Runde #235: Eine Verteidigung des Eskapismus

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DexterKane
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Re: Runde 235: Eskapismus

Beitrag von DexterKane »

xaan hat geschrieben:
8. Okt 2019, 11:46
Davon abgesehen frage ich mich schon woher z.B. Reichsbürger denn eigentlich kommen, wenn denn nicht gerade dadurch, dass eine verzerrte Geschichtsdarstellung innerhalb der Filterbubble einiger Leute so stark vertreten war, dass es deren Bild der Geschichte so sehr geprägt hat, dass sie dieses Bild sogar gegen den durch Quellen belegbaren gesellschaftlichen Konsens verteidigen.

So ein Effekt entsteht natürlich nicht durch ein einziges Anno. Aber er kann entstehen, wenn unsere gesamte mediale Wahrnehmung nur noch eine verzerrte Realität enthält und gleichzeitig keine aufklärenden Artikel existieren, die das richtig stellen. Artikel wie der von Dom Schott. Der erfüllt seine Funktion allein schon dadurch, dass er existiert und über Google auffindbar und verlinkbar ist.
Aus der gleichen Ecke, in der Leute sagen: „ Der N-Wort schnackselt gern und deshalb droht der Volkstod“
Aus der Ecke, wo der Pegidist auf den niedrigen Ausländeranteil angesprochen mit der Dunkelziffer argumentiert.

Nichts für ungut, aber das halte ich für eine völlig andere Baustelle und dadurch, dass man die Problematik von Anno in eine Reihe mit P.I. News und co. setzt verharmlost man eher das eigentliche Problem, als die Missstände möglichst früh aufzugreifen.
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Axel
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Re: Runde 235: Eskapismus

Beitrag von Axel »

Hegelkant hat geschrieben:
8. Okt 2019, 10:23
Mir geht es hauptsächlich um einen anderen Aspekt, nämlich Eskapismus *ohne* Anlass (sozusagen den Anfangspunkt dieser Schleife). Angenommen, das Leben ist völlig intakt, der Job ist stressfrei, aber es gibt halt Sachen im Haushalt zu tun oder Freunde, bei denen man sich schon lange mal wieder melden wollte. Oder eine Vereinssitzung, in der man sich engagieren könnte. Aber es gibt eben auch den Fernseher mit Netflix und den PC mit einem Steam-Account. Und dass *an dieser Stelle* immer mehr Fernseher und PC gewinnen, dass man immer mehr prokrastiniert, das ist für mich der zentrale Punkt der Eskapismuskritik (oder Medienkonsum allgemein). Das Überangebot führt dazu, dass es immer ein Spiel oder eine Serie gibt, die gerade unmittelbar dein Belohnungszentrum im Hirn antriggert. Eskapismus ist dann keine rationale Entscheidung, die ein menschliches Bedürfnis befriedigt, sondern mangelnde Impulskontrolle. Man fühlt sich auch nicht wohler dadurch, sondern man hat am Ende ein schlechtes Gewissen, und man kann dem nur durch ein immer größeres Maß an Selbstdisziplin entgegenwirken.
Die Frage ist jetzt nur: Sprichst Du von einem direkten Fall? Oder einem hypothetischen Fall?

In jedem Fall: Nur weil etwas perfekt zu sein scheint, heißt es nicht, dass es auch ist. Und am Ende ist es auch einfach nur eine Charakterfrage. Es gibt einfach auch Menschen, die schlicht nicht so viel Kontakt suchen. Es gibt auch Menschen, die einfach unordentlich sind. Aber sie sind glücklich dabei. Ist es nicht das was zählt? Da schwingt mir ein wenig zu sehr eine Vorstellung mit, wie das Leben eines anderen Menschen auszusehen hat. Mal ein ganz simples Beispiel dafür: Ich kann meinen Aufwasch eine Woche lang stehen lasse - juckt mich nicht. Meine Freundin hält es nicht mal aus, dass ihr Aufwasch auch nur drei Stunden steht. Das muss SOFORT, am besten gestern noch, gemacht werden. Und das ist ja auch okay so. Jeder Mensch ist da einfach sehr unterschiedlich. Gehen wir also mal Deine Punkte durch:

- Haushalt: Irgendwann wird es diese eine Grenze geben, wo sich jemand unwohl fühlt. Er wird spätestens dann tätig. Sollte es nicht so sein, dann liegt ein tieferes Problem vor. Aber definitiv nicht der Eskapismus. Denn: Auch eine gerade sauber gemachte Wohnung befriedigt das Belohnungszentrum ungemein.
- Kontaktpflege: Hier muss man schauen. War der Mensch mal anders? Hat er früher mehr Kontakte gepflegt? Oder war er schlicht schon immer eher einzelgängerisch? Auch letzteres gibt es sehr häufig und muss nicht Zeichen irgendeiner Krankheit sein. Kann einfach auch nur Charakter sein. Die Frage ist: Wie fühlt er sich dabei? Und wie fühlt er sich dabei, wenn man ihn drauf anspricht? Das ist enorm Komplex alles und von Fall zu Fall radikal unterschiedlich!
- Hang zum Aufschieben: Auch das kann, nicht muss, eine Charaktereigenschaft sein. Es gibt ja so Leute, die sind ein wenig vergesslich, ein wenig dusselig. Und die einfach danach leben: Was ich heute nicht muss besorgen, kann ich auch morgen. Das hat es ganz unabhängig vom Medienkonsum auch schon immer gegeben. Auch hier: Führt es zu Problemen? Oder ist es einfach nur ein sehr gemütlicher Mensch? Beim letzteren sollte da ja kein Problem sein, oder?

Außerdem beachtest Du etwas nicht: Belohnungen sind in Dauerschleife nicht mehr Reizvoll. Also wenn ich ne Serie binge ist das geil. Ja, es belohnt mich. Aber: Danach habe ich dann auch erstmal genug. Genauso wenn ich in ein Spiel vertieft bin: Irgendwann verliert auch das tollste Spiel seinen Reiz. Die Belohnungsmechaniken wirken irgendwann nicht mehr. Und dann mache ich irgendwas anderes.

Was Du beschreibst sind viel mehr klassische Aspekte einer Mediensucht ganz allgemein. Und die gibt es, seit es Unterhaltungsmedien gibt. Das gibt es seit Jahrzehnten, spätestens seit es Fernsehgeräte gibt. Der Mensch wird immer irgendeine Sucht finden: Alkohol, Shopping, Putzen. Irgendwas. Eine Sucht ist aber nicht die Folge der Existenz des Dings wonach man süchtig ist. Sondern auch hier: Suchterkrankung hat in erster Linie tiefere Gründe. Und sei es irgendwas aus der Kindheit. Oder vielleicht ist doch nicht alles so perfekt wie es oberflächlich scheint.
„Kein Wunder also, dass wir uns den Debatten der Allgemeinheit anschließen und lieber darüber nachdenken, wer zu uns gehört und nicht, als gemeinsam über Lösungen zu streiten. Wer nicht für mich ist, ist gegen mich.“
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xaan
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Re: Runde 235: Eskapismus

Beitrag von xaan »

oilrumsick hat geschrieben:
8. Okt 2019, 11:54
Kannst du das bitte erläutern? Auch wenn mich das Thema interessiert, habe ich leider keine Zeit mir die 100 Studien von Peninsula durchzulesen. Gibt es gesicherte Ergebnisse zu beiden Wirkmechanismen (Die Auswirkung von Gewalt in Spielen und von Geschichtsdarstellung in Spielen), anhand derer man ablesen kann, dass sie funktionieren, wie sie funktionieren und dadurch auch, wie sie sich unterscheiden? Das würde mich tatsächlich sehr interessieren.

Grüße,
Rico
Ich bin da jetzt nicht belesener als du. Ich finde nur die Unterschiede sehr offensichtlich.
1: Was ist die Voraussetzung damit jemand in der Lage ist die Abstraktionsleistung erbringen zu können. Bei Gewalt: sehr gering. Man muss halt das Spiel als Spiel erkennen. Das tut man in der Regel schon allein daran, wie man es konsumiert - an einem Bildschrim mit Eingabegerät. Abwesenheit sonstiger psychischer Erkrankungen mal angenommen halte ich es für ausgeschlossen dass jemand ein Spiel spielt und nicht merkt, dass er ein Spiel spielt.
Bei Geschichte: sehr hoch. Es ist ein gewisser Grad an Bildung notwendig. Wer nicht über die realen Begebenheiten unterrichtet ist, der kann die im Medium vorkommenden Abweichungen von der Realität nicht als solche erkennen.

2: Effekt. Studien zum Effekt von Gewalt in Videospielen belegen ja oft einen sehr kurzfristigen Effekt. Z.B. gesteigerte Agression. Etwas, das sehr schnell wieder verfliegt. Ohne dass ich Studien zum Effekt von verzerrter Geschichte gelesen hätte würde ich behaupten: das gibt's hier nicht. Ein Effekt liegt hier ja in einem Mangel an Informationen begründet. Daher kann auch nur eine Behebung des Informationsdefizits den Effekt beenden.
DexterKane hat geschrieben:
8. Okt 2019, 12:06
Aus der gleichen Ecke, in der Leute sagen: „ Der N-Wort schnackselt gern und deshalb droht der Volkstod“
Aus der Ecke, wo der Pegidist auf den niedrigen Ausländeranteil angesprochen mit der Dunkelziffer argumentiert.

Nichts für ungut, aber das halte ich für eine völlig andere Baustelle und dadurch, dass man die Problematik von Anno in eine Reihe mit P.I. News und co. setzt verharmlost man eher das eigentliche Problem, als die Missstände möglichst früh aufzugreifen.
Da vermischt du jetzt aber die Motivation der Propagandisten mit dem Effekt einer verzerrten Geschichtsdarstellung in der Medienwelt. Der Effekt existiert ohne die Motivation dahinter. Er wird natürlich ausgenutzt von Menschen die damit Ziele verfolgen (z.B. eben AFD). Aber er existiert ohne diese Ziele und dessen Existenz ist vorraussetzung dafür, dass ein "zu Nutze machen" überhaupt möglich ist.
Zuletzt geändert von xaan am 8. Okt 2019, 12:46, insgesamt 1-mal geändert.

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Axel
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Re: Runde 235: Eskapismus

Beitrag von Axel »

xaan hat geschrieben:
8. Okt 2019, 12:29
Bei Geschichte: sehr hoch. Es ist ein gewisser Grad an Bildung notwendig. Wer nicht über die realen Begebenheiten unterrichtet ist, der kann die im Medium vorkommenden Abweichungen von der Realität nicht als solche erkennen.
Also tut mir leid. Aber das ist so an den Haaren herbeigezogen! Gibt es denn irgendjemanden, der noch nie von Sklaverei gehört hat? Der nicht weiß, dass es das mal gab? Der nicht zumindest die gröbsten Züge des Kolonialismus kennt? Also den Menschen zeig mir mal!
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Stuttgarter
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Re: Runde 235: Eskapismus

Beitrag von Stuttgarter »

Axel hat geschrieben:
8. Okt 2019, 12:45

Also tut mir leid. Aber das ist so an den Haaren herbeigezogen! Gibt es denn irgendjemanden, der noch nie von Sklaverei gehört hat? Der nicht weiß, dass es das mal gab? Der nicht zumindest die gröbsten Züge des Kolonialismus kennt? Also den Menschen zeig mir mal!
Für viele dürfte Sklaverei aber vor allem etwas sein, was die Amerikaner gemacht haben. Nicht die braven Europäer. Kann man unter anderem daran ablesen, dass von bestimmten Gestalten "die Sklaverei" sehr gern als Gegentrumpf zum Nationalsozialismus benutzt wird. "Aber die Amerikaner und ihre Sklaven?"

Und bei Kolonialismus sieht die Sache vermutlich tatsächlich so aus, dass man sehr gut durchs Leben gehen kann, ohne davon mal gehört zu haben. Oder zumindest, ohne zu wissen, was das konkret bedeutet hat. Wie geschrieben, ich bin nicht mal sicher, ob ich den am Gymnasium bei einer sehr guten Geschichtslehrerin innerhalb von sieben Jahren gelernt hab. Ob der dann vorkommt, wenn man aufgrund der kürzeren Schulzeit weniger Jahre zur Verfügung hat..? Ich hab aber natürlich keinerlei Ahnung, wie sich Lehrpläne in den letzten zwei Jahrzehnten entwickelt haben, ich rede zwangsläufig vom Lehrplan Baden-Württemberg 1992 - 1999.

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Hegelkant
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Re: Runde 235: Eskapismus

Beitrag von Hegelkant »

Axel hat geschrieben:
8. Okt 2019, 12:07
Die Frage ist jetzt nur: Sprichst Du von einem direkten Fall? Oder einem hypothetischen Fall?
Ich meinte eigentlich einen hypothetischen Fall, melde mich aber auch gerne freiwillig als direkten Fall (wollte ich eigentlich nicht, weil es ein der Regel ein eher schwaches Argument ist, von sich auf die Allgemeinheit zu schließen).

Wie dem auch sei: es gibt zwischen Alles-in-Ordnung und Es-gibt-ein-Problem noch Abstufungen. Eine Abstufung ist, dass ich nicht direkt ein Problem habe, aber mich schlecht fühle. Als ich aus Langeweile Candy-Crush auf dem Handy installiert hatte, hat das Spiel mich so reingezogen, dass ich vieles vernachlässigt habe, auch wenn ich es noch nicht als Sucht bezeichnen würde (eher als Impulskontrollstörung). Als ich es wieder deinstallierte (wozu ich mich zwingen musste, denn ich hatte ja schon Level 800 oder so erreicht), war es eine Befreiung.
Axel hat geschrieben:
8. Okt 2019, 12:07
Was Du beschreibst sind viel mehr klassische Aspekte einer Mediensucht ganz allgemein. Und die gibt es, seit es Unterhaltungsmedien gibt. Das gibt es seit Jahrzehnten, spätestens seit es Fernsehgeräte gibt. Der Mensch wird immer irgendeine Sucht finden: Alkohol, Shopping, Putzen. Irgendwas. Eine Sucht ist aber nicht die Folge der Existenz des Dings wonach man süchtig ist. Sondern auch hier: Suchterkrankung hat in erster Linie tiefere Gründe. Und sei es irgendwas aus der Kindheit. Oder vielleicht ist doch nicht alles so perfekt wie es oberflächlich scheint.
Ja, es sind klar Aspekte einer Mediensucht. Mag sein, dass es die schon seit Jahrzehnten gibt. Aber das ist kein Grund, das abzutun, denn hier gibt es meines Erachtens dadurch, dass durch die Vergrößerung des Angebots die Wahrscheinlichkeit größer wird, dass man durch irgendwas getriggert wird und "drinbehalten" wird, eine neue Qualität. Das gab es früher so nicht.
Es geht dabei auch nicht um Sucht als Krankheitsbild, sondern um die Impulskontrolle. Wenn man jemanden eine Schüssel Haribo vor die Nase stellt und sagt "iss soviel wie du willst", dann werden manche Leute zugreifen, manche aber auch nicht, weil sie keine Haribos mögen. Wenn du aber ein ganzes Büffet aufbaust an Süßigkeiten und Chips und Ähnlichem, dann werden immer mehr zugreifen, und je größer das Büffet, desto wahrscheinlicher ist auch was für dich dabei. Heute werden die Menschen immer tiefer analysiert und daraufhin immer neue Sachen zum Büffet gestellt. Natürlich sind die Süßigkeiten lecker, aber gesund sind sie nicht.
Und ich halte es für nicht unbedingt fair, dann zu sagen: "Es ist doch nicht meine Schuld, dass du dich so ungesund ernährst; ich hab die Süßigkeiten ja nur hingestellt, aber du musstest sie ja nicht essen."

Es ist diese Art von Eskapismus, die ich meine: die eskapistische Versuchung, der man aktiv widerstehen muss, was umso anstrengender ist, je größer die Versuchung ist.

xaan
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Re: Runde 235: Eskapismus

Beitrag von xaan »

Axel hat geschrieben:
8. Okt 2019, 12:45
Also tut mir leid. Aber das ist so an den Haaren herbeigezogen! Gibt es denn irgendjemanden, der noch nie von Sklaverei gehört hat? Der nicht weiß, dass es das mal gab? Der nicht zumindest die gröbsten Züge des Kolonialismus kennt?
Es gibt einen Unterschied zwischen "von Sklaverei gehört haben" und "sich bewusst sein wie groß der Anteil unseres gesellschaftlichen Reichtums auf Ausbeutung/Kolonialismus ist". Man kann durchaus mal von Sklaverei gehört haben und dennoch glauben, der Reichtum der westlichen Welt sei allein eine Leistung der hier angestammt lebenden Menschen - und von da ist es nur ein kleiner Schritt Menschen aus anderen Regionen eine wie auch immer geartete Unzulänglichkeit zu unterstellen.
Axel hat geschrieben:
8. Okt 2019, 12:45
Also den Menschen zeig mir mal!
Schau dir z.B. mal dieses Forenposting hier an. Klar, das ist jetzt aus dem Kontext der Diskussion rausgerissen. Aber mir geht es auch eher darum welches Argument da kommt und welche Annahmen man treffen muss bzw. welches Wissen einem fehlen muss um das Argument überhaupt bringen zu können.
https://forum.pcgames.de/kommentare-zu- ... st10253792

Späterer Punkt in der selben Diskussion: https://forum.pcgames.de/kommentare-zu- ... st10253968

Bei solchen "Argumenten" wird denke ich absolut offensichtlich: mit ausreichend Wissen über Geschichte, Gesellschaft und den Ursprängen wirtschaftlicher Macht wäre das nicht passiert. Nur um das Klarzustellen: den Menschen die ich da verlinke unterstelle ich nicht zwingend eine charakterliche Schwäche (wobei der im ersten Link nah dran ist). Sie hatten nur nicht Zugang zu ein paar Informationen die sie in diesem Moment gebraucht hätten um die Propaganda der sie erlegen sind als solche erkennen zu können.

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DexterKane
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Re: Runde 235: Eskapismus

Beitrag von DexterKane »

xaan hat geschrieben:
8. Okt 2019, 12:29
Da vermischt du jetzt aber die Motivation der Propagandisten mit dem Effekt einer verzerrten Geschichtsdarstellung in der Medienwelt. Der Effekt existiert ohne die Motivation dahinter. Er wird natürlich ausgenutzt von Menschen die damit Ziele verfolgen (z.B. eben AFD). Aber er existiert ohne diese Ziele und dessen Existenz ist vorraussetzung dafür, dass ein "zu Nutze machen" überhaupt möglich ist.
Was ich damit sagen wollte, dieses Problem bestünde a) auch ohne kritikwürdige Geschichtsdarstellung, weil die Propagandisten gezielt „Jagd“ auf dafür anfällige Menschen machen und b) liegt der Ursprung da mMn nicht in einem falschen Verständnis von Geschichte. Das falsche Geschichtsverständnis ist eher Nebenwirkung des eigentlichen Problems. Ich bin jetzt kein Experte, aber wenn ich mir Vitae von Extremisten angucke haben die ursächlich eher ihre soziale Situation als Problem und nicht fehlende Bildung.

Ich bin dabei, wenn man sagt, fehlende Bildung verschärft das Problem, aber gerade bei Reichsbürgern und co. bekämpft man so eher die Symptome als das Problem.
Und dadurch, dass man zwei verschiedene Schuhe in einen Topf wirft ist man mMn eher kontraproduktiv.
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DexterKane
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Re: Runde 235: Eskapismus

Beitrag von DexterKane »

Stuttgarter hat geschrieben:
8. Okt 2019, 12:59
Und bei Kolonialismus sieht die Sache vermutlich tatsächlich so aus, dass man sehr gut durchs Leben gehen kann, ohne davon mal gehört zu haben. Oder zumindest, ohne zu wissen, was das konkret bedeutet hat. Wie geschrieben, ich bin nicht mal sicher, ob ich den am Gymnasium bei einer sehr guten Geschichtslehrerin innerhalb von sieben Jahren gelernt hab. Ob der dann vorkommt, wenn man aufgrund der kürzeren Schulzeit weniger Jahre zur Verfügung hat..? Ich hab aber natürlich keinerlei Ahnung, wie sich Lehrpläne in den letzten zwei Jahrzehnten entwickelt haben, ich rede zwangsläufig vom Lehrplan Baden-Württemberg 1992 - 1999.
Das könnte tatsächlich ein Problem der unterschiedlichen Erfahrung sein.
Bei uns wurde in der Mittelstufe mit dem Altertum angefangen und dann langsam vorwärts bis zur Nachkriegszeit in 13.2.
Da bei uns der Kolonialismus in 12.1 lag, wo man noch nicht abwählen durfte(?), musste man schon agressiv Desinteresse zeigen um da nichts von mitzubekommen. Bei anderen Schulformen bin ich davon ausgegangen, dass das ebenfalls behandelt wird, nur aufgrund der 3 Jahre kürzeren Zeit weniger ausführlich.

