Runde #238: Der Anschlag von Halle und die Videospiele (ft. Christian Schiffer)

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Phazonis
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Re: Runde 238: Der Anschlag von Halle und die Videospiele (ft. Christian Schiffer)

Beitrag von Phazonis »

Axel hat geschrieben:
27. Okt 2019, 23:06
Andre Peschke hat geschrieben:
27. Okt 2019, 22:46
Ich glaube mich zu erinnern, dass ich aber im Podcast auch gefragt habe, ob es sowas wie einen Antisemiten gibt, der aber kein Rassist ist. Da scheinen wir beide ähnlich zu denken und evtl. ähnlich unterinformiert zu sein. ^^
Naja, Antisemitