Runde 212: Anno dazumal?

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echtschlecht165
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Re: Runde 212: Anno dazumal?

Beitrag von echtschlecht165 » 7. Mai 2019, 17:44

Ein bissl weniger schwarzweiß wäre angebracht.
Nur weil jemand gerne auch mal feelgood spiele wie Anno spielt, ohne das böse zu vermissen ist in den meisten Fällen kein vollarschloch.
Und auch wenn man nicht will, dass dieses feelgoodspiel böse Sachen thematisiert, ist man keins.
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HerrReineke
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Re: Runde 212: Anno dazumal?

Beitrag von HerrReineke » 7. Mai 2019, 17:46

Ich möchte kurz den Hinweis da lassen, dass ihr bitte in der Diskussion nicht zu weit vom Thema (Anno 1800 und dem Podcast dazu) abschweift und euch auch bei den politischen Implikationen dieses Themenbereichs nicht an die Gurgel geht und einander respektvoll begegnet - ansonsten werden für die restliche Diskussion Zuschauerplätze vergeben ;)

Die Diskussion um das Geschichtsbild in Anno 1800 finde ich persönlich auch sehr spannend - zumal ich mir hier simple Methoden vorstellen kann, die diese "Weichzeichnung" (wie Dom es ausgedrückt hat) jedenfalls verringert hätten - z.B. wie in Civilization eine Art ingame-Wiki, in welchem - neben den spielmechanisch wichtigen Punkten - in den Flavourtexten auch ein wenig auf die nicht implementierten historischen Aspekte eingegangen wird. Das Spiel selbst hätte sich kein bisschen anders gespielt, es wäre immer noch feelgood und würde niemandem was aufdrängen - aber jeder hätte z.B. direkt ingame nachlesen können, was Jornaleros und Obreros sind und warum es natürlich nicht stimmt, dass die die Hauptarbeitskraft dort dargestellt hätten; oder so ähnlich :think:
Quis leget haec?

Stuttgarter
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Re: Runde 212: Anno dazumal?

Beitrag von Stuttgarter » 7. Mai 2019, 17:53

echtschlecht165 hat geschrieben:
7. Mai 2019, 17:44
Ein bissl weniger schwarzweiß wäre angebracht.
Nur weil jemand gerne auch mal feelgood spiele wie Anno spielt, ohne das böse zu vermissen ist in den meisten Fällen kein vollarschloch.
Und auch wenn man nicht will, dass dieses feelgoodspiel böse Sachen thematisiert, ist man keins.
Nur sicherheitshalber - ich schrieb nicht, dass man ein Vollarschloch ist, wenn man das in "Anno" nicht will. Mir gings drum, dass man das ist, wenn man in der Realtät auf dem Standpunkt "mein Wohlstand ist mir wichtiger als die Frage, ob Menschen deswegen verrecken" steht. Der Bezug zu "Anno" ist nur jener, dass viele Menschen den historischen Zusammenhang "westlicher Wohlstand - Elend wo anders" gern ausblenden - und "Anno" sie darin trefflich unterstützt.

Was mich in dem Kontext jetzt aber doch interessieren würde - Du schreibst, dass "jemand auch gerne auch mal feelgood Spiele wie Anno" spielt. Das klingt so, als hätte ich eine große Auswahl an politisch-historisch belehrend-brisanten Spielen, in denen ich mit den Schattenseiten der europäischen Geschichte konfrontiert werde und mich damit auseinandersetzen muss und "Anno" davon dann quasi mal die Erholung ist. Hast Du mir da paar Tips?

bimbes1984

Re: Runde 212: Anno dazumal?

Beitrag von bimbes1984 » 7. Mai 2019, 17:59

Stuttgarter hat geschrieben:
7. Mai 2019, 17:42
Wie oben geschrieben - Bildung betreiben sie so oder so. Nur in dem Fall dann halt irreführende/verfälschende.
Wie hätten denn die Entwickler die Epoche der Kolonisation denn historisch korrekt darstellen sollen? Wo sollen denn da die Grenze gezogen werden? Soll ein Spiel wie Anno Sklaverei und Kinderarbeit einführen? soll man Eingeborene abschlachten?

Ich finde Spiele dürfen hier auch mal einfach nur Spiele bleiben und gewisse Dinge auch ausblenden, es kann sich ja jeder über die jeweiligen historsichen Hintergründe zu einem Spiel informieren.

Wenn du davon ausgehst, dass Spiele eh Bildung betreiben (so oder so), dann hätte die gesamte Spielebranche aber ein riesen Problem....ich hoffe zumindest nicht, dass jemand sein Wissen über das alte Rom von den Siedlern (II) hat, oder denkt, dass Call of Duty irgendwas mit Krieg zu tun hat.

Stuttgarter
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Re: Runde 212: Anno dazumal?

Beitrag von Stuttgarter » 7. Mai 2019, 18:05

bimbes1984 hat geschrieben:
7. Mai 2019, 17:59
Stuttgarter hat geschrieben:
7. Mai 2019, 17:42
Wie oben geschrieben - Bildung betreiben sie so oder so. Nur in dem Fall dann halt irreführende/verfälschende.
Wie hätten denn die Entwickler die Epoche der Kolonisation denn historisch korrekt darstellen sollen? Wo sollen denn da die Grenze gezogen werden? Soll ein Spiel wie Anno Sklaverei und Kinderarbeit einführen? soll man Eingeborene abschlachten?

Ich finde Spiele dürfen hier auch mal einfach nur Spiele bleiben und gewisse Dinge auch ausblenden, es kann sich ja jeder über die jeweiligen historsichen Hintergründe zu einem Spiel informieren.

Wenn du davon ausgehst, dass Spiele eh Bildung betreiben (so oder so), dann hätte die gesamte Spielebranche aber ein riesen Problem....ich hoffe zumindest nicht, dass jemand sein Wissen über das alte Rom von den Siedlern (II) hat, oder denkt, dass Call of Duty irgendwas mit Krieg zu tun hat.
Da wir uns im Kreis drehen, belasse ich es bei meinen obigen Aussagen zu dem Thema.

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derFuchsi
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Re: Runde 212: Anno dazumal?

Beitrag von derFuchsi » 7. Mai 2019, 21:28

Ich finde nicht dass Spiele wie Anno schwierige Themen explizit einbinden muss. Spiele sollen vor allem Spaß machen, darum spielen wir doch.

Ich finde aber dass man trotzdem darüber reden sollte inwiefern ein authentisch wirkendes Spiel das in einer historischen Epoche spielt auch die Wirklichkeit von damals abbildet. Anno wirbt nunmal damit dass man ein Reich im 19. Jahrhundert errichtet und kein Fantasieszenario in einer Fantasiewelt.

Und wenigstens ein paar Hinweise im Spiel, in einem Wiki oder so wären schon angebracht. Die kann man ja ignorieren wenn man möchte.
Oder wenigstens ein Disclaimer wie in Day of the Tentacle damals ;)
Bild

Ich gucke mir derzeit die Tour von Assassins Creed Origins an. In einigen Szenen sprechen die Entwickler auch Unterschiede an, dass z.B. Frauen dies nicht durften oder Bürger nicht Ort X betreten durften und solche Sachen und die Entwickler sich aber dazu entschieden haben das so nicht zu übernehmen. Fand ich sehr nett. Stört im Spiel nicht aber wer es wissen will kann sich das ansehen/hören.

(Zugegeben rede ich bei Anno 1800 nicht aus eigener Anschauung also Sorry falls es solche Hinweise doch irgendwo geben sollte)
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echtschlecht165
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Re: Runde 212: Anno dazumal?

Beitrag von echtschlecht165 » 8. Mai 2019, 08:37

Stuttgarter hat geschrieben:
7. Mai 2019, 17:53
echtschlecht165 hat geschrieben:
7. Mai 2019, 17:44
Ein bissl weniger schwarzweiß wäre angebracht.
Nur weil jemand gerne auch mal feelgood spiele wie Anno spielt, ohne das böse zu vermissen ist in den meisten Fällen kein vollarschloch.
Und auch wenn man nicht will, dass dieses feelgoodspiel böse Sachen thematisiert, ist man keins.
Nur sicherheitshalber - ich schrieb nicht, dass man ein Vollarschloch ist, wenn man das in "Anno" nicht will. Mir gings drum, dass man das ist, wenn man in der Realtät auf dem Standpunkt "mein Wohlstand ist mir wichtiger als die Frage, ob Menschen deswegen verrecken" steht. Der Bezug zu "Anno" ist nur jener, dass viele Menschen den historischen Zusammenhang "westlicher Wohlstand - Elend wo anders" gern ausblenden - und "Anno" sie darin trefflich unterstützt.

Was mich in dem Kontext jetzt aber doch interessieren würde - Du schreibst, dass "jemand auch gerne auch mal feelgood Spiele wie Anno" spielt. Das klingt so, als hätte ich eine große Auswahl an politisch-historisch belehrend-brisanten Spielen, in denen ich mit den Schattenseiten der europäischen Geschichte konfrontiert werde und mich damit auseinandersetzen muss und "Anno" davon dann quasi mal die Erholung ist. Hast Du mir da paar Tips?
Für historischen Kontext, der auch mal die bösen Seiten beleuchtet, würde ich die paradox spiele empfehlen.
Das industrielle revolutionssetting hat ja AC syndicate benutzt.
AC, eine Serie die von sich selbst den Anspruch hat, authentische historische Welten nachzubilden, und die immer wieder dafür gelobt wird.
Dieses Spiel thematisiert ja auch das Thema Kinderarbeit (jubeljubel)
Und wie macht es das? Man befreit sie wie Gefangene aus einem Gefängnis. Lol
Und das soll historisch sein? Was machen die Kinder danach? Betteln gehen?
Bevor so ein murks rauskommt, kann man es ja gleich aussparen

Und um zu Anno zurückzukehren. Wieso sollte sich das Spiel, dass schon immer so liebevoll idealisierte rosamundepilcher Szenarien schuf, plötzlich das anfassen. Und vorallem liegt der Schwerpunkt des gameplays auf bauen und optimieren von abstrakten (Nicht realistischen) warenketten und Logistik,
Nun ist man als Spieler hauptsächlich damit beschäftigt.
Wenn ich mich ausgiebig mit der historischen Aufarbeitung der jeweiligen Epoche beschäftigen wil, spiele ich kein solches Spiel, sondern lese ein Buch, oder gehe in museen.
In der Zeit wo ich in Anno stufe3 Ingenieure angesiedelt habe, und evtl einen Wikipedia Artikel über jornaleros lese, habe ich halt komplette Sachbücher durchgelesen oder habe einen Tagesausflug ins völkerkundemuseum hinter mir
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limericks
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Re: Runde 212: Anno dazumal?

Beitrag von limericks » 8. Mai 2019, 10:48

echtschlecht165 hat geschrieben:
8. Mai 2019, 08:37
AC, eine Serie die von sich selbst den Anspruch hat, authentische historische Welten nachzubilden, und die immer wieder dafür gelobt wird.
Dieses Spiel thematisiert ja auch das Thema Kinderarbeit (jubeljubel)
Und wie macht es das? Man befreit sie wie Gefangene aus einem Gefängnis. Lol
Und das soll historisch sein? Was machen die Kinder danach? Betteln gehen?
Bevor so ein murks rauskommt, kann man es ja gleich aussparen
Ich glaub das war auch der Gedanke der Entwickler. Die Chance, diese schwierige Thematik gut hinzubekommen, ist verschwindend gering.
Im Gegenteil kann man sich damit ordentlich in die Nesseln setzen, und das ist das viel wahrscheinlichere Szenario. Dass dann ein Riesenshitstorm ausbricht, wie verächtlich Anno mit Sklaverei oder Kinderarbeit umgeht, als wäre es Absicht der Entwickler das so darzustellen. Dass solche Debatten im nullkommanichts entgleisen, ist bekannt und sieht man ja auch immer wieder.
Bei 2070 war die Umweltthematik wenigstens nur langweilig umgesetzt und hatte nicht die gesellschaftspolitische Dimension, die Themen wie Kolonialismus und Sklaverei heute hätten.

Dieses Risiko einzugehen, das kann man von einem Entwicklungsstudio schlichtweg nicht verlangen. Obwohl es interessant wäre, das mal zu sehen.

Stuttgarter
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Re: Runde 212: Anno dazumal?

Beitrag von Stuttgarter » 8. Mai 2019, 12:06

limericks hat geschrieben:
8. Mai 2019, 10:48


Dieses Risiko einzugehen, das kann man von einem Entwicklungsstudio schlichtweg nicht verlangen. Obwohl es interessant wäre, das mal zu sehen.
Moment mal, ich dachte, Spiele wollen Kunst sein? Dann muss man nachgerade von ihnen verlangen, unbequem zu sein, Risiken einzugehen, sich mit Teilen der Gesellschaft anzulegen. Sonst haben wir den berühmten Unterschied zwischen "Kunst" und "Kunsthonig".

tj91
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Re: Runde 212: Anno dazumal?

Beitrag von tj91 » 8. Mai 2019, 12:19

Moment mal, ich dachte, Spiele wollen Kunst sein?
Bei klassischen Künstlern hängt meistens viel weniger dran. Man ist entweder ein Einzelkünstler oder maximal eine kleine Gruppe. So eine riesige AAA Produktion muss leider ganz andere Maßstäbe anlegen, da man Investoren, viele Angestellte, laufende Verträge, usw hat. So ähnlich wie ein Action Film in der Regel auch lieber den kleinsten gemeinsamen Nenner bedient, wird auch hier kein großes Risiko eingegangen, weil es eben auch ein unberechenbares Minenfeld ist.

Von daher kann man denke ich argumentieren, dass der Teil, den du einforderst, tendenziell eher im Indie Bereich zu finden sein wird.

Edit: das Beispiel mit Filmen sollte verdeutlichen, dass nicht jedes einzelne Spiel "Kunst" sein muss. Wobei man das bei Anno schon behaupten kann. Aber auch nicht jedes Kunstwerk muss provozieren :)

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Sebastian Solidwork
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Re: Runde 212: Anno dazumal?

Beitrag von Sebastian Solidwork » 8. Mai 2019, 12:24

echtschlecht165 hat geschrieben:
8. Mai 2019, 08:37
Und vorallem liegt der Schwerpunkt des gameplays auf bauen und optimieren von abstrakten (Nicht realistischen) warenketten und Logistik,
Nun ist man als Spieler hauptsächlich damit beschäftigt.
Wenn das der angedachte Fokus sein soll (ich unterstütze ihn), wäre es dann nicht besser sich von einem so realistischen Szenario zu verabschieden?
Wenn man abstrakte Warenketten aufbaut, warum das in einem Szenario dessen audiovisuellen Effekte sich sehr an die Realität anlehnen?

Wenn eine (Realitäts-)Simulation dann ganz oder gar nicht. Da sitzt Anno mMn zu sehr zwischen den Stühlen. Wie auch viele andere Spiele.
echtschlecht165 hat geschrieben:
8. Mai 2019, 08:37
Und um zu Anno zurückzukehren. Wieso sollte sich das Spiel, dass schon immer so liebevoll idealisierte rosamundepilcher Szenarien schuf, plötzlich das anfassen.
Wäre es nicht besser dann diese Szenarien ganz sein zu lassen?
Gerade diese realitätsnahe Darstellung legt einen lehrenden Charakter nahe. Und kann dann deswegen kritisiert werden.

Am Ende hat es doch leider nicht Fokus auf die abstrakten Tätigkeiten, sondern auch noch konkurrierende realistische Schauwerte.
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Der Sinn des Lebens ist, dass Menschen voller Sinn das niemals wissen müssen. - Gunter Dueck in Omnisophie

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Heretic
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Re: Runde 212: Anno dazumal?

Beitrag von Heretic » 8. Mai 2019, 12:28

Stuttgarter hat geschrieben:
8. Mai 2019, 12:06
Moment mal, ich dachte, Spiele wollen Kunst sein? Dann muss man nachgerade von ihnen verlangen, unbequem zu sein, Risiken einzugehen, sich mit Teilen der Gesellschaft anzulegen.
Wenn das die Grundvoraussetzung ist, um als Kunst zu gelten, dann gibt es verdammt wenig Kunst auf dieser Welt.

Wie soll ein Spiel wie "Anno 1800" Themen wie Sklaverei oder Kinderarbeit denn darstellen? Das müsste eigentlich ein Gameplayelement sein, das der Spieler einsetzen muss, um Erfolg zu haben. Will man das wirklich haben?

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Re: Runde 212: Anno dazumal?

Beitrag von Stuttgarter » 8. Mai 2019, 12:30

tj91 hat geschrieben:
8. Mai 2019, 12:19
Moment mal, ich dachte, Spiele wollen Kunst sein?
Bei klassischen Künstlern hängt meistens viel weniger dran. Man ist entweder ein Einzelkünstler oder maximal eine kleine Gruppe. So eine riesige AAA Produktion muss leider ganz andere Maßstäbe anlegen, da man Investoren, viele Angestellte, laufende Verträge, usw hat. So ähnlich wie ein Action Film in der Regel auch lieber den kleinsten gemeinsamen Nenner bedient, wird auch hier kein großes Risiko eingegangen, weil es eben auch ein unberechenbares Minenfeld ist.

Von daher kann man denke ich argumentieren, dass der Teil, den du einforderst, tendenziell eher im Indie Bereich zu finden sein wird.

Edit: das Beispiel mit Filmen sollte verdeutlichen, dass nicht jedes einzelne Spiel "Kunst" sein muss. Wobei man das bei Anno schon behaupten kann. Aber auch nicht jedes Kunstwerk muss provozieren :)
Es wird aber jeder Actionfilm gewaltig aufs Maul bekommen, der eine fragwürdige historische - also in diesem Fall: verharmlosend-beschönigende - Darstellung liefert. :)

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Re: Runde 212: Anno dazumal?

Beitrag von Stuttgarter » 8. Mai 2019, 12:38

Heretic hat geschrieben:
8. Mai 2019, 12:28

Wenn das die Grundvoraussetzung ist, um als Kunst zu gelten, dann gibt es verdammt wenig Kunst auf dieser Welt.

Wie soll ein Spiel wie "Anno 1800" Themen wie Sklaverei oder Kinderarbeit denn darstellen? Das müsste eigentlich ein Gameplayelement sein, das der Spieler einsetzen muss, um Erfolg zu haben. Will man das wirklich haben?
Es ist zumindest ein wesentlicher Bestandteil von Kunst, anzuecken. Das tut nicht jedes Kunstwerk - aber es ist absurd, eine Sparte der Kunst komplett von gesellschaftlicher Verantwortung (und darum geht es letztlich bei "Anno") freizusprechen, nur weil die Erschaffer sonst negative Konsequenzen zu befürchten hätten.

Ich hab übrigens keine Ahnung, wie ein Spiel das machen könnte. Wüsste ich es, würde ich in der Spieleproduktion arbeiten. Das rauszufinden ist Aufgabe der Entwickler. Und Kritik am derzeitigen Stand motiviert sie hoffentlich, genau das zu tun. Oder - wie Sebastian oben angeregt hat - eben auf vermeintlich authentische Settings zu verzichten.

Edit: So wenig Kunst gibt es nach der Definition übrigens gar nicht. :) Viele Kunstwerke waren zu ihrer Entstehung hoch brisant und politisch - bestes Beispiel Mozarts "Figaro". Von Schiller gar nicht erst zu reden...

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Re: Runde 212: Anno dazumal?

Beitrag von echtschlecht165 » 8. Mai 2019, 12:54

die gute alte "Spiele sind Kunst" Diskussion.
Grundsätzlich finde ich nicht, dass die das müssen. Spiele sind in erster Linie dazu sich damit zu beschäftigen und Freizeit zu verbringen.

Ob das jetzt Kunstanspruch hat oder nicht, ist eher zweitrangig für mich.
Ich brauch jedenfalls keine Kunst, um mir mein Hobby/Sucht schönzureden.
Genauso verhält es sich mit dem "Lernen in Spielen". Wie schon vorher erwähnt, halte ich es für sinnvoller, Bücher zu lesen , als zu spielen , wenn man sich weiterbilden möchte. (explizite Lernspiele und serious Games mal ausgenommen, wovon ein Anno und auch ein AC weit entfernt ist)

Und um zum Thema zurückzukommen:

Gegen Ende wird es schon sehr mühselig und eher Arbeit als Spiel. Und das, obwohl ich einfache und grosse Inseln genommen habe.
Ich habe allerdings auch mit dem Verschönern hoffnungslos übertrieben und grosse Parks gebaut, dessen Fläche mir später woanders fehlte.

Den Park habe ich jedoch sehr künstlerisch gebaut. :ugly:
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Re: Runde 212: Anno dazumal?

Beitrag von philipp_neu » 8. Mai 2019, 13:09

Stuttgarter hat geschrieben:
8. Mai 2019, 12:06

Moment mal, ich dachte, Spiele wollen Kunst sein? Dann muss man nachgerade von ihnen verlangen, unbequem zu sein, Risiken einzugehen, sich mit Teilen der Gesellschaft anzulegen. Sonst haben wir den berühmten Unterschied zwischen "Kunst" und "Kunsthonig".
Also, ich denke nicht das ein Logik-Nachdenkspiel (Strategiespiel eben) wie Anno den Anspruch hat als Kunst zu gelten, das ist in erster Linie ein Unterhaltungsprodukt. Vielleicht bedient sich das Spiel in einzelnen Aspekten dem Kunsthandwerk (Ladebildschirme, Characterportraits z.B.), aber in der Gesamtheit ist es m.M.n. kein Kunstwerk.

Des weiteren, halte ich dieses "ich dachte, Spiele wollen Kunst sein" auch nicht für valide, um daraus ein Anspruch auf Risiko und Unbequemheit abzuleiten. Ist ansonsten jede Kunst unbequem und legt sich mit Teilen der Gesellschaft an, wenn nicht, ist es keine Kunst?

Insgesamt halte ich die Diskussion um Anno 1800 für ziemlich hysterisch. Und im Grunde ist es doch ein historisch angehauchtes Phantasiesetting, oder?
Ich mein man besiedelt Inseln in der "alten Welt" um 1800. Die historisch korrekte alte Welt war zu dem Zeitpunkt schon voll erschlossen und hat mit Inseln gemeinhin wenig zu tun.

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limericks
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Re: Runde 212: Anno dazumal?

Beitrag von limericks » 8. Mai 2019, 13:20

Sebastian Solidwork hat geschrieben:
8. Mai 2019, 12:24
Wäre es nicht besser dann diese Szenarien ganz sein zu lassen?
Hat man doch mit den beiden Vorgängern probiert. Wurde von Spielern und Kritikern nicht goutiert. Das Szenario war häufig ein Kritikpunkt. Die Leute wollen historisches. Die handvoll Spieler, die sich an fehlender historischer Authentizität in einem Anno tatsächlich und ernsthaft stören, nicht nur zum Zwecke einer Internetdebatte, wird im 0,sonstwas Prozentbereich liegen und Bluebyte somit egal sein.
Stuttgarter hat geschrieben:
8. Mai 2019, 12:30
Es wird aber jeder Actionfilm gewaltig aufs Maul bekommen, der eine fragwürdige historische - also in diesem Fall: verharmlosend-beschönigende - Darstellung liefert. :)
Naja... praktisch jeder historische Actionfilm klammert unschöne Aspekte der Zeitepoche aus.
Viele 2. Weltkrieg Filme klammern den Holocaust aus und konzentrieren sich auf andere Aspekte.

Es fällt mir schwer, das als legitime Kritikpunkte anzuerkennen.

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Re: Runde 212: Anno dazumal?