Da das ja offensicthlich in anderen Bundesländern durchaus anders war, schockiert mich schon etwas.
Na ja, immerhin wieder was gelernt. :) Ich versuche eigentlich nicht, von mir auf andere zu schließen, aber hier hab ich wirklich gedacht, die Lehrpläne seien da einander relativ gleich.
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Re: Runde 235: Eskapismus

Beitrag von HerrReineke »

Axel hat geschrieben:
8. Okt 2019, 12:45
Also tut mir leid. Aber das ist so an den Haaren herbeigezogen! Gibt es denn irgendjemanden, der noch nie von Sklaverei gehört hat? Der nicht weiß, dass es das mal gab? Der nicht zumindest die gröbsten Züge des Kolonialismus kennt? Also den Menschen zeig mir mal!
Ich persönlich habe z.B. gestern Abend zufällig zum ersten Mal davon gehört (Eine Stunde History vom DlF Nova), dass es in Zoos (auch in Europa) bis in die 1950er sogenannte "Völkerschauen" gab - also platt gesprochen Menschen in Zoos ausgestellt worden sind. Ich hätte bei Anno 1800 die Darstellung der Zoos auch so nicht für besonders historisch akkurat gehalten - aber diese Dimension wäre mir vermutlich nicht in den Sinn gekommen. Ich kannte sowas bisher eigentlich nur im Zusammenhang mit "Freak-Shows".

Und natürlich habe ich von Sklaverei und den Grundzügen des Kolonianismus gehört. Aber ja - auch in meiner Schulbildung (Abi '09 NRW) kam das so gut wie gar nicht vor und war (hinsichtlich der Sklaverei) quasi auf Nordamerika / USA beschränkt.
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Re: Runde 235: Eskapismus

Beitrag von Stuttgarter »

DexterKane hat geschrieben:
8. Okt 2019, 13:42

Das könnte tatsächlich ein Problem der unterschiedlichen Erfahrung sein.
Bei uns wurde in der Mittelstufe mit dem Altertum angefangen und dann langsam vorwärts bis zur Nachkriegszeit in 13.2.
Da bei uns der Kolonialismus in 12.1 lag, wo man noch nicht abwählen durfte(?), musste man schon agressiv Desinteresse zeigen um da nichts von mitzubekommen. Bei anderen Schulformen bin ich davon ausgegangen, dass das ebenfalls behandelt wird, nur aufgrund der 3 Jahre kürzeren Zeit weniger ausführlich.

Da das ja offensicthlich in anderen Bundesländern durchaus anders war, schockiert mich schon etwas.
Na ja, immerhin wieder was gelernt. :) Ich versuche eigentlich nicht, von mir auf andere zu schließen, aber hier hab ich wirklich gedacht, die Lehrpläne seien da einander relativ gleich.
Bei uns gings in der siebten mit Alterum los - aber Ende der zehnten mussten wir in der Gegenwart angekommen sein. Elfte hat dann nochmal mit der französischen Revolution gestartet - und der LK hat dann eh andere Schwerpunkte gesetzt, keine Ahnung, wie's im GK war.

Das mit der zehnten Klasse ist übrigens nur auf den ersten Blick erstaunlich - der Gedanke dahinter dürfte gewesen sein, dass mit Abschluss der zehnten Klasse auch die Mittlere Reife erreicht wurde und somit die Schulpflicht vorbei war. Sprich, zu dem Zeitpunkt musste der Nationalsozialismus mindestens einmal erschöpfend behandelt worden sein.

Und die ganze Diskussion ist gar nicht so OT, wie es auf den ersten Blick vielleicht scheinen mag - zeigt sie doch wirklich sehr deutlich auf, dass man nicht von seiner eigenen Bildung auf die aller anderen schließen sollte.

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Schlagerfreund
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Re: Runde 235: Eskapismus

Beitrag von Schlagerfreund »

Zu mal es nicht zwingend darum geht "ob" jemand von Sklaverei weiß, sondern eher ob er die Auswirkungen kennt. Auswirkungen die auch heute noch unsere Gesellschaft zum Teil definieren. Gerade in der Schulbildung bleiben so Themen oft auch ziemlich abstrakt.

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Andre Peschke
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Re: Runde 235: Eskapismus

Beitrag von Andre Peschke »

DexterKane hat geschrieben:
8. Okt 2019, 13:42
Stuttgarter hat geschrieben:
8. Okt 2019, 12:59
Und bei Kolonialismus sieht die Sache vermutlich tatsächlich so aus, dass man sehr gut durchs Leben gehen kann, ohne davon mal gehört zu haben.
Das könnte tatsächlich ein Problem der unterschiedlichen Erfahrung sein.
Die Frage wäre ja dennoch: Warum wäre von einem Anno 1800 zu fordern, dass ausgerechnet dieses Spiel hier eine Nachsorge liefern soll? Also, mal angenommen es gäbe da ein erhebliches Informationsdefizit in der Bevölkerung. Weiter angenommen, dass würde auch zu unliebsamen Folgen führen wie Beschrieben ("Was geht uns Afrika an?" - auch wenn man meinen sollte, dass da Empathie ausreichen sollte, um die Frage zu beantworten). Diese Probleme hat ein Anno 1800 ja nicht verursacht. Bessert es die Situation? Sicher nicht. Aber verschlimmert es sie wirklich in erheblichem Maße?

Also a) Denken wir wirklich, dass Menschen ein Anno 1800 konsumieren und daraus den Schluss ziehen / in einer wie auch immer gearteten Unwissenheit bestärkt werden, dass es keinen Kolonialismus in Afrika gab? Trauen wir uns wieder nur zu, dass wir die nötige Kompetenz/Bildung besitzen, das Spiel nur als Spiel wahrzunehmen, aber "ja, die anderen..."?

b) Selbst wenn wir eine Verschlimmerung der angenommmenen Lage konstatieren, ist dann der Einfluss wirklich stark genug, dass es nötig wird hier eine "soll" / "muss" - Forderung an Anno 1800 zu formulieren? Glauben wir also, dass die Spieler die Desinformation eines Anno 1800 auch noch so ernst nehmen, dass es zu einer erheblichen Verhärtung problematischen Geschichtsverständnisses beiträgt?

Ich kann verstehen, wenn jemand sagt: "Ich glaube, da gibt es ein mangelndes Bewusstsein und es hätte mich ehrlich gefreut, wenn an dieser Stelle dazu beigetragen worden wäre, dieses Bewusstsein zu schärfen".

Aber wenn die Forderung dringender /drängender wird, dann bin ich doch arg im Zweifel ob hier nicht zum einen der Effekt überschätzt und der Mitmensch unterschätzt wird und andererseits nicht ohnehin an einem Symptom operiert werden soll.

Andre

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Re: Runde 235: Eskapismus

Beitrag von Stuttgarter »

Schlagerfreund hat geschrieben:
8. Okt 2019, 13:56
Zu mal es nicht zwingend darum geht "ob" jemand von Sklaverei weiß, sondern eher ob er die Auswirkungen kennt. Auswirkungen die auch heute noch unsere Gesellschaft zum Teil definieren. Gerade in der Schulbildung bleiben so Themen oft auch ziemlich abstrakt.
Das sowieso. Und noch dazu kommt, dass hier grad lauter Leute reden, die offenbar schon in ihrer Schulzeit Interesse an Geschichte hatten.

Ich hatte fast genau so lang Physik wie Geschichte in der Schule. Über Physik könnte ich heute aber nicht in Foren diskutieren. :ugly: Da hatte ich nämlich die 4er und 5er, die Kollegen halt in Geschichte hatten...

oilrumsick
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Re: Runde 235: Eskapismus

Beitrag von oilrumsick »

Stuttgarter hat geschrieben:
8. Okt 2019, 14:04
Und noch dazu kommt, dass hier grad lauter Leute reden, die offenbar schon in ihrer Schulzeit Interesse an Geschichte hatten.
Ich hab nicht viel zu der Diskussion beigetragen, möchte aber dennoch darauf hinweisen, dass ich nicht zu dieser Gruppe zähle. Ich habe mich in der Schule eigentlich nie besonders für Geschichte interessiert und ich bin mir auch ziemlich sicher, dass wir (Bayern, Abitur 2008) das Thema Kolonialisierung und Sklaverei in Europa bzw. durch Einwirkung eurpäischer Kolonialmächte nicht sonderlich intensiv besprochen haben, falls überhaupt (wie gesagt, ich hab den Geschichtsunterricht eher passiv wahrgenommen). Dennoch sind mir die ganzen Problemfelder drumherum zumindest rudimentär bekannt, wenngleich ich nicht sagen könnte woher.

Nur damit es Annekdotische Evidenz (von der ich nicht viel halte) auch aus der anderen Richtung gibt.

Grüße,
Rico

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Re: Runde 235: Eskapismus

Beitrag von xaan »

Andre Peschke hat geschrieben:
8. Okt 2019, 13:59
Die Frage wäre ja dennoch: Warum wäre von einem Anno 1800 zu fordern, dass ausgerechnet dieses Spiel hier eine Nachsorge liefern soll?
Die Forderung ist selbstverständlich Quatsch. Ubisoft bzw BlueByte dürfen das Spiel so machen wie sie wollen. Letztendlich halte ich es für falsch ,Leuten das "richtige" Wissen aufzuzwingen. (da tun sich schnell ganz andere mögliche Abgründe auf in die wir auch nicht fallen wollen).

Es reicht aus, wenn aufklärende Artikel existieren, auffindbar sind und diskutiert werden. Artikel wie der von Dom Schott.
Damit ist im ausreichend für Aufklärung gesorgt. Es muss nur leicht auffindbar/zugänglich sein...und sollte für seine aufklärerischen Wirkung gelobt werden.

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Schlagerfreund
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Re: Runde 235: Eskapismus

Beitrag von Schlagerfreund »

xaan hat geschrieben:
8. Okt 2019, 14:44
Andre Peschke hat geschrieben:
8. Okt 2019, 13:59
Die Frage wäre ja dennoch: Warum wäre von einem Anno 1800 zu fordern, dass ausgerechnet dieses Spiel hier eine Nachsorge liefern soll?
Die Forderung ist selbstverständlich Quatsch. Ubisoft bzw BlueByte dürfen das Spiel so machen wie sie wollen. Letztendlich halte ich es für falsch ,Leuten das "richtige" Wissen aufzuzwingen. (da tun sich schnell ganz andere mögliche Abgründe auf in die wir auch nicht fallen wollen).

Es reicht aus, wenn aufklärende Artikel existieren, auffindbar sind und diskutiert werden. Artikel wie der von Dom Schott.
Damit ist im ausreichend für Aufklärung gesorgt. Es muss nur leicht auffindbar/zugänglich sein...und sollte für seine aufklärerischen Wirkung gelobt werden.
Es hat doch so ziemlich niemand etwas gefordert? Es wurden Möglichkeiten genannt anders damit umzugehen, weil explizit einzelne User danach gefragt haben. Wie auch glaube ich von Jochen genannt, ist Anno halt nur ein Beispiel und man kann so Dinge schlecht nur an einem Spiel festhalten.

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Re: Runde 235: Eskapismus

Beitrag von Andre Peschke »

Schlagerfreund hat geschrieben:
8. Okt 2019, 15:22
Es hat doch so ziemlich niemand etwas gefordert?
Nunja, wenn man Anno 1800 dafür kritisiert, dass es diese Realität ausklammert, dann ist das doch implizit eine Forderung, dass Anno 1800 das nicht tun sollte? Der betreffende Artikel hatte ja nicht den Tenor "Hey, Anno 1800 muss sowas natürlich nicht darstellen, aber ich finde es wichtig, hier nochmal ein wenig Background zu liefern".

Andre

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Re: Runde 235: Eskapismus

Beitrag von xaan »

Andre Peschke hat geschrieben: Nunja, wenn man Anno 1800 dafür kritisiert, dass es diese Realität ausklammert, dann ist das doch implizit eine Forderung, dass Anno 1800 das nicht tun sollte? Der betreffende Artikel hatte ja nicht den Tenor "Hey, Anno 1800 muss sowas natürlich nicht darstellen, aber ich finde es wichtig, hier nochmal ein wenig Background zu liefern".

Andre
Ich hab' den Artikel jetzt nicht als Forderung verstanden, aber kann verstehen wenn das jemand anders wahrnimmt. Letztendlich wird es nur Dom selbst beantworten können.

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Re: Runde 235: Eskapismus

Beitrag von Andre Peschke »

xaan hat geschrieben:
8. Okt 2019, 15:46
Ich hab' den Artikel jetzt nicht als Forderung verstanden, aber kann verstehen wenn das jemand anders wahrnimmt. Letztendlich wird es nur Dom selbst beantworten können.
Ich weiß nicht... wenn die Tonlage des Artikels nicht anklagend ist, dann haben wir ein sehr unterschiedliches Textverständnis. Da ist von "Doppelmoral" die Rede, Fakten werden "geopfert", Grenzen werden überschritten, ein falsches Geschichtsbild droht sich zu formen und es (das Spiel) verdient Kritik.

Alle das zu postulieren, ohne damit auch eine Forderung zu implizieren? Erscheint mir doch unwahrscheinlich.

Andre

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