vince Vaughn sorgt als Trainer der NXT-Nachwuchstalente für die wohl besten Lacher. Er spielt den harten Drill Instructor, der aber nie einen Zweifel lässt, dass er das alles gut meint.
In Biopics wird dann auch gerne mal etwas zu viel Laufzeit draufgegeben und auch da verzichtet Merchent und fährt knackige und flott inszenierte 108 Minuten auf, die nie einen Durchhänger haben.
Einen Kritikpunkt habe ich aber: Florence Pugh bzw. Paige mag nicht 1,80m, blond sein und einen Waschbrettbauch haben wie ihre Konkurrentinnen im Film, aber eine Häßliche-Entlein-Story wie es sie hier gibt, habe ich nicht ganz abgekauft. Klar wirkt sie als diese etwas schlabberige Gothbraut neben den Barbypüppchen wie eine Außerirdische, aber das ist immernoch eine wunderschöne Frau. Das wird dann auch etwas platt dargestellt, indem sie sich die Haare färbt und eine Tonne Make-Up auflegt. Es wäre auch subtiler gegangen dem Zuschauer zu zeigen, dass es wichtig ist, sich selber treu zu bleiben.
Das ist aber nur ein ganz minimaler Kritikpunkt. Ansonsten ist das eine riesen Gaudi – auch als Wrestling-Muffel. Anschauen und sich überraschen lassen! Und mal etwas Feel-Good, wo ich doch so oft eher schwerere Werke bevorzuge.

4 von 5 Sternen
https://letterboxd.com/film/fighting-with-my-family/
Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=WqF3VTv0cqU
Zuletzt geändert von Andreas29 am 14. Jun 2021, 16:47, insgesamt 1-mal geändert.
lovecraftFTW
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von lovecraftFTW »

the Happening läuft gerade auf Sat1. hat ja letztens ne Empfehlung von Sebastian Stange bekommen :D
Andreas29
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Andreas29 »

The King of Comedy
1982; Regisseur: Martin Scrorsese; Darsteller_Innen: Robert De Niro, Jerry Lewis, Sandra Bernhard; Genre: Drama

Rupert Pupkin ist ein riesen Fan von Jerry Langford, einem Comedian und Host seiner eigenen Late Night Show. Rupert hat selber den großen Wunsch einmal in diese Branche einzusteigen und versucht einen Fuß in die Türe zu bekommen, indem er Jerry bei einer Begegnung fragt, ob er sich mal sein Material ansehen kann und ob er in seiner Sendung auftreten darf. Dieser wimmelt ihn aber nur mit dem Versprechen ab mal mit ihm Essen zu gehen und er deswegen mal anrufen soll. Das kommt allerdings nicht zustande und der hartnäckige und manische Rupert wird immer aufdringlicher.

Neben "Taxi Driver" war "The King of Comedy" die größte Inspirationsquelle für den 2019er-Hit "Joker". Man muss wirklich sagen, dass insbesondere letzterer wirklich starke Einflüsse hatte und ich bei meiner Sichtung sehr überrascht war. "Joker" ist über weite Strecken eine glatte Kopie des Films, der gerne mal neben den epischen Gangsterfilmen von Martin Scorsese vergessen wird. Todd Phillips hat in seinem Werk zwar damit von vorneherein kokettiert, indem er Robert DeNiro für die Rolle des Talk Show Hosts Murray Franklin besetzte, aber er hat sich wirklich sehr stark bedient.
"The King of Comedy" bietet nicht viel zu lachen. Man sollte sich vom Namen nicht täuschen lassen, denn hier geht es um ein ziemlich traurig machendes Psychogramm. DeNiro spielt - wieder einmal ganz hervorragend ausdrucksstark - Rupert Pupkin, der vollkommen verblendet von der Versuchung des Ruhms die Realität nach und nach aus den Augen verliert. Der besonders aus den 50er und 60er Jahren für Slapstick und Grimassen bekannte Komiker Jerry Lewis verkörpert mit Jerry Langford äußerst ungewohnt eine ziemlich ernste, desillusionierte Rolle. Das macht er so hervorragend, dass man ihn sich öfter mal als Mime solcher Charaktere gewünscht hätte. Natürlich ist das alles ziemlich meta und auch kein Zufall, dass er seinen realen Vornamen im Film behalten durfte.
Auf zwei Ebenen wird hier gezeigt, was die große Verheißung der Bekanntheit und des Erfolgs im Showbusiness aus Menschen machen kann. Auf der einen Seite jemand, der es schaffen möchte und alles versucht um es zu erreichen; auf der anderen Seite der, der es geschafft hat und am eigenen Leib erfährt, dass das nicht nur Vorteile hat. Pupkin übermalt seine Unsicherheit und Obsession dabei mit überbordender Selbstsicherheit, Tagträumen und der vollkommenen Ausblendung der Tatsache, dass er vielleicht einfach nicht gut genug ist. Das mag manchmal etwas unbeholfen und absurd rüber kommen, aber gerade wenn man lachen möchte, bleibt einem eben dieses im Hals stecken. Zu traurig, zu erbärmlich und zu mitleiderregend ist sein Dasein. Das ist auch der Tatsache geschuldet, dass Langford verdeutlicht, welche Probleme ein Leben als Star mit sich bringt und das vielleicht doch gar nicht so erstrebenswert ist. Er ist der Gejagte. Er wird rund um die Uhr belagert und hat nur noch wenig Privatsphäre hat. Und er ist jemand, der eben mit solchen Menschen wie Pupkin zurecht kommen muss. Bei einem Streitgespräch sagt Langford zu ihm, dass wenn er eines Tages wirklich berühmt wird, er mit Typen wie sich selbst klar kommen muss. Ein Wink mit dem Zaunpfahl, dass diese Obsession eine Büchse der Pandora ist und sich die Jagd danach vielleicht gar nicht so sehr lohnt. Aber der Möchtegern-Comedian ist bereits zu tief in den Kaninchenbau hinabgestiegen. Bis zum Schluss wird man nie sein "Programm" sehen oder hören, aber wenn man es tut, ist das eine sehr berührende Szene.
Handwerklich ist das natürlich alles auf der Höhe der Zeit und wirkt auf den ersten Blick mit für Scorsese fast mickrigen 104 Minuten Laufzeit wie eine Fingerübung. Manchmal liegt aber auch in der Kürze und Kompaktheit die Würze und so ist das auch hier der Fall. Ganz im Gegenteil hätte ich mir im Mittelteil sogar etwas mehr gewünscht, weil mir hier eine Entwicklung etwas zu schnell geht. Man leistet sich aber keine unnötigen ausschweifenden Passagen, die nichts zur Story hinzufügen und hält immer das Pacing oben. Das ist natürlich, wenn man es mit seinen anderen Werken - besonders natürlich den Mafia- und Gangster-Epen – vergleicht, ein ziemlich ruhiger und unaufgeregter Film. Hier wird im Gegensatz zu "Good Fellas", "Casino", "The Irishmen" oder "Wolf of Wall Street" eine ziemlich kleine Geschichte erzählt. Es gibt auch kein Blut und keine Gewalt. Das hat aber dennoch alles eine ziemliche Wucht und ist nach fast 40 Jahren immer noch top aktuell. Vielleicht aktueller denn je, denn heute denkt dank des Internets jeder daran ein Star und berühmt werden zu können und der Personenkult wird immer extremer.
Also anschauen. Allein schon um "Joker" besser einordnen zu können.