Beitrag von Giovanni » 8. Mai 2019, 13:38

Stuttgarter hat geschrieben:
8. Mai 2019, 12:06

Moment mal, ich dachte, Spiele wollen Kunst sein? Dann muss man nachgerade von ihnen verlangen, unbequem zu sein, Risiken einzugehen, sich mit Teilen der Gesellschaft anzulegen. Sonst haben wir den berühmten Unterschied zwischen "Kunst" und "Kunsthonig".
Na ja, wie echtschlecht165 schon so schön gesagt hat, war Anno schon immer der Rosamunde-Pilcher-Roman unter den Aufbauspielen, der lebendig gewordene Schrebergartensimulator. Das wäre in etwa so, als ob man Groschenromanen jetzt plötzlich vorwirft, dass sie den Betrieb eines Krankenhauses oder das eheliche Zusammenleben im Mittelalter nicht historisch korrekt abbilden würden. Man kann Bedauern, dass Spiele sich dessen noch nicht angenommen haben, aber das jetzt nach 20 Jahren auf einmal von der Anno-Serie zu verlangen ist ein bisschen weit hergeholt. Und zu sagen, Anno wäre geschichtspädagogisch geradezu gefährlich? Die Leute, die ohnehin schon ein verklärtes Bild vom Kolonialismus haben, würden so eine potentielle Sklavenverschiffungs-Plantagenbesitzersimulation ohnehin nicht anrühren und sich etwas anderes suchen.
Wenn man möchte, könnte man Anno doch wenigstens auf der historiografischen Meta-Metaebene eines zubilligen: Anno 1800 bildet den Kolonialismus in etwa so ab, wie wir glauben, dass ihn das europäische Bürgertum im 19. Jahrhundert verklärt wahrgenommen hat: Weichgespült, exotisch und voller Abenteuer. Anno als angewandte Mentalitätsgeschichte, sozusagen.

Geschichtliche Auseinandersetzung mit der Sklaverei
Bild

Anno 1800
Bild
Zuletzt geändert von Giovanni am 8. Mai 2019, 14:17, insgesamt 2-mal geändert.

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Re: Runde 212: Anno dazumal?

Beitrag von DexterKane » 8. Mai 2019, 13:56

Und gerade 2070 ist ein schönes Beispiel dafür, warum man das nicht mehr macht.
Wo die „packende“ Geschichte um Thor Strindtberg mir nahelegt, dass Umweltverschmutzung ja ganz, ganz doll doof ist.
Wo die bösen Kapitalisten Schnaps und Burger als Grundbedürfnisse haben während die guten Ökos Tee trinken und Bio-Sushi essen.
NEIN, wie hätte ich bloß ahnen sollen, dass Umweltverschmutzung schlecht ist, hätte mich diese Seifenoper auf Captain Planet Niveau nicht darauf aufmerksam gemacht.
Gott sei Dank werden hier die unbequemen Themen aufgegriffen! Wer Sarkasmus findet darf ihn behalten.

Wenn der „unbequeme“ Umgang mit dem Thema auf diesem Level erfolgt, dann danke, aber nein danke!
Ob der Warenkreislaufsimulator Anno Kunst sein will, wage ich gelinde gesagt auch zu bezweifeln…
Relax, it's North-Korea. The nation state equivalent of the short-bus. - Sterling Archer

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Re: Runde 212: Anno dazumal?

Beitrag von echtschlecht165 » 8. Mai 2019, 14:09

DexterKane hat geschrieben:
8. Mai 2019, 13:56
Und gerade 2070 ist ein schönes Beispiel dafür, warum man das nicht mehr macht.
Wo die „packende“ Geschichte um Thor Strindtberg mir nahelegt, dass Umweltverschmutzung ja ganz, ganz doll doof ist.
Wo die bösen Kapitalisten Schnaps und Burger als Grundbedürfnisse haben während die guten Ökos Tee trinken und Bio-Sushi essen.
NEIN, wie hätte ich bloß ahnen sollen, dass Umweltverschmutzung schlecht ist, hätte mich diese Seifenoper auf Captain Planet Niveau nicht darauf aufmerksam gemacht.
Gott sei Dank werden hier die unbequemen Themen aufgegriffen! Wer Sarkasmus findet darf ihn behalten.

Wenn der „unbequeme“ Umgang mit dem Thema auf diesem Level erfolgt, dann danke, aber nein danke!
Ob der Warenkreislaufsimulator Anno Kunst sein will, wage ich gelinde gesagt auch zu bezweifeln…
:lol: :lol:

Zustimmung einerseits.
Aber ich mag die Kampagne dennoch. Es ist ein Haufen von Klischees, aber mich stört es nicht. Und wie die Welt immer dreckiger wird, ist cool umgesetzt. Anno ohne Klischees? Wo kämen wir da hin.
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