Gendern in der deutschen Sprache

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HerrReineke
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Re: Gendern in der deutschen Sprache

Beitrag von HerrReineke »

Sebastian Solidwork hat geschrieben:
5. Sep 2018, 13:14
- Als ich diesen Kommentar geschrieben hatte, viel mir auf, dass es völlig egal ist welches Geschlecht den verlinkten Artikel geschrieben hat, weil es nichts zur Diskussion inhaltlich beiträgt. Und ich das gerne auch weglassen würde, um eine, wahrscheinlich unbewusste, Tendenz alla "Hat ja eine Frau geschrieben" aus der Diskussion zu nehmen.
Aber ist das nicht ein "Problem", das es gar nicht geben sollte? Du hast scheinbar die Sorge, dass andere Menschen auf eine sexistische Art und Weise den Inhalt von einem Artikel nach dem Geschlecht der Autor_In beurteilen könnten; oder missverstehe ich dich da?

Falls dem so ist weiß ich nicht, warum dich das daran hindern sollte, eine Autorin als solche zu bezeichnen. Das empfinde ich als deutlich zu verkrampft. Nur weil andere Menschen möglicherweise "doof" sind und (vielleicht auch unterbewusst) sexistische Vorurteile pflegen, sehe ich darin ehrlicherweise kein Hindernis für deine Ausdrucksformen; vielmehr würde ich behaupten, dass es notwendig wäre, dass es als derart alltäglich wahrgenommen wird, dass jeder Mensch in einem Gebiet, unabhängig von seinem Geschlecht, eine Expertise haben kann, dass man sich da keine Sorgen machen sollte. Vielleicht ist es sogar eher hilfreich, wenn man Menschen darauf stößt, dass da jemand ist, der einem sexistischen Klischee nach nicht so kompetent sein dürfte, es aber dem Inhalt nach dann doch ist.

Ein unverkrampfter Umgang im Alltag mit solchen "Gefahren" bringt da vielleicht mehr als der Versuch, dem Gegenüber das Geschlecht vorzuenthalten, um Vorurteile zu vermeiden - das wirkt auf mich eher wie ein Eingeständnis, dass da ja doch was dran ist, man das aber in diesem "Einzelfall" anders sehen müsste. Fast schon wie ein "es schreibt zwar eine Frau, aber die hat ausnahmsweise Ahnung - guckt es euch bitte trotzdem an" :?: Und bitte nicht missverstehen - ich möchte nicht behaupten, dass du letzteres denken würdest :)
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monieu
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Re: Gendern in der deutschen Sprache

Beitrag von monieu »

HerrReineke hat geschrieben:
21. Okt 2018, 09:58
Long story short: Es geht darum, dass durch diese Sprachform auch Menschen inkludiert werden sollen, die weder "rein" männlich oder weiblich sind bzw. sich so fühlen - also keine Betonung des weiblichen Gruppenanteils sondern eine Sprachfassung, die absolut jeden Menschen, vollkommen gender-unabhängig, anspricht.
Ist das so? Ich würde sagen, in Abwesenheit einer echten neutralen Form werden beide Geschlechter in einer Mischform parallel genannt. Die "Pause" (Glottalverschluss) wird beim Sprechen gemacht, weil man sonst einfach die weibliche Singular- oder Pluralform sagen würde. Dass sich darin gleichzeitig das Spektrum der Intersexualität wiederspiegeln soll, wäre mir neu. Das ist die Argumentation für den Gendergap (was bei aller Sympathie für kreative Bewusstseinsmanipulation auch mehr Wunschdenken als eine wirksame Einflussnahme ist).

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HerrReineke
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Re: Gendern in der deutschen Sprache

Beitrag von HerrReineke »

monieu hat geschrieben:
22. Okt 2018, 00:26
Ist das so? Ich würde sagen, in Abwesenheit einer echten neutralen Form werden beide Geschlechter in einer Mischform parallel genannt. Die "Pause" (Glottalverschluss) wird beim Sprechen gemacht, weil man sonst einfach die weibliche Singular- oder Pluralform sagen würde. Dass sich darin gleichzeitig das Spektrum der Intersexualität wiederspiegeln soll, wäre mir neu. Das ist die Argumentation für den Gendergap (was bei aller Sympathie für kreative Bewusstseinsmanipulation auch mehr Wunschdenken als eine wirksame Einflussnahme ist).
So jedenfalls hat Nina selbst es erklärt, beispielsweise hier:
Es geht nicht um Zeitersparnis oder sprachliche Verknappung, sondern darum, die klare Trennung zwischen Mann und Frau aufzubrechen und in der Sprache Raum für andere Geschlechteridentitäten zu schaffen - die Pause ist also das gesprochene Äquivalent zum Gender-Sternchen oder dem Gender Gap (Beispiel: "Spieler_innen").
[...]
Dennis [...] nutzt eher die erwähnten Paarformeln, was ich auch völlig okay finde, für mich aber wegen der klaren Trennung zwischen zwei Geschlechtern nicht in Frage kommt.
(Hervorhebungen durch mich)

In Ihren Beiträgen dazu finden sich teilweise noch weitere Erklärungen dazu. Also ja, es stellt das gesprochene Äquivalent zum Gender-Gap dar.
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Don Mchawi
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Re: Gendern in der deutschen Sprache

Beitrag von Don Mchawi »

Ich kenne es auch genauso, dass die gesprochene Pause als Ziel intersexuelle Menschen einschließen soll.

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Fu!Bär
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Re: Gendern in der deutschen Sprache

Beitrag von Fu!Bär »

Wunderbares Video was mir aus der Seele spricht:
Mailab - Soll man gendern?
https://www.youtube.com/watch?v=yUuE_aCrKsQ

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IpsilonZ
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Re: Gendern in der deutschen Sprache

Beitrag von IpsilonZ »

Fu!Bär hat geschrieben:
22. Okt 2018, 10:14
Wunderbares Video was mir aus der Seele spricht:
Mailab - Soll man gendern?
https://www.youtube.com/watch?v=yUuE_aCrKsQ
In dem Video geht sie halt leider nicht wirklich auf Menschen ein, die sich weder bei männlich noch weiblich verorten und dementsprechend kommt es wirklich wie eine einfache Abkürzung von "Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen" rüber. Aber sonst wie immer inhaltlich schönes Video um beide Seiten kurz vorzustellen. Es zeigt halt schön, dass es ein Prozess ist, der noch in Entwicklung ist und noch diskutiert wird. So wie es sein sollte.

Bei maiLab bin ich immer so hin- und hergerissen. Inhaltlich ist es meistens echt nett aufgearbeitet und erstaunlich informativ für die meist recht kurze Zeit. Aber in der Präsentation ist es dann wirklich die Art von Youtube mit der ich wenig anfangen kann und die ich dann oft am liebsten wegklicken will.
Aber es scheint ja ein Publikum zu finden und es bringt den Zuschauern gute Dinge bei. Deswegen hat es natürlich seine Daseinsberechtigung und... ist dann eben einfach nicht meins.

(nur muss ich mir angewöhnen die Kommentarspalten zu meiden...)

JanTenner
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Re: Gendern in der deutschen Sprache

Beitrag von JanTenner »

Cooles Video - und ich bin 100% Kontra :D
Du meinst wahrscheinlich 'dediziert' wenn du 'dezidiert' schreibst :ugly:

monieu
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Re: Gendern in der deutschen Sprache

Beitrag von monieu »

HerrReineke hat geschrieben:
22. Okt 2018, 07:38
So jedenfalls hat Nina selbst es erklärt, [...] Also ja, es stellt das gesprochene Äquivalent zum Gender-Gap dar.
Hm, aber das Binnen-I wird auch so gesprochen (nur wenige Leute lösen in zwei Formen auf) und dazu war der Gendergap der queere Gegenentwurf. Dann ist es doch zumindestens unklar, wann man mit der Auslassung auf Intersexualität verweist und wann nicht. (Wenn man mich fragt, ist es doch klar, weil die visuelle und akustische Form ungeeignet sind etwas hervorzuheben und damit Marginalisierung zu überwinden.)

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XfrogX
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Re: Gendern in der deutschen Sprache

Beitrag von XfrogX »

Ich glaube das die ewige Diskussion darüber schädlicher ist als gendern oder nicht.

Klar wenn man gezielt Leute anspricht sollte man es auch so benutzen. Aber wenn man einfach nur redet über dritte wo das Geschlecht unbekannt und Vorallem unrelevant ist sollte man aufhören Diskussionen darüber zu führen.

Den die Spalten mehr als wenn man einfach immer die meist männliche Standardformat nutzt.

Aber mir ist klar das es meistens dann schon längst um was anderes geht.

IceGrin

Re: Gendern in der deutschen Sprache

Beitrag von IceGrin »

Mich Persönlich nervt das Gendern insofern das es meiner Meinung nach den Sprachfluss stört. Wenn ich Irgendwo eine Berufsbezeichnung oder eine Gruppen Bezeichnung wie zum Beispiel Spieler, Friseur oder Bundeskanzler sehe ich das Wort beziehungsweise den Kontext nicht speziell auf Männer abgezielt.

Auf der anderen Seite wird meine Meinung zu dem Thema aber auch nicht viel wert sein. Ich kann mich, Als weiser Mitteleuropäischer Mann mit dreißig Jahren, eher schwer in die Lage von Minderheiten bzw unfair behandelten Gruppen versetzen. Für mich ist jeder gleich viel wert.

JanTenner
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Re: Gendern in der deutschen Sprache

Beitrag von JanTenner »

Vielleicht ist das ein Tick von mir, aber mein Gehirn fängt dann an an jedes Wort ein *innen anzuhängen.

Beispiel:
Nina sagt: Über hundert Expert*innen aus über 20 Ländern (und mein Gehirn denkt dann Länder*innen).

Für mich ist es irgendwie wie diese 'Löffelsprache' (https://de.wikipedia.org/wiki/Spielspra ... felsprache) bei der man auch unnötige Silben einfügt und das dann irgendwann auch ganz unbewusst macht.

Ansonsten würde mich mal eine repräsentative Umfrage unter Frauen interessieren, wie viel Prozent sich tatsächlich nicht angesprochen fühlen wenn man auf das 'innen' beim Plural verzichtet. Gefühlt sind das nämlich gar nicht so viele, als dass sich das Verschandeln der Sprache lohnen würde.
Du meinst wahrscheinlich 'dediziert' wenn du 'dezidiert' schreibst :ugly:

JanTenner
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Re: Gendern in der deutschen Sprache

Beitrag von JanTenner »

goschi hat geschrieben:
24. Okt 2018, 13:37
Dann bin ich dafür, dass nur noch die weibliche Form benutzt wird.
Wieviele Männer fühlen sich nicht inbegriffen oder gestört, wenn man nur noch die weibliche Form benutzt?

Und jetzt bitte nicht wieder das Argument bringen, dass "im allgemeinen Plural doch alle inbegriffen gemeint sind"
Diese Grundsatzdiskussion wurde nun schon seitenlang diskutiert, die Argumente gegen diese falsche Annahme sind wiederholt zu lesen, erneut anfangen müssen wir das nicht.
Diesen Vorschlag habe ich im Touchscreen Thread selbst gebracht und würde es diesem komischen Pause*innen jederzeit vorziehen.

Und zu deinem zweiten Absatz... ja doch so funktioniert unsere Grammatik halt und das grammatikalische Geschlecht hat immer noch nichts mit dem biologischen zu tun.

Und ist es dann nach deiner Argumentation nicht auch ein Problem der angesprochenen Frauen und nicht des Sprechers, wenn diese sich vom generischen Maskulinum nicht angesprochen fühlen? :)
Du meinst wahrscheinlich 'dediziert' wenn du 'dezidiert' schreibst :ugly:

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kami
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Re: Gendern in der deutschen Sprache

Beitrag von kami »

goschi hat geschrieben:
24. Okt 2018, 14:02
Da Sprache nicht einfach natürlich ist und kein Naturgesetz ist, sondern von Menschen gemacht wird, zT mit voller Absicht, auf jeden Fall immer anhand Kultureller Hintergründe, ist das Argument schwer haltbar.
Denn Männer und streng patriarchale Gesellschaften haben unsere deutsche Sprache in der heutigen Form geprägt, daher ist das generische Maskulinum auch nicht einfach neutral.
Sicher ist es das nicht. Doch wenn es in der Zukunft gelingt, die patriarchalischen Strukturen aufzulösen, dann wird vielleicht auch die Sprache folgen. Und wenn sie das nicht tut, ist es auch egal, denn dann ist sie nicht mehr an die archaischen, ungerechten Strukturen gebunden. Umgekehrt (also Sprache ändern, die Strukturen aber erstmal so lassen) bringt nur die Euphemismus-Tretmühle zum Drehen. https://de.wikipedia.org/wiki/Euphemism ... m%C3%BChle

Don Mchawi
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Re: Gendern in der deutschen Sprache

Beitrag von Don Mchawi »

kami hat geschrieben:
24. Okt 2018, 15:07

Sicher ist es das nicht. Doch wenn es in der Zukunft gelingt, die patriarchalischen Strukturen aufzulösen, dann wird vielleicht auch die Sprache folgen. Und wenn sie das nicht tut, ist es auch egal, denn dann ist sie nicht mehr an die archaischen, ungerechten Strukturen gebunden.
Sprache ist aber nicht nur ein Ausdruck, sondern auch ein Werkzeug und Katalysator solcher Strukturen. Nicht umsonst werten beispielsweise Tätergruppen eines Genozids im Vorfeld die Menschengruppe, die sie vernichten wollen, ab. Genauso war Sprache ein wichtiges Werkzeug des Kolonialismus, um Menschen rassisch einzuordnen und damit auch direkt per allgemeinem Sprachgebrauch eine Wertigkeit mitzugeben. Und klar, kann sich das auch in der Geschelchtergerechtigkeit wiederfinden, etwa im generischen Maskulin. Sprache steht immer im Wechselwirkung zum Denken und zur eigenen Vorstellung. Begriffe zu ändern führt allein natürlich nie zu faireren Strukturen. Aber wie ich schon im Tschechienthread schrieb, kann die Auseinandersetzung und Sensibilisierung der Sprache ein begünstigender Schritt sein, in meinem eigenen Denken Menschen gleich zu stellen oder altbekannte Vorurteile zu reflektieren. Ich selbst gender tatsächlich auch nicht, aber nicht, weil ich nichtglaube, dass sprachliche Ungerechtigkeiten irrelevant sind, sondern weil ich glaube, dass in diesem Fall die Betonung der Unterschiede nicht zur sozialen Begleichung selbiger führt.
Sprache ist aber immer Teil von Struktur, weshalb ich eine Auseinandersetzung und ~politische Korrektheit (man könnte auch einfach Respekt vor Menschen sagen) für sinnvoll halte. Wie gesagt: Man muss nicht immer zum gleichen Ergebnis gelangen. Aber die Auseinandersetzung ist gut und richtig.
Umgekehrt (also Sprache ändern, die Strukturen aber erstmal so lassen) bringt nur die Euphemismus-Tretmühle zum Drehen. https://de.wikipedia.org/wiki/Euphemism ... m%C3%BChle
Die Strukturen zu lassen (wie gesagt, ich würde Sprache und Struktur gar nicht trennen wollen) ist natürlich bei Ungerechtigkeit keine Option.
Die These der Euphorismus-Tretmühle würde ich erstmal mit einem Fragezeichen versehen wollen.
Die Beispiele im Wikipediaartikel finde ich auch nicht unbedingt gut erklärt. Abwickeln, okay, ist ein Euphemismus aus dem Kapitalismus, der Abwicklungen erzwingt. Da der Prozess dahinter ein harter ist, kann eine positive Beschreibung hier immer nur ein Euphemismus sein.
Die Bsp mit Menschen mit Behinderung und Homosexuellen finde ich dagegen sogar falsch.
Krüppel und Behinderter beschreiben ebenso unterschiedliche Menschen wie schwul und homosexuell; letztere sind jeweils weiter gefasst. Homosexuell hat auch nicht wirklich schwul ersetzt, sondern ergänzt. Krüppel, Behinderter und Mensch mit Behinderung funktionieren komplett anders und haben in der Begrifflichkeit einen anderen Hintergedanken. Sie sind keine Euphemismen. Krüppel = körperlich, unfähig zu arbeiten; behindert = in irgendeiner Form in/bei der Arbeit behindert, also nicht unfähig, aber eingeschränkt. Mensch mit Behinderung dagegen stellt in den Vordergrund, dass es Menschen sind, die nicht allein über ihre Behinderung definiert werden sollten, weshalb die Behinderung nur ein Beisatz ist.
Die Gedanken hinter den Begriffen sind anders, es fand da nicht einfach nur eine Umbenennung statt - sondern ein Umdenken.

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kami
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Re: Gendern in der deutschen Sprache

Beitrag von kami »

Don Mchawi hat geschrieben:
24. Okt 2018, 15:54
kami hat geschrieben:
24. Okt 2018, 15:07

Sicher ist es das nicht. Doch wenn es in der Zukunft gelingt, die patriarchalischen Strukturen aufzulösen, dann wird vielleicht auch die Sprache folgen. Und wenn sie das nicht tut, ist es auch egal, denn dann ist sie nicht mehr an die archaischen, ungerechten Strukturen gebunden.
Sprache ist aber nicht nur ein Ausdruck, sondern auch ein Werkzeug und Katalysator solcher Strukturen. Nicht umsonst werten beispielsweise Tätergruppen eines Genozids im Vorfeld die Menschengruppe, die sie vernichten wollen, ab. Genauso war Sprache ein wichtiges Werkzeug des Kolonialismus, um Menschen rassisch einzuordnen und damit auch direkt per allgemeinem Sprachgebrauch eine Wertigkeit mitzugeben.
Um bei diesem Beispiel zu bleiben, es war eben aber zuerst das rassistische Denken und die rassistischen Strukturen da, die sich dann auch in der Sprache niederschlugen. Es ist ja nun nicht so, als habe vor langer Zeit ein nichtrassistischer, aber cleverer Machtmensch seine Nachbarn angreifen und unterdrücken wollen und zu diesem Zwecke seine Leute mit rassistischer Sprache aufgehetzt und dabei mal eben den Rassismus erfunden.

Don Mchawi
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Re: Gendern in der deutschen Sprache

Beitrag von Don Mchawi »

kami hat geschrieben:
24. Okt 2018, 16:39

Um bei diesem Beispiel zu bleiben, es war eben aber zuerst das rassistische Denken und die rassistischen Strukturen da, die sich dann auch in der Sprache niederschlugen. Es ist ja nun nicht so, als habe vor langer Zeit ein nichtrassistischer, aber cleverer Machtmensch seine Nachbarn angreifen und unterdrücken wollen und zu diesem Zwecke seine Leute mit rassistischer Sprache aufgehetzt und dabei mal eben den Rassismus erfunden.
Jein. Beim Kolonialismus bspw hatten die 'Entdecker' und ersten Kolonialisten sicher schon diese Denkmuster, haben sie selbst aber in Sprache gegossen und diese Sprache in ihren Heimatländern verbreitet. D.h. viele Menschen in Europa dürften tatsächlich zuerst durch Begriffe und Beschreibungen geprägt worden sein. Trotzdem gab es vorher natürlich schon die Struktur, klar. Aber auch die hat sich abstrakt schon in der Sprache (wir und die anderen) gespiegelt.
Nur: Ist es bei der Auflösung wirklich relevant, was zuerst da war? Wenn heute nunmal beides verwoben ist?

monieu
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Re: Gendern in der deutschen Sprache

Beitrag von monieu »

XfrogX hat geschrieben:
23. Okt 2018, 14:59
Ich glaube das die ewige Diskussion darüber schädlicher ist als gendern oder nicht.

[...]

Aber mir ist klar das es meistens dann schon längst um was anderes geht.
Nicht unbedingt, ob man diese Sprachformen verwendet ist für sich genommen eine valide Frage.
goschi hat geschrieben:
24. Okt 2018, 10:22
Ich frage mich ernsthaft, wie eine Pause von vermutlich wenigen Sekundenbruchteilen einem derart irritieren kann, aber niemand ein äh, öh, üh oder korrigiert nochmal ausgesprochenes Wort nennt.
Nun das ist natürlich eine Frage der Gewöhnung. Verzögerungslaute und Wiederholungen filterst du heraus und sie tragen keine Bedeutung. Die Auslassung ist zumindestens in dieser Form im Deutschen nicht üblich, sticht also sowie heraus. Und wenn man die andere Form gewöhnt ist, wird eine Erwartung durchbrochen, darauf reagiert man.
JanTenner hat geschrieben:
24. Okt 2018, 12:40
Ansonsten würde mich mal eine repräsentative Umfrage unter Frauen interessieren, wie viel Prozent sich tatsächlich nicht angesprochen fühlen wenn man auf das 'innen' beim Plural verzichtet.
Ich glaube nicht, dass sie in der Lage sind das zu beantworten, und das Problem wird ja auch mehr in unbewusster Wirkung verortet.
goschi hat geschrieben:
24. Okt 2018, 13:37
Und jetzt bitte nicht wieder das Argument bringen, dass "im allgemeinen Plural doch alle inbegriffen gemeint sind"
Diese Grundsatzdiskussion wurde nun schon seitenlang diskutiert, die Argumente gegen diese falsche Annahme sind wiederholt zu lesen, erneut anfangen müssen wir das nicht.
Ich will jetzt nicht die Argumente lesen, wenn sie sich über viele Seiten verteilen, aber die Annahme ist keine solche, sondern eine Konvention. Wie gesagt, unbewusste Wirkungen lassen vielleicht an der Verarbeitungsneutralität des Begriffs zweifeln und es gibt sicherlich auch semantische Konstellationen, wo die Funktion zusammenbricht. Aber zwischen diese beiden Sätzen löst nur der zweite Irritation aus, eben weil die Konvention funktioniert:

"Die Ärzte in diesem Krankenhaus sind sehr gut. Frau Doktor Herz ist die beste in ihrem Feld."

"Die japanischen Ärzte in diesem Krankenhaus sind sehr gut. Frau Doktor Herz ist die beste in ihrem Feld."
Don Mchawi hat geschrieben:
24. Okt 2018, 15:54
Sprache ist aber nicht nur ein Ausdruck, sondern auch ein Werkzeug und Katalysator solcher Strukturen.
Zweifelsohne ein Werkzeug aber über die katalytischen Effekte kann man sich glaube ich sehr ausführlich streiten. :D
Don Mchawi hat geschrieben:
24. Okt 2018, 15:54
Die These der Euphorismus-Tretmühle würde ich erstmal mit einem Fragezeichen versehen wollen.
Eingängiger ist denke ich die verwandte Aufladung neutraler Begriffe. Also ein zu Beginn wertungsfreier Begriff nimmt über die Zeit positive oder negative Konnotationen an. Es gab in den USA zum Beispiel mal die Diskussion unter Linken, ob man "homosexuell" noch verwenden kann, weil er so stark abwertend seitens der religiösen Rechten gebraucht wird. Ein Debattenbeitrag von damals: https://thegavoice.com/outspoken/someti ... omosexual/
Don Mchawi hat geschrieben:
24. Okt 2018, 15:54
Ich selbst gender tatsächlich auch nicht,
Übrigens wenn mich etwas an der Diskussion stört dann dieser Begriff "gendern". Ich verstehe nicht, wie man darauf gekommen ist die Anpassung sprachlicher Formen über eine Ableitung von gender zu beschreiben. :snooty:

Curse
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Re: Gendern in der deutschen Sprache

Beitrag von Curse »

Das Gegendere nervt mich ebenfalls. Und zwar so sehr, dass ich diesem meinen ersten Beitrag hier widme, obwohl ich bereits fast von Anfang an dabei und seit längerer Zeit Backer bin. Für mich gibt es hierfür zwei Gründe: 1) Es reißt mich aus dem Hörfluss heraus. Ich sitze bei Podcasts nicht konzentriert in einer Ecke und lausche gespannt, sondern ich höre Podcasts beim Autofahren, beim Kochen etc. 2) Ich möchte in meiner Freizeit entspannen und nicht mit "belastenden" Themen beschäftigt werden. Die habe ich auf der Arbeit genug. Ich will auch nicht beim Essen Nachrichten über Kinderarmut oder Kriege hören.