4 von 5 Sternen
https://letterboxd.com/film/the-king-of-comedy/
Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=0wVhCCo02P4
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Heretic
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Heretic »

Paranormal Activity - Tokyo Night

Nach einem Autounfall in den USA kehrt Haruka mit zwei gebrochenen Beinen und im Rollstuhl sitzend zurück nach Japan, wo sie zusammen mir ihrem Vater und ihrem Bruder Koichi lebt. Doch als wäre diese Situation nicht schon unerfreulich genug, lassen zusätzlich diverse unerklärliche Vorkommnisse den Verdacht aufkommen, dass in ihrer Wohnung ein böser Geist sein Unwesen treibt...

Während die ersten beiden Filme der Paranormal Activity-Reihe durchaus ihre schaurigen Momente hatten, wenn man sich in die Situation der Protagonisten hineinversetzen kann, so bietet der japanische Ableger hauptsächlich eine unspektakuläre Wiederholung des ersten Teil. Des Nachts ein paar hallende Schritte hier, eine sich unvermittelt öffnende Tür da, ein paar berstende Scheiben - das war's im Großen und Ganzen. Das würde jeden im echten Leben in den Wahnsinn treiben, in Form eines Found Footage-Horrorfilms ist die Nummer aber inzwischen dermaßen durch, da kommt maximal das große Gähnen auf. Da hilft auch das abgewandelte, an klassischen Asia-Horror erinnernde Finale nichts mehr. Klar, der Film stammt aus dem Jahr 2010, aber selbst "Paranormal Activity 2" aus demselben Jahr hat eine dichtere Atmosphäre und originellere Ideen im Gepäck.

Den Todesstoß versetzen dem Film die zahlreichen Ungereimtheiten. Denn obwohl geisterhafte Heimsuchungen besser zu Japan als zu den USA passen mögen, die Verhaltensweisen der geplagten Bewohner sind schlicht unglaubwürdig. Wenn ich dank Videobeweis die Gewissheit hätte, dass nachts mein Rollstuhl ohne fremde Einwirkung in meinem Zimmer herumkurvt, mir die Decke weggezogen wird und Türen sich öffnen schließen, würde ich verdammt nochmal keine weitere Nacht in diesem Zimmer zubringen, sondern mich zumindest bei meinem Bruder einquartieren. Obwohl der Kerl auch irgendwie gruselig ist, weil er immer und überall filmt. Auch in Alltagssituationen. Vati scheint die ganze Sache kaum zu interessieren, der muss arbeiten und schaut nur alle paar Tage mal zu Hause vorbei. Und warum Koichi trotz ausgesprochen heftiger paranormaler Aktivitäten nur mit der Kamerafunzel bewaffnet durchs dunkle Haus schleicht, anstatt einfach das Licht einzuschalten, weiß wohl nur der um Suspense bemühte Regisseur... :D
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Heretic hat geschrieben: 14. Jun 2021, 12:04 anstatt einfach das Licht einzuschalten
Kennst Du den Horrorfilm "Lights Out"? Vor ein paar Jahren ging mal ein Kurzfilm mit diesem Namen auf Youtube viral. Das Konzept: Geht das Licht aus, kommt irgendeine Gestalt. Der Regisseur durfte einen Langfilm machen. Und da kam dann auch immer wieder die Frage, warum die Charaktere im Film nicht einfach das verdammte Licht anlassen :mrgreen:

