Nachgeforscht: Wissenschaftliche Studien verstehen - Teil 1&2

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Elfant
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Nachgeforscht: Wissenschaftliche Studien verstehen - Teil 1&2

Beitrag von Elfant » 11. Jun 2019, 17:16

Ich empfand die Folge jetzt als weniger interessant, aber sie gibt schon einmal eine gute Einführung ins Thema. Mein mangelhaftes Interesse begründet sich in einer autodidaktisch Beschäftigung und dem Hören wissenschaftlich geprägter Podcasts. Zusätzlich hätte ich eine aktuellere Studie gerade im Kontext der WHO Entscheidung zur "Videospielsucht" interessanter gefunden.

Wie liest ein dummes Schwein wie ich eigentlich Studien?
Fangen wir mit der Frage an, wie kommt man eigentlich an Studien ran? Wenn man nicht gerade Zugriff auf eine Unibibliotheken hatte, waren die legalen Wege kostspielig. Entweder wendete man sich dann an Bekannte mit Zugriffsrechten oder man versuchte es über Schattenbibliotheken. Öffentlich einsehbare Magazine, bei denen der Autor für die Veröffentlichung bezahlt, war hingegen fast immer Mist. Die frei veröffentlichten "richtigen" Studien waren in meiner Wahrnehmung eher Einzelfälle.
Heute ist diese Ratio nur noch bedingt haltbar, den es gibt zum Beispiel politische Bewegungen in Europa, daß geförderte Studien für den Steuerzahler verfügbar sein müssen und auch Teile der wissenschaftlichen Gesellschaft lehnen die "Geldmacherei" der Verlage ab, aber gleichzeitig ist der aberkannte Statuswert einer Studie in bestimmten Magazinen immer noch sehr hoch.

Jetzt haben wir die Studie in der Hand und machen uns ein paar Gedanken zum Überprüfungsprozess. Im Allgemeinen prüfen Wussenschaftler mit dem gleichem oder zumindest einem ähnlichen Feld die Studien. Ein Großteil davon erledigt diese Arbeit auch gewissenhaft, aber das System ist lückenhaft. Im Podcast wird davon schon etwas angedeutet. Es gibt durchaus schon einen akademischen Druck selbst zu forschen und die Erkenntnisse zu veröffentlichten, der Prüfprozess wird aber weder honoriert noch wird der Name des Prüfers veröffentlicht. Die Person wendet also Zeit für etwas auf, was ihr nichts bringt, weil es der Verhaltenskodex erfordert, während sie selbst vielleicht anderes zu tun hätte. Damit verbundenen ist eine gewisse Art der "Autoritätsgläubigkeit". Die Studie einer Koryphäe wird wahrscheinlich weniger eine Bearbeitung unterzogen als von einer von einem normalen Kollegen. Es wäre also interessant zu wissen, warum das Vorwort nicht neutraler gefordert wurde.

Beim Lesen selbst geht es mir dann wie André: Was weiß ich wirklich? Welche Reverenzstudien oder Fachwörter muss ich nachlesen? Kann ich Statistiken samt den Rohdaten verstehen und auswerten? Verstehe ich den Aufbau zur Datenerhebung? Kann ich den Schlüssen logisch folgen?
Gerade die letzten beiden Punkte sind relativ schwer. Von Natur aus nicht weiß, wie man solche Testreihen überprüfbar sowie reproduzierbar aufbaut. Spätestens bei empirischen Studien bringt mich auch der gesunde Menschenverstand nicht unbedingt weiter. Im Fall von diesem Podcast wäre es das Beispiel der Aggressionsmessung über Blutdruck oder Eiswasser. In anderen Fällen muss ich wissen, welche Tiere oder Pflanzen typische Modellsysteme sind.

foren_sic
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Re: Nachgeforscht: Wissenschaftliche Studien verstehen - Teil 1

Beitrag von foren_sic » 12. Jun 2019, 09:38

Da ihr gegen Dienste wie Castbox vorgeht, die eine Paywall mit gesammelten Nutzerdaten in der Cloud umgehen können, interessiert mich, warum ihr das Paper über Sci-Hub verlinkt? Ein Dienst, der mit Uni-Accounts und Proxys arbeitet, um Paywalls von Verlagen zu umgehen und Zugang zu Journals über fremde Accounts ermöglicht.

Dürfte man einen Beitrag über eure Paywall-Inhalte machen und diese per Castbox.fm oder andere *.fm-Seiten verlinken, damit sie auch problemlos gehört werden können?

biaaas
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Re: Nachgeforscht: Wissenschaftliche Studien verstehen - Teil 1

Beitrag von biaaas » 12. Jun 2019, 10:30

Der Vergleich hinkt doch sehr, kann mich nicht daran erinnern das der Podcast, wie die meiste Grundlagenforschung, durch öffentliche Mittel finanziert ist. Aber die Diskussion um Open Acces und das Geschäftsgebaren der großen Wissenschaftsverlage sollten wir hier nicht führen.
@Andre: Da scihub eine rechtliche Grauzone ist, solltet ihr eventuell einen legalen Link benutzen.

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Sakesleg
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Re: Nachgeforscht: Wissenschaftliche Studien verstehen - Teil 1

Beitrag von Sakesleg » 12. Jun 2019, 16:02

foren_sic hat geschrieben:
12. Jun 2019, 09:38
Da ihr gegen Dienste wie Castbox vorgeht, die eine Paywall mit gesammelten Nutzerdaten in der Cloud umgehen können, interessiert mich, warum ihr das Paper über Sci-Hub verlinkt? Ein Dienst, der mit Uni-Accounts und Proxys arbeitet, um Paywalls von Verlagen zu umgehen und Zugang zu Journals über fremde Accounts ermöglicht.

Dürfte man einen Beitrag über eure Paywall-Inhalte machen und diese per Castbox.fm oder andere *.fm-Seiten verlinken, damit sie auch problemlos gehört werden können?
Damit dieser Vergleich passt müsste The Pod aus Steuermitteln finanziert sein. Dann müsste The Pod Geld dafür bezahlen um ihre Episoden auf einer Plattform zu hochzuladen, diese Plattform würde nun andere Podcaster unbezahlt die Episoden anhören und bewerten lassen. Danach würde die Plattform die Episoden nur gegen sehr hohe Gebühren zugänglich machen. Wäre all das gegeben hätten die Jungs von The Pod bestimmt nichts dagegen wenn man die Paywall umgehen würde.

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Andre Peschke
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Re: Nachgeforscht: Wissenschaftliche Studien verstehen - Teil 1

Beitrag von Andre Peschke » 12. Jun 2019, 16:16

foren_sic hat geschrieben:
12. Jun 2019, 09:38
Da ihr gegen Dienste wie Castbox vorgeht, die eine Paywall mit gesammelten Nutzerdaten in der Cloud umgehen können, interessiert mich, warum ihr das Paper über Sci-Hub verlinkt?
Das war ein Fehler. Link entfernt.

Andre

Rick Wertz
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Re: Nachgeforscht: Wissenschaftliche Studien verstehen - Teil 1

Beitrag von Rick Wertz » 12. Jun 2019, 16:19

foren_sic hat geschrieben:
12. Jun 2019, 09:38
Da ihr gegen Dienste wie Castbox vorgeht, die eine Paywall mit gesammelten Nutzerdaten in der Cloud umgehen können, interessiert mich, warum ihr das Paper über Sci-Hub verlinkt? Ein Dienst, der mit Uni-Accounts und Proxys arbeitet, um Paywalls von Verlagen zu umgehen und Zugang zu Journals über fremde Accounts ermöglicht.

Dürfte man einen Beitrag über eure Paywall-Inhalte machen und diese per Castbox.fm oder andere *.fm-Seiten verlinken, damit sie auch problemlos gehört werden können?
Der Vergleich hinkt, denn die Autoren der Papers sind nicht jene, welche an der Paywall verdienen, sondern die Verlage. Im Allgemeinen hat ein Autor eines Papers immer Interesse daran, dass seine wissenschaftliche Arbeit von möglichst vielen Menschen wahrgenommen wird. Die Verlage nutzen ihre zentrale Position als Anbieter von Reputation aus, obwohl auch das Peer Review nicht bezahlt wird und die Reviewer von Autoren vorgeschlagen werden.

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Blaight
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Re: Nachgeforscht: Wissenschaftliche Studien verstehen - Teil 1

Beitrag von Blaight » 12. Jun 2019, 16:43

foren_sic hat geschrieben:
12. Jun 2019, 09:38
Da ihr gegen Dienste wie Castbox vorgeht, die eine Paywall mit gesammelten Nutzerdaten in der Cloud umgehen können, interessiert mich, warum ihr das Paper über Sci-Hub verlinkt? Ein Dienst, der mit Uni-Accounts und Proxys arbeitet, um Paywalls von Verlagen zu umgehen und Zugang zu Journals über fremde Accounts ermöglicht.

Dürfte man einen Beitrag über eure Paywall-Inhalte machen und diese per Castbox.fm oder andere *.fm-Seiten verlinken, damit sie auch problemlos gehört werden können?
Ich kenne in meinem Wissenschaftsbereich keinen Autoren, der einem eine Veröffentlichung nicht als PDF zukommen lässt, wenn man zB über Researchgate nett fragt.
Die Wissenschaftsverlage leisten meiner Ansicht nach keinen großen Beitrag zum wissenschaftlichen Weiterkommen.

foren_sic
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Re: Nachgeforscht: Wissenschaftliche Studien verstehen - Teil 1

Beitrag von foren_sic » 12. Jun 2019, 21:06

Blaight hat geschrieben:
12. Jun 2019, 16:43
foren_sic hat geschrieben:
12. Jun 2019, 09:38
Da ihr gegen Dienste wie Castbox vorgeht, die eine Paywall mit gesammelten Nutzerdaten in der Cloud umgehen können, interessiert mich, warum ihr das Paper über Sci-Hub verlinkt? Ein Dienst, der mit Uni-Accounts und Proxys arbeitet, um Paywalls von Verlagen zu umgehen und Zugang zu Journals über fremde Accounts ermöglicht.

Dürfte man einen Beitrag über eure Paywall-Inhalte machen und diese per Castbox.fm oder andere *.fm-Seiten verlinken, damit sie auch problemlos gehört werden können?
Ich kenne in meinem Wissenschaftsbereich keinen Autoren, der einem eine Veröffentlichung nicht als PDF zukommen lässt, wenn man zB über Researchgate nett fragt.
Die Wissenschaftsverlage leisten meiner Ansicht nach keinen großen Beitrag zum wissenschaftlichen Weiterkommen.
Und die Frage bleibt. Warum nicht die von Bushman hochgeladene akzeptierte Version der Studie in Researchgate verlinken? Nun ist gar nichts verlinkt :|

PDF: https://www.researchgate.net/publicatio ... e_Violence

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Re: Nachgeforscht: Wissenschaftliche Studien verstehen - Teil 1

Beitrag von Andre Peschke » 12. Jun 2019, 21:10

foren_sic hat geschrieben:
12. Jun 2019, 21:06
Und die Frage bleibt. Warum nicht die von Bushman hochgeladene akzeptierte Version der Studie in Researchgate verlinken?
Deinen Beitrag gesehen. Wenig Zeit. Erstmal entfernt.

Ausgetauscht gegen den anderen Link. Danke! :)

Andre

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Blaight
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Re: Nachgeforscht: Wissenschaftliche Studien verstehen - Teil 1

Beitrag von Blaight » 12. Jun 2019, 21:54

Ouch haben die Heinis Impact Factors...

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Re: Nachgeforscht: Wissenschaftliche Studien verstehen - Teil 1

Beitrag von Lars Rühmann » 13. Jun 2019, 17:38

... Die Folge fand ich übrigens sehr gut. :D

eXodus
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Re: Nachgeforscht: Wissenschaftliche Studien verstehen - Teil 1

Beitrag von eXodus » 14. Jun 2019, 13:24

Vielen Dank für die Folge. Höre gerade Teil 1 und bin total gespannt, WEIL:

Als ich Erstsemester (oder Zweitsemester) Psychologie war, kam Brad Bushman zu uns nach Trier an die Uni um seine Forschung vorzustellen, das war 2008, also nicht sooo lang nach seiner besprochenen Studie im Podcast.

Im Hörsaal ist er danach regelrecht ins Kreuzfeuer von jungen, motivierten StudentInnen geraten, die kein gutes Haar an seiner Forschung gelassen haben :D
Dazu muss man sagen, dass wir in Trier eine ganz gute statistische Grundausbildung genießen durften und unser Dozent uns auch ein bisschen motiviert hat, unser frisch erworbenes Wissen auch anzuwenden.
In der Vorlesung nach dem Talk meinte er dann, er fand es ganz toll, dass wir so engagiert waren, aber dass wir vielleicht etwas netter hätten sein sollen, der arme Bushman sei sehr deprimiert gewesen, dass die deutschen Studenten alle so feindselig auf ihn reagiert hätten.
Im Nachhinein tats mir auch ein bisschen leid, aber naja, wir waren jung und wollten zeigen was wir drauf haben.

Rückblickend erinnere ich mich noch daran, dass die Studie versuchsplanerisch ganz solide aufgebaut und ausgewertet wurde, aber die Operationalisierung und externe Validität der Ergebnisse mir höchst zweifelhaft erschienen - allerdings hab ich die Studie seither auch nicht mehr angeschaut. Ich bin freu mich schon drauf, später etwa 10 Jahre später nochmal drauf zu schauen und folge interessiert Helges und Andres Beobachtungen.

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bluttrinker13
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Re: Nachgeforscht: Wissenschaftliche Studien verstehen - Teil 1

Beitrag von bluttrinker13 » 14. Jun 2019, 17:41

Interessant, dass ihr euch da rantraut, und auch was hier so zu lesen steht. Ich bin offenkundig nicht der einzige hier, der den peer review Prozess von beiden Seiten (Autor & Reviewer) auch beruflich kennt? ;)

Ein paar Anmerkungen zu den Inhalten der Folge noch:
Es sei angemerkt das Brad Bushman's methodische Genauigkeit schon des öfteren in Zweifel gezogen wurde, unter anderem auch von Malte Elson der (wenn ich mich richtig erinnere) mal bei Sebastian im Magazin zu Gast war und davon berichtete wie er eine Bushman Studie als fehlerhaft kodiert/ausgewertet nachwies (was zur retraction führte und einen ganzen weiteren Rattenschwanz und Kontroverse
Hier mal zum Nachlesen dazu, recht aktuell wie's scheint: http://www.the100.ci/2018/09/27/the-fai ... ted-study/

Das jede Uni White- und Blacklists über Journals führt, wäre mir neu. Im Gegenteil, die klassischen und verlässlichen Journale sind in jeder Disziplin klar und bekannt (wie das Journal of Experimental Social Psychology). Schwierig wird es bei der aktuellen Schwemme von rein digitalen Open Access Journals. Hier sind sich viele (gerade junge) Kollegen immer wieder unsicher was man wie wo veröffentlichen kann ohne auf ein "predatory journal" zu treffen. Da gibt es noch keine klaren Kriterien und einige Kontroversen (bspw über Frontiers, ein sehr großes OA-Journal mit vielen renommierten Autoren, dass aber bezahlt werden will).

Um Journals zu beurteilen würde ich:
1) immer auf die Homepage gehen, nach Verlag und Impactfactor suchen. Ist ersteres einer der Großen, wie Springer, Elsevier oder Sage, ist das ein gutes Zeichen. Ist zweiteres offen angegeben und um 1 oder >1 (bis hin zu 2stellig) so ist das ein gutes Zeichen, denn diese Metrik zeigt den Impact des Journals in der scientific community über, vereinfacht gesagt, Zitationshäufigkeiten an.
2) auf ranking Datenbanken schauen wo und ob das Journal da gelistet ist. Bspw SJR: https://www.scimagojr.com/journalrank.php
3) gibt es listings in einschlägigen Datenbanken die Professionell sind, aber das ist evt zu abgehoben. Das Journal sollte in jedem Falle im Web of Science und/oder bei PubMed gelistet sein (https://de.wikipedia.org/wiki/Web_of_Science).

Um die Qualität einer kontroversen Studie wirklich gut beurteilen zu können, würde ich auch immer nach Widerspruch suchen, also späteren Papern anderer Autoren die die vorliegenden aufgreifen, kritisieren, oder neu bewerten. So stößt man bei Anderson und Bushman schnell auf den ebenfalls schon mal im Podcast genannten Christopher Ferguson und seine (mE schlüssige) Kritik an deren komplettem Paradigma. Oft drucken Journals bei sehr kontroversen Themen auch direkt in derselben Ausgabe sogenannte "Comments" wo andere Autoren gleich das Paper auseiandernehmen. :D

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Blaight
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Re: Nachgeforscht: Wissenschaftliche Studien verstehen - Teil 1

Beitrag von Blaight » 14. Jun 2019, 21:24

Sehr coole Sache mal tatsächlich eine wissenschaftliche Studie zu beleuchten. Was mir so ein bisschen gefehlt hat bei der Erläuterung der Diskussion, ist dass die nicht nur da ist um dann den erzielten Messergebnissen Sinn zu geben, sondern auch die eigene Forschung in existierende Forschung zu rahmen: womit stehen die Ergebnisse im Einklang, wo widersprechen sie bereits etablierten Studienergebnissen. Warum kann das so sein, welche Probleme ergeben sich aus der Methodik etc. Ein Paper, was gar nicht den Anspruch hat die eigenen Ergebnisse auch kritisch zu diskutieren, wirkt sehr nach Agenda.

Das zweite, was mir gerade bei dieser Studie fehlt, ist Kontext.
In welchem Kontext wende ich im Spiel Gewalt an? Ist es rein kompetitiv, meistere ich nur eine Spielmechanik? Rette ich als Held die Hilflosen? Bin ich auf einem Max Payne artigen Rachefeldzug mit Dachlattenemotion? Oder foltere ich als Trevor in GTA IV einen offensichtlich unschuldigen Zeugen? Das gleiche gilt für ein Gewaltvideo: Sehe ich einen Boxkampf, bei dem die Freiwilligkeit der Gewalt für alle Parteien klar ersichtlich ist? Sehe ich wie ein Gefangener zu Tode gequält wird (ich werde dieses Video aus meiner Anfangszeit im Internet nie vergessen können) oder sehe ich ein Schulhofvideo wie der Klassenbully widererwarten vom Nerdkind KO gehauen wird? Oder müsste man in diesem Fall für die Probanden sogar eine Art Schauspiel inszenieren, dass zwei Menschen im Versuchslabor plötzlich aufeinander eindreschen (zwei unterbezahlte PhDs zB), damit sich die Probanden tatsächlich einer Gewaltsituation ausgesetzt fühlen.

Gewalt ist so stark kontextualisiert in unserer Gesellschaft, auch ob man sie als prosozial empfindet. Ermutigt mich das Spielen eines Helden vll sogar in einer Situation, in der Zivilcourage gefragt ist, mich prosozial einzusetzen? Bin ich nachher desensibilisiert und verfalle etwas weniger in Panik, wenn neben mir auf einmal die Fäuste fliegen? Kann ich dann eher ruhig bleiben?

Eine geringere Stressreaktion, wenn man Adrenalin darauf runterbricht, auf Gewalt kann ich nicht direkt mir asozialerem Verhalten assoziieren oder ich bräuchte Studien, die mir das belegen. Und dann bräuchte ich da den Kontext der Studien!

Bei so vielen ungeklärten Fragen, stört es mich, dass hier Wirkungen auf Sozialverhalten abgeleitet werden, vorallem mit diesen Methoden. Gibt es in dem Bereich eigentlich fMRT Studien?

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bluttrinker13
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Re: Nachgeforscht: Wissenschaftliche Studien verstehen - Teil 1

Beitrag von bluttrinker13 » 14. Jun 2019, 22:33

Blaight hat geschrieben:
14. Jun 2019, 21:24
...
Das zweite, was mir gerade bei dieser Studie fehlt, ist Kontext.
In welchem Kontext wende ich im Spiel Gewalt an? Ist es rein kompetitiv, meistere ich nur eine Spielmechanik? Rette ich als Held die Hilflosen? Bin ich auf einem Max Payne artigen Rachefeldzug mit Dachlattenemotion? Oder foltere ich als Trevor in GTA IV einen offensichtlich unschuldigen Zeugen? Das gleiche gilt für ein Gewaltvideo: Sehe ich einen Boxkampf, bei dem die Freiwilligkeit der Gewalt für alle Parteien klar ersichtlich ist? Sehe ich wie ein Gefangener zu Tode gequält wird (ich werde dieses Video aus meiner Anfangszeit im Internet nie vergessen können) oder sehe ich ein Schulhofvideo wie der Klassenbully widererwarten vom Nerdkind KO gehauen wird? Oder müsste man in diesem Fall für die Probanden sogar eine Art Schauspiel inszenieren, dass zwei Menschen im Versuchslabor plötzlich aufeinander eindreschen (zwei unterbezahlte PhDs zB), damit sich die Probanden tatsächlich einer Gewaltsituation ausgesetzt fühlen.
Vollkommen richtig, aber wie auch im podcast erwähnt, die betreffenden Autoren haben / hatten definitiv eine vorgefasste Meinung zu Violent Video Games (VVG), und sind einfache Experimentalpsychologen, d.h. simple, gut kontrollierbare Querschnittsdesigns. Was erwartest du da? Die haben gezeigt was sie zeigen wollten und fertig. ;)
Grand Theft Childhood von Harvard und andere Studien haben demgegenüber den Kontext und den Längsschnitt versucht einzubeziehen. Die sind aber eben auch (wahrscheinlich) nicht mit einer Agenda hinsichtlich VVG herangegangen.
Blaight hat geschrieben:
14. Jun 2019, 21:24
Bei so vielen ungeklärten Fragen, stört es mich, dass hier Wirkungen auf Sozialverhalten abgeleitet werden, vorallem mit diesen Methoden. Gibt es in dem Bereich eigentlich fMRT Studien?
Das stört nicht nur dich. Das hat mich und verschiedenste Kollegen schon immer abgefuckt (vlg. Ferguson).

Das mit den fMRI Studien finde ich aber lustig. Was soll das denn zeigen? Manche Leute denken ja, nur weil's physiologisch ist sei es auch eine "härtere" Messung. Dass das oftmals (natürlich nicht immer, fMRI ist eine an sich starke Messmethode wenn richtig eingesetzt) Quatsch ist zegt doch schon der Hautleitwert oder die heart rate variability. Blutverteilung / Sauerstoff im Gehirn --> Aggression im Alltag ist in vielen Dingen noch ein viel weiterer leap / Sprung, als der Chilitest und die Eiswasser task.
Nein, wenn wir hier was brauchen sind das kontextbezogene, langzeiteruierte real-life measures. Aber nicht noch mehr fMRI Studien. 8-)

Edit: Sry, falls ich dir damit den Ruf nach mehr fMRI quasi unterstellt habe, das hast du natürlich nicht gesagt. Ich würde vermuten das soetwas schon existiert, würde aber aus oben genannten Gründen nicht erwarten das solcherart Studien die Debatte groß weitergebracht haben. Wie du schon richtig festgestellt hast ist was Studien in diesem Bereich fehlt - Kontext, und Realitätsnähe. Beides kann die Neurologie gar nicht liefern.

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Re: Nachgeforscht: Wissenschaftliche Studien verstehen - Teil 1

Beitrag von Blaight » 14. Jun 2019, 23:13

bluttrinker13 hat geschrieben:
14. Jun 2019, 22:33


Edit: Sry, falls ich dir damit den Ruf nach mehr fMRI quasi unterstellt habe, das hast du natürlich nicht gesagt. Ich würde vermuten das soetwas schon existiert, würde aber aus oben genannten Gründen nicht erwarten das solcherart Studien die Debatte groß weitergebracht haben. Wie du schon richtig festgestellt hast ist was Studien in diesem Bereich fehlt - Kontext, und Realitätsnähe. Beides kann die Neurologie gar nicht liefern.
http://prefrontal.org/files/posters/Ben ... n-2009.pdf

Nope. Not here...

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Re: Nachgeforscht: Wissenschaftliche Studien verstehen - Teil 1

Beitrag von Andre Peschke » 14. Jun 2019, 23:19

Blaight hat geschrieben:
14. Jun 2019, 23:13
Nope. Not here...
Ich vermute, das ist der Lachs, den Throsten Quandt in unserem Gespräch über Spielesucht auch erwähnt hat? :D

(https://www.gamespodcast.de/2017/07/17/ ... pielsucht/)

Andre

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Re: Nachgeforscht: Wissenschaftliche Studien verstehen - Teil 1

Beitrag von Blaight » 14. Jun 2019, 23:25

Der ist total berühmt, da er auch einen IG Nobelpreis bekommen hat.

Ich habe selber mal MATLAB programmiert um FMRI Daten auszuwerten...das ist schon was andere als wenn man zellbiologische Daten erhebt.

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Re: Nachgeforscht: Wissenschaftliche Studien verstehen - Teil 1

Beitrag von bluttrinker13 » 15. Jun 2019, 00:20

Der Lachs veranschaulicht ja ebenfalls schön was schon Bushman et al. und vielen anderen (Stichwort Daryl Bem, PSI Paper) auf die Füße gefallen ist: wende Inferenzstatistik falsch an und du bekommst alle möglichen Ergebnisse, nur eben keine stichhaltigen. :D

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Re: Nachgeforscht: Wissenschaftliche Studien verstehen - Teil 1

Beitrag von Cupp » 15. Jun 2019, 15:27

Finde es spannend, dass ihr euch mit dem Thema beschäftigt und höre gerade die zweite Folge mit großem Spaß. Aber bei der Erklärung der P300 ist euch einiges durcheinander gelaufen. Jetzt sind so spezielle Parameter im EEG natürlich nicht ganz einfach zu erklären, aber das "P" steht hier nicht für den Ort der Messung (dafür gibt es andere "P"s :ugly: ) sondern dafür, dass bei etwa 300 Millisekunden ein positiver Ausschlag im sogenannten Ereigniskorrelierten Potential (EKP), einer bestimmten Methodik im EEG um die Reaktion auf einen bestimmten Reiz zu messen, beobachtet werden kann. Das EKP habt ihr, wenn ich mich nicht verhört habe, gar nicht erwähnt und natürlich soll das kein Podcast über elektrophysiologische Messungen sein, aber da war die Beschreibung leider so oberfächlich, dass sie streng genommen schon falsch war.

Trotzdem finde ich es wichtig und gut, dass ihr ein Thema wie das Lesen von wissenschaftlichen Studien aufgreift, denn viele haben da wirklich Probleme mit und gerade in Deutschland habe ich immer wieder den Eindruck gibt es fast nur noch die Extreme: entweder wird alles geglaubt, was Menschen in weißen Kitteln herausgefunden haben wollen, oder alles wird sofort angezweifelt und abgelehnt.

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