Ich habe selbst Freunde und Bekannte im Bereich soziale Arbeit, Sozialrecht etc. und weiß, dass man dort nur überleben kann, wenn man fleißig gendert. Das ändert aber nichts daran, dass ich mich dem nur bedingt aussetzen möchte.

Eigentlich ist das für mich sehr schade, denn die Themen sind interessant und die Stimmen angenehm.


Zuletzt finde ich in dem Zusammenhang bedenklich, dass Nina zwar fleißig gendert, gleichzeitig aber auch unter anderem aufgeworfen hat, dass wohl die meisten Frauen kennen, dass Männer keine Kondome benutzen wollen. Ich fühle mich dadurch nicht angegrifen, aber wo ist da bitte der innere Faden zur antidiskriminierenden Einstellung?

Edit: Als Lösung wäre es mir persönlich z. B. viel lieber, wenn man dann durchgehend die weibliche Form verwendet. Oder von mir aus auch zwischen den Folgen jeweils zwischen der männlichen oder weiblichen Form wechselt. Gerne auch mit Disclaimer zuvor, dass beide Formen gemeint sind, damit auch wirklich jeder weiß, dass dem so ist.

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Nina
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Re: Gendern in der deutschen Sprache

Beitrag von Nina »

Wie bereits angekündigt, werde ich mich zum Gender-Gap nicht mehr äußern, weil ich meine Verwendung desselbigen bereits mehrfach sorgfältig begründet habe (und dabei unter anderem auch erklärt habe, warum etwa die Form "Spielerinnen und Spieler" keine Alternative ist. Die entsprechenden Posts wurden bereits ein ums andere Mal verlinkt).

Zu folgender Aussage möchte ich aber unbedingt Stellung beziehen:
Curse hat geschrieben:
25. Okt 2018, 17:27
Zuletzt finde ich in dem Zusammenhang bedenklich, dass Nina zwar fleißig gendert, gleichzeitig aber auch unter anderem aufgeworfen hat, dass wohl die meisten Frauen kennen, dass Männer keine Kondome benutzen wollen. Ich fühle mich dadurch nicht angegrifen, aber wo ist da bitte der innere Faden zur antidiskriminierenden Einstellung?
Ich habe die entsprechende Passage in der Folge nicht erneut angehört und wenn die Formulierung missverständlich war, entschuldige ich mich dafür, aber ich sagte/meinte nicht, dass "Männer keine Kondome benutzen wollen", sondern dass die meisten Frauen wohl im Laufe ihres Lebens schon mit einem oder mehreren Männern zu tun hatten, die dies zu umgehen versuchten. Was daran diskriminierend sein soll, erschließt sich mir nicht, denn es handelt sich dabei um ein nicht nur durch anekdotische Evidenz, sondern auch durch Studien gut belegtes Phänomen. Jungen/Männer antworten weitaus häufiger als Mädchen/Frauen, dass sie gerne auf Kondome verzichten möchten (weil sie das Gefühl auf der Haut nicht mögen, sie direkten Genitalkontakt anregender finden, etc.), und das spiegelt sich auch in ihren sexuellen Beziehungen wider.

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Wudan
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Re: Gendern in der deutschen Sprache

Beitrag von Wudan »

Curse hat geschrieben:
25. Okt 2018, 17:27
Ich möchte in meiner Freizeit entspannen und nicht mit "belastenden" Themen beschäftigt werden. Die habe ich auf der Arbeit genug. Ich will auch nicht beim Essen Nachrichten über Kinderarmut oder Kriege hören.
So sehr ich verstehen kann dass einen der ungewohnte Sprachfluss irritieren kann (ging mir am Anfang auch so), aber was ist denn daran bitte ein "belastendes Thema" ? Schiesst der Vergleich von sprachlichem Gendern mit Kinderarmut und Kriegen nicht ein kleines bisschen über das Ziel hinaus? :shock:

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