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Beitrag von Andreas29 »

Beasts of the Southern Wild
2012; Regisseur: Benh Zeitlin; Darsteller_Innen: Quvenzhané Wallis, Dwight Henry, Levy Easterly; Genre: Drama

Das kleine Mädchen Hushpuppy lebt mit ihrem trinkenden und aufbrausenden Vater in "Bathtub". Das ist eine Art Insel im Sumpfland von Louisiana, die vor einem großen Damm liegt, der das Festland vor steigendem Wasser schützt. Das Leben ist bestimmt von Armut und dem großen Zusammenhalt der Bewohner. Hushpuppy hat die Welt hinter dem Schutzwall nie gesehen und fragt sich, wie es dort wohl sein mag. Sie wünscht sich ihre Mutter zu sehen, deren Schicksal sie nicht kennt. Eines Tages zieht ein Sturm auf und das Dorf aus notdürftig zusammengeschusterten Hütten auf Stelzen wird überschmemmt und teilweise zerstört.

Mit nur 1,8 Millionen Dollar Budget und Laiendarstellern ist hier ein beeindruckendes Drama verfilmt worden. Im Jahr seines Erscheinens 2012 wurde es von Kritikern hoch gelobt, gewann unzählige Preise und wurde für vier Oscars nominiert. Die Academy schlug den Film für "Best Picture", "Best Director", "Best Adapted Screenplay" und "Best Actress in a Leading Role" vor. Letzteres war eine Sensation, denn Quvenzhané Wallis  war lediglich neun Jahre alt und damit die jüngste Nominierte aller Zeiten in dieser Kategorie und die drittjüngste Nominierte überhaupt. Gewinnen konnte "Beasts of the Southern Wild" jedoch keinen der Goldjungen.
Im Fall der kleinen Hauptdarstellerin ist das zu bedauern, denn die macht ihre Sache wirklich hervorragend. Sie spricht die Off-Stimme, die die gesamte Laufzeit narrativ begleitet. Ansonsten muss sie meistens nur mit ihrem Gesichtsausdruck, der Körperhaltung und Gesten spielen. Das ist unscheinbar und es gibt kaum emotionale Ausbrüche, aber trotzdem schafft sie es den Streifen komplett zu tragen. Dass in dem Alter zu schaffen, wäre die Auszeichnung schon alleine wert gewesen, auch wenn Jennifer Lawrence (Gewinner in diesem Jahr) und die anderen Nominierten vielleicht ein breiteres Spektrum an Emotionen abdecken und ausdrucksstärker spielen durften. Hushpuppy ist die meiste Zeit über unglücklich und traurig. Das ist schwer anzusehen und insgesamt kann man sagen, dass man sich das nicht anschauen sollte, wenn man gute Laune erwartet. Auch der Vater Wink, der von Dwight Henry verkörpert wird, ist eine schwere Figur. Er ist Alkoholiker, aufbrausend, hart und sogar an einer Stelle gewalttätig gegenüber seiner Tochter, obwohl die Liebe zu ihr nie außer Frage steht.
Die Geschichte von "Hushpuppy" ist der zentrale Dreh- und Angelpunkt des Films und handelt vom erzwungenen Erwachsenwerden im Kindesalter. Hier erlaubt man sich einen Kniff, den ich nicht erwartet habe: Es gibt eine übernatürliche Komponente. Auerochsen sind ausgestorbene Säugetiere, die hier aber aus dem Eis erwachen und immer wieder auf der Reise nach "Bathtub" und somit zu unserer Heldin gezeigt werden. Was es damit auf sich hat und für was das steht, will ich nicht verraten. Leider wurde "Beasts of the Southern Wild" auch teilweise als "Fantasydrama" vermarktet, was ihm nicht gut getan hat. Denn der Anteil dieser Elemente ist zwar ziemlich wichtig für unsere Hauptfigur, macht aber zeitlich gesehen einen sehr geringen Teil aus. Sie sind auch ziemlich bodenständig, denn hier geht es ja nicht um Elfen und Kobolde, sondern um eine real existierende ausgestorbene Tierart.
Sowieso spielt die Natur eine sehr große Rolle, denn die Schönheit dieser Sumpflandschaft und deren Flora und Fauna wird in elegischen Bildern und eigenartig fröhlicher Musik gefeiert. Allerdings werden auch die Gefahren dieser Wildnis gezeigt und dass der Mensch dort wie jedes andere Tier den Launen der Natur ausgesetzt ist und ebenso der Willkür von Leben und Tod.
Ein weiteres großes Thema, das hier verarbeitet werden soll ist Stolz. Während der Sichtung habe ich lange das Attribut "falsch" davor gesetzt, bin aber irgendwann zu einem anderen Ergebnis gekommen. Die Menschen in "Bathtub" verweigern sich in mehreren Sequenzen der Hilfe von außen. Besonders Wink frustriert in dieser Hinsicht immer und immer wieder, weil er besonders aggressiv auf ausgestreckte Hände reagiert. Auch die anderen Bewohner verachten die Welt hinter dem Damm und wollen sich nicht helfen lassen. Erst nach der Sichtung bin ich nach einiger Reflexion zu der Ansicht gekommen, dass dieser Stolz nicht "falsch" ist. Diese Menschen fühlen sich von der Gesellschaft verachtet und sind dieser auch vollkommen egal. Jetzt, da etwas passiert ist, muss sich diese plötzliche Hilfsbereitschaft der Außenwelt wie Spott anfühlen. Menschen die so sehr kämpfen müssen um zu überleben, die auf sich gestellt sind und eine verschworene Gemeinschaft bilden, wollen dann natürlich auch bis zum Schluss selbst für sich kämpfen. Das Selbstverständnis dieser Menschen und deren Würde bezieht sich zu einem großen Teil daraus, es trotz allem irgendwie immer geschafft zu haben. Denen das zu nehmen käme einer Entmündigung gleich. Dennoch...ja, dennoch fragt man sich wegen der Kinder, ob man das nicht trotzdem irgendwie runterschlucken könnte. Aber da spreche ich wahrscheinlich aus der bequemen Sicht eines Mitteleuropäers, der in einer Stadt wohnt und nie so eine krasse Form der Armut kannte.
Die Menschen dort sind allerdings nicht 24/7 verbittert und depressiv; in einer Sequenz sehen wird sie am Independence Day ausgelassen feiern. Sie ergehen sich nicht in Selbstmitleid und sind zufrieden mit dem, was sie haben. Somit umgeht man es zu platt zu wirken und zeigt, dass es sich hier nicht um reine Opfer handelt, sondern um Menschen, die sich ihre Selbstachtung bewahrt haben.
Bei den sonstigen Bewohnern von "Bathtub" wären wir auch beim nächsten Punkt, der mir besonders gefallen hat: Es ist kein rein schwarzes Armutsdrama, in dem wieder einmal BIPoC viktimisiert werden. Die Community auf dieser Sumpfinsel ist ethnisch gemischt. Schwarze und Weiße sind dort vertreten. Das negiert nicht den strukturellen Rassismus, den PoCs bis heute in den USA und auch sonstwo ausgesetzt sind. Es macht aber klar, dass Rassismus auch ein sozio-ökonomisches Problem ist. Hier schwarze und weiße Menschen tief in Freund- und Gemeinschaft in Armut zusammenleben zu sehen ist nur auf der Oberfläche negativ zu bewerten. Impliziert es doch, dass das auch in die andere Richtung funktioniert, wenn keiner arm ist. Ohne diesen kleinen Rassismus-Exkurs zu lang zu ziehen, möchte ich natürlich berücksichtigen, dass man das anders sehen kann. Die Frage nach der Henne und dem Ei und ein Teufelskreis stehen im Raum: Entsteht der Rassismus, weil man wegen der vorwiegend ärmeren schwarzen Bevölkerung Vorurteile entwickelt oder ist diese Situation erst durch den Rassismus und die Vorurteile entstanden? Und wie will man das lösen, wenn der (strukturelle) Rassismus verhindert, dass sich die sozio-ökonomischen Verhältnisse der schwarzen Bevölkerung verbessern und somit weiter die Vorurteile perpetuiert werden? Eine Antwort werde ich nicht geben können... schon gar nicht in einer Filmkritik.
Es ist bezeichnend für die Qualität des Films, dass er so viele Gedanken in mir evoziert hat. Im Endeffekt geht es in "Beasts of the Southern Wild" aber gar nicht so sehr darum, sondern allgemein um Menschen, die außerhalb der Gesellschaft leben und wie deren Haltung zu dieser und zu sich sich selbst ist.
Ein Werk das also bedrückt, frustriert, zum Nachdenken anregt und sehr schön audiovisuell inszeniert ist. Letztlich wird man auf einer sehr bittersüßen Note entlassen. Zu den Charakteren kann man nur schwer Verbindung aufbauen, was aber wahrscheinlich daran liegt, dass wir ein vollkommen anderes Leben als diese führen.
Ein pointiertes 90-Minütiges Powerhouse mit keinem Gramm Fett zuviel, das man schauen sollte.

4,5 von 5 Sternen
https://letterboxd.com/film/beasts-of-t ... hern-wild/
Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=vRQWkVmkUKc


Ich habe zwar meine Rangliste der Ghibli-Filme schon veröffentlicht, aber dennoch möchte ich den Rest auch noch detaillierter kritisieren:

Die Chroniken vom Erdsee
2006; Regisseur: Gorō Miyazaki; Sprecher_Innen: Junichi Okada, Aoi Teshima, Bunta Sugawara; Genre: Fantasy

Die Welt ist nicht mehr mit sich im Reinen und Drachen bekämpfen sich, was eigentlich nicht sein darf. Im Königreich Enlad ersticht der Prinz Arren seinen Vater den König und flieht. Arren ist jedoch kein kaltblütiger Mörder, sondern scheint immer wieder unfreiwillig aggressive Anfälle zu bekommen. Er trifft auf den Zauberer Sperber, der ihn unter seine Fittiche nimmt. Zusammen finden sie auf einem Bauernhof eine Unterkunft, wo sie die distanzierte und geheimnisvolle Therru kennenlernen. Während Arren versucht sich mit ihr anzufreunden erfährt Sperber, dass der Magier Cob hinter dem Ungleichgewicht in der Welt steckt und auch hinter dem jungen Königsmörder hinterher ist.

Das ist er also, der nach allgemeiner Auffassung mit Abstand schlechteste Vertreter von Studio Ghibli. Bei "Die Chroniken vom Erdsee" führte erstmals  Gorō Miyazaki - Sohn von Mitgründer Hayao - Regie. Übrigens gegen den ausdrücklichen Wunsch der Autorin der Vorlage Ursula K. Le Guin, die darauf bestand dass der Vater das Projekt verwirklicht. Als es klar wurde, dass der aber – zu diesem Zeitpunkt – keine Filme mehr machen wollte, wurde vereinbart, er solle wenigstens bei künstlerischen Entscheidungen das letzte Wort haben, was aber auch nicht der Fall war.
Der Streifen wurde von Kritikern und Fans zu großen Teilen verrissen und "gewann" die "Goldene Himbeere" als schlechtester Film des Jahres und Gorō Miyazaki wurde bei derselben Verleihung schlechtester Regisseur.
Wie bereits geschrieben hatte ich ein bisschen Angst mir das anzuschauen, aber wie so häufig, wenn man überhaupt gar nichts erwartet, wird es dann am Ende doch gar nicht so schlimm.
Zunächst einmal mochte ich die Zeichnungen. Natürlich sind die stilistisch dieses Mal etwas entsättigter und geerdeter, aber das passt für meine Begriffe mehr zu der Welt und dem ziemlich ernsten Thema. Es geht nämlich hauptsächlich um den Tod. Vor allen Dingen darum, wie dieser im Bezug zum Leben einzuordnen ist. Das hat mich zunächst ziemlich überrascht ist das doch eine sehr ernste Angelegenheit. In der Hinsicht bietet man philosophisch jetzt nicht wirklich viel Neues, aber das mit dem Bezug auf eine Fantasywelt zu sehen, fand ich recht erfrischend.
Ich bin der festen Überzeugung, dass bei der allgemeinen negativen Rezeption auch die Erwartungshaltung ein Problem war und man bei den Drachen auf jedem Poster und Vorschaubild epische Fantasy erwartet hatte. Aber "Die Chroniken vom Erdsee" sind in der Hinsicht eher zurückhaltend und genauso geerdet, wie der Zeichenstil. Drachen und Magie spielen zwar eine Rolle, aber erst im letzten Viertel so richtig. Auch das mag ich, weil es dem mehr Gewicht verleiht, als wenn man damit total inflationär umgeht.
Die Probleme lassen sich aber natürlich auch nicht wegdiskutieren: Das World Building wirkt generisch und undurchsichtig. Da das eine Romanverfilmung ist und man sich hier den 3. Band als Vorlage genommen hat, hatte ich ständig das Gefühl, dass man hier vielleicht Menschen adressiert, die die Bücher gelesen haben. Ich habe weder ein geografisches Gefühl für die Welt bekommen noch irgendeine stichhaltige Vorstellung von deren Gesetzmäßigkeiten, was z.B. Magie oder andere Konzepte angeht, die sich von unserer Welt unterscheiden. Also entweder man hat hier vorausgesetzt, dass man die Vorlage gelesen hat – zumindest die ersten beiden Bände – und muss das besser kommunizieren oder die Macher sind nicht wirklich gut beim World Building. Exposition ist sowieso ein großes Problem, werden mir doch viele Konstellationen und Beziehungen, was Fraktionen und Charaktere angeht, in Dialogen erzählt. "Show don't tell" ist aber eigentlich die goldene Regel. Lass deine Figuren mir nicht alles in wenig authentischen, weil aufgesetzten Dialogen erklären, weil ich merke, dass die nur für mich sind und sich nicht natürlich ergeben.
Außerdem ist der Film mit 115 Minuten wesentlich zu lang und er vermag es nicht diese Laufzeit auch nur im im Ansatz durchgehend spannend und zwingend zu füllen. Es gibt einige Stellen, an denen man tief durchatmet, weil es sich gerade so langsam erzählt und nichts wirklich relevantes passiert. Generell ist der gesamte Plot recht statisch; ein Abenteuer mit einer Reise wird hier nicht erzählt.
Auch bei den Charakteren, die ich im Großen und Ganzen nicht unsympathisch fand, bleiben ein paar essentielle Fragen offen und ihre Motivation bleibt an einigen Stellen unklar.
Ich weigere mich das aber doch irgendwie wirklich "katastrophal" oder auch nur "schlecht" zu nennen. Natürlich ist "Die Chroniken vom Erdsee" gerade in der glorreichen Vita von Studio Ghibli und besonders im Vergleich zu dessen besten Werken nicht die Rede wert, aber auch keine vollkommene Katastrophe, wie manche behaupten.
Mit ziemlicher Sicherheit aber ist das kein Werk, das Schmähpreise wie die "Goldene Himbeere" verdient hat. Was die Juroren da geritten hat, weiß der Geier.
Also das Fazit lautet, dass man zwar interessante Ansätze und ernste Themen verhandelt, ein passendes Artdesign bietet und überraschend erwachsen ist, aber Welt und Charaktere untererklärt wirken und auch sonst an allen Ecken und Enden etwas Politur fehlt.


3 von 5 Sternen
https://letterboxd.com/film/tales-from-earthsea/
Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=8hxYx3Jq3kI&t=4s

An die Eltern: Die FSK6 finde ich recht sportlich, wird doch das Thema "Tod" behandelt und werden doch durchaus existentialistische Fragen gestellt. Außerdem gibt es einige ziemlich abgefahrene und gruselige Designs und auch ein paar blutige Szenen. In einer wird sogar sichtbar eine Hand abgeschlagen. Und ganz allgemein, wie es in der Kritik schon anklingt: Ich glaube nicht, dass Kinder da wirklich durchblicken.
Dass der Film so erwachsen ist, zähle ich persönlich allerdings zu den Pluspunkten.
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Heretic
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Beitrag von Heretic »

Peninsula

"Train To Busan" war ein ordentlicher Zombiestreifen, der hauptsächlich durch sein originelles Setting punkten konnte. Originell ist an "Peninsula" leider überhaupt nichts. Der Film wirkt wie eine halbgare Mischung aus "World War Z" und "Mad Max" mit wenig erinnerungswürdigen Charakteren und ausufernden, oft arg künstlich wirkenden Actionszenen. Obendrauf gibt's noch nicht zündenden Humor und eine geballte Ladung Kitsch im Finale.
Andreas29 hat geschrieben: 14. Jun 2021, 16:29 Kennst Du den Horrorfilm "Lights Out"? Vor ein paar Jahren ging mal ein Kurzfilm mit diesem Namen auf Youtube viral. Das Konzept: Geht das Licht aus, kommt irgendeine Gestalt. Der Regisseur durfte einen Langfilm machen. Und da kam dann auch immer wieder die Frage, warum die Charaktere im Film nicht einfach das verdammte Licht anlassen :mrgreen:

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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Andreas29 »

Caché
2005; Regisseur: Michael Haneke; Darsteller_Innen: Daniel Auteuil, Juliette Binoche, Annie Girardot; Genre: Drama

Georges und Anne Laurent sind ein intellektuelles Paar. Er ist der Moderator einer Literaturkritik-Sendung, sie ist in einem Verlag angestellt. Sie leben zusammen mit ihrem Sohn Pierrot in Paris. Was ein eigentlich ziemlich beschauliches und sorgenfreies Leben sein könnte, wird jäh unterbrochen, als sie Videokassetten zugesendet bekommen. In denen ist ihr Haus zu sehen. Beigelegt sind auch immer wieder mysteriöse und gewalthaltige Zeichnungen. Zunächst denken sie, dass es sich um einen verwirrten Fan von Georges handelt. Nach und nach bekommen sie es aber mit der Angst zu tun. Nachdem in einem Video der Hof zu sehen ist, auf dem Georges aufgewachsen ist, hegt dieser den Verdacht, dass es etwas mit seiner Vergangenheit zu tun haben könnte.

Der österreichische Regisseur und Drehbuchautor Michael Haneke ist einer der kontroversesten und gefeiertesten Filmemacher der Welt. Er schaut nicht nur gerne in die Abgründe menschlichen Daseins, er kommentiert auch immer wieder das Medium und seine Konsumenten selbst. Sein Meisterwerk und Magnum Opus "Funny Games" hat das in einer Art und Weise perfektioniert, wie es kaum zuvor und auch danach je gelungen ist. In ihm hält er uns als Zuschauer den Spiegel vor, in dem wir unsere eigene Sensationslust und Gewaltgeilheit erkennen sollen. Er lässt die Figuren unterträglich und realistisch leiden und wenn wir glauben, es könnte gut ausgehen, drückt er auf den Rückspulknopf. Gewalt ist unkonsumierbar - vielleicht das zentrale Thema seines Schaffens. Meinungsstark und unnachgiebig verteidigt er eine radikale Haltung gegenüber dem Film an sich und wie er seiner Meinung nach zu gestalten ist. Musik ist für ihn eine perverse und billige Art Emotionen zu erzeugen, wer Gewalt ästhetisiert verharmlost und toleriert sie. Steven Spielberg kritisierte er auf das Schärfste, weil er Spannungsmomente in "Schindlers Liste" einbaute.
So ist auch Caché auf den ersten Blick – und man möge mir die Flapsigkeit verzeihen - furztrocken inszeniert. Dennoch wird mit dem Medium wieder einmal sehr faszinierend gespielt. Die Aufnahmen der Videokasseten werden nämlich im Vollbild gezeigt und man erkennt erst, dass es sich um eben jene handelt, wenn sie vor- oder zurückgespult werden bzw. Georges und Anne über sie aus dem Off reden. So kann man sich oft gar nicht sicher sein, was man denn da jetzt eigentlich gerade sieht. Nicht immer wird das aufgelöst. Man wird fast genauso paranoid, wie es die Hauptcharaktere sind.
Trotz der kühlen und ruhigen Inszenierung erfährt man ein ständiges Unbehagen. Natürlich auch neben der immer schwelenden Frage, was denn nun hinter diesen Kassetten steckt. Es ist schwer nicht zu viel zu verraten, aber auch hier spielt Haneke wieder mit den Erwartungshaltungen. Generell sind die Bilder auch so beleuchtet und kristallkar, dass man sich fast in einer Soap verortet fühlt. Das sorgt ebenfalls für eine Dissonanz, denn qualitativ ist das natürlich ungleich höher einzuordnen.
Nach und nach entblättert sich eine Geschichte, in der es gar nicht so sehr um das Offensichtliche geht, sondern um sehr viel mehr. Zuschauer, die hier einen befriedigend abschließenden Thriller oder Krimi erwarten, werden bewusst vor den Kopf gestoßen. Genau wie bei "Funny Games" viele unbedarfte Zuseher dachten, dass es sich um einen Horrorfilm handelt, werden hier einige sicher denken, dass es sich bei Caché um einen Psychothriller handelt. Davon sollte man schnell Abstand nehmen um keine falschen Erwartungen zu schüren.
Daniel Auteuil und Juliette Binoche spielen ganz herausragend realistisch und naturalistisch. Ohne jedoch die Angst, Unsicherheit und Erschütterung dadurch zu sehr zu verdecken. Die Emotionalität wird hier gerade damit erreicht, dass man sich eher ruhig verhält, wo in anderen Filmen geschrien und um sich geschlagen wird. Generell findet das alles in einem langsamen Erzähltempo statt, bei dem es aber trotzdem nie langweilig wird, weil man immer genug zum Nachdenken hat.
Und gerade wenn man meint, dass es auch gut ausgehen könnte, wird das letzte Viertel mit einem unvermittelten Paukenschlag eingeführt. Ich habe wie meistens alleine geschaut und dennoch entfuhr mir ein hörbares Stöhnen. Auch hier will ich wieder nicht zu viel verraten, es sei nur wieder darauf verwiesen, was Hanekes Thesen zur Gewalt sind.
Was nämlich als Puzzle beginnt, wird ganz schnell zu einer Studie über Schuld und Selbstvorwürfe und was passiert, wenn alte Wunden aufreißen, die man für verheilt gehalten hat. Genial wird diese sehr persönliche Ebene dann auch auf eine politische gehoben, in der sich die Kolonial- und Migrationsgeschichte Frankreichs und ganz Europas erkennen lässt.
Bestimmt nicht Hanekes Bester, aber bei so einem Portfolio bedeutet das immer noch einen überdurchschnittlich guten Film vor sich zu haben.

4 von 5 Sternen
https://letterboxd.com/film/cache/
Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=pvT_9TqIEtM
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Ironic Maiden
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Ironic Maiden »

Heretic hat geschrieben: 15. Jun 2021, 14:18
Andreas29 hat geschrieben: 14. Jun 2021, 16:29 Kennst Du den Horrorfilm "Lights Out"? Vor ein paar Jahren ging mal ein Kurzfilm mit diesem Namen auf Youtube viral. Das Konzept: Geht das Licht aus, kommt irgendeine Gestalt. Der Regisseur durfte einen Langfilm machen. Und da kam dann auch immer wieder die Frage, warum die Charaktere im Film nicht einfach das verdammte Licht anlassen :mrgreen:

Logik und Horrorfilme... für immer auf Kriegsfuß.
In etwas durchdachteren Horrorfilmen dürfen Poltergeister und Co. wenigstens zuerst mal den Sicherungskasten in die Luft jagen. :D
Also ich fand "Lights Out" sogar ziemlich gut. Der Kurzfilm ist schon besser, und mMn auch wirklich unheimlich, aber der Spielfilm holt aus dem etwas albernen Konzept noch das meiste raus und hat auch noch Spaß dabei, alle möglichen Lichtquellen auszuprobieren. Es ist schon länger her, dass ich ihn gesehen habe, aber ich habe auch wesentlich Schlechteres gesehen. Zudem war es der Debutfilm des Regisseurs, der vorher nur Kurzfilme gemacht hatte, und angeblich war bei Drehbeginn nichtmal das Drehbuch fertig. Also ich mag ihn, ist nette Popcorn-Unterhaltung.
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Andreas29 »

Ironic Maiden hat geschrieben: 16. Jun 2021, 19:28 Also ich fand "Lights Out" sogar ziemlich gut.
Dass es schlecht ist hat ja auch keiner behauptet. Horrorfilme ist das Genre, wo man fehlende Logik einkalkuliert. Deswegen ist das auch kein so großes Kriterium, wenn es um die Wertung geht. Also wenn man einem Horrorfilm fehlende Logik vorwirft, muss der nicht unbedingt dann automatisch schlecht sein.
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Re: Welche Filme habt ihr zuletzt geschaut?

Beitrag von Andreas29 »

Das deutsche Kettensägenmassaker
1990; Regisseur: Christoph Schlingensief; Darsteller_Innen: Karina Fallenstein, Susanne Bredehöft, Artur Albrecht; Genre: Horrorgroteske

Deutschland, 1990: Die Einheit ist vollzogen. Clara ersticht in Leipzig ihren Mann und macht sich auf den Weg in den Westen, um sich dort mit ihrer Liebe Artur zu treffen. Der ist ihr dann aber bei dem Treffen doch etwas zu aufdringlich und wirft sie gleich auf einem verlassenen Industriegelände auf die vorbereiteten Matratzen. Das Treiben wird aber jäh durch einen Irren unterbunden, der Artur massakriert. Clara ergreift die Flucht und gerät in die Fänge einer kannibalistischen Familie, die Ostdeutsche zu Würstchen verarbeitet.

Und das ist alles genauso bekloppt, wie es sich in der Zusammenfassung liest. Verantwortlich dafür zeichnet sich der Theaterregisseur und Aktionskünstler Christoph Schlingensief, der 2010 in Berlin an Krebs gestorben ist. Er galt als Enfant terrible und Provokateur, war ebenso geliebt wie gehasst. 1998 lud er alle deutschen Arbeitslosen ein in den Wolfgangsee zu springen und so das Ferienhaus von Helmut Kohl zu fluten. Seine bekannteste Aktion dürfte die bei den Wiener Festwochen im Jahr 2000 sein, als er einen Container mit Asylbewerbern á la "Big Brother" aufstellte und Zuschauer voten konnten, wer diesen und das Land verlassen muss. Gleichzeitig wollte er so Medienkritik üben und die Migrationspolitik hinterfragen. Er konnte mit seinen stets politischen und provokativen Theaterinszenierungen auch immer wieder Kritiker überzeugen und durchaus ein gewisses Ansehen erreichen.
Filme hat er auch gemacht und "Das deutsche Kettensegenmassaker" ist einer davon. Wie der Name bereits ganz unmissverständlich klar macht, gab es hier mit dem "Texas Chainsaw Massacre" ("Blutgericht in Texas") eine deutliche Inspirationsquelle. Wie man oben lesen kann, gibt es mit der wahnsinnigen und hier ebenfalls hinterwäldlerischen Familie und den Menschen, die ihnen unvermittelt in die Fänge geraten, deutliche Parallelen.
Wie auch in seinem Vorbild overacten in der Version von Schlingensief alle Schauspieler maßlos. Das ist anstrengend, weil es zu einem großen Teil aus Schreierei besteht. Es gibt nur ganz wenig Sätze, die in einem vernünftigen und zivilen Ton gesprochen werden. Das wichtigste ist, dass man hier den Schauspielern anmerkt das absichtlich nach Regieanweisung zu machen und nicht, weil sie schlecht sind. Und daran kann man sehen, dass die Vorlage verstanden wurde, denn das gehört zum Genre des Terrors. Der Terror ist ein Subgenre des Horrors, in dem anstatt mit Spannung, Suspense und Atmosphäre versucht wird mit einer möglichst hektischen, schockierenden und verstörenden audiovisuellen Bombardierung Unbehagen zu erzeugen. Dass die Mimen wirklich gut sind, blitzt immer mal wieder in den zwar seltenen, aber doch vorkommenden, ruhigen Momenten durch. In denen können sie stets überzeugend Sätze sagen, die wichtig für die Aussage des Films sind. Das wirkt immer noch theateresk, aber das funktioniert in diesem entrückten und fast surrealen Setting.
Und das passt auch visuell ganz gut. Der Streifen wirkt zwar nicht sonderlich hochwertig, aber es wird ordentlich gesplattert. Die Effekte sind ziemlich billig und einfach Trash – da kann man nicht drumherum reden. Aber gerade deswegen wirkt das alles ziemlich dreckig und ekelhaft. Und – da ist es wieder – "für einen deutschen Film" geht man hier wirklich ziemlich krass ans Eingemachte. Eigentlich kaum zu glauben, dass man im Abspann ein Siegel der Filmförderung sieht. Warum es Genrefilme hier bis heute schwer haben wird damit umso unverständlicher, wenn man das 1990 durchgewunken hat.
Warum ist das Kunst? Es gibt einen sehr satirischen politischen Subtext, den man im zeitlichen Kontext sehen muss. Die Einheit war vollzogen und viele ehemalige DDR-Bürger wanderten in den Westen ab. Das wurde nach dem großen Fest des Mauerfalls nicht von allen Bundesbürgern positiv aufgenommen. Es galten die gleichen Bedenken, die heute auf andere Migranten und Asylbewerber übertragen wurden, wie etwa das Wegnehmen der Arbeitsplätze. Außerdem gab es die Arroganz dem "Ossi" so ein bisschen geistig überlegen zu sein, weil der ja immer nur hinter der Mauer war. Schlingensief zeigt: Die Westler sind die eigentlichen Irren und das Irrenhaus sind die alten Bundesländer. Das kann oberflächlich ziemlich komisch sein, wenn z.B. jemand neben einer vor schmerzen schreienden zweigeteilten Person steht und apathisch sagt "Ich glaube hier stimmt was nicht". Aber wenn man etwas länger darüber nachdenkt ist das alles doch eine sehr clevere Botschaft, die dazu anregt mal über die eigene Hybris und das Selbstverständnis zu reflektieren. Es fällt der Satz: "Wenn alles egal ist, ist es auch egal, ob es gut oder schlecht ist". Mit anderen Worten: Ja die Wende bringt Demokratie und Freiheit, aber ist nicht aus sich heraus gut, wenn die Menschen nicht etwas dafür tun. Das politische System bildet nur einen Rahmen, die humanistischen Werte müssen von den Menschen kommen. Das fand ich neben Köpfen, die mit Motorsägen zerfleischt werden, erstaunlich philosophisch.
Wer eine Toleranzgrenze für wirklich anstrengendes Schauspiel hat, Splatter mag, einen festen Magen hat und offen dafür ist hinter alledem einen Sinn erkennen zu wollen, sollte die 60 Minuten investieren. Darüber, ob die politische Botschaft über 30 Jahre nach der Wende noch irgendein Gewicht hat, lässt sich natürlich streiten.
Ich bewerte "Das deutsche Kettensägenmassaker" übrigens höher als das Original, das mir überhaupt nicht gefällt, da es ziemlich nihilistisch auf reinen Schock setzt und überhaupt keine zweite Ebene hat... und darüber hinaus bei weitem nicht so brutal ist, wie die Legende es besagt.

3,5 von 5 Sternen
https://letterboxd.com/film/the-german- ... -massacre/
Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=TYpV8z-P5NM (und ja, der mit den brennenden Haaren ist tatsächlich Udo Kier)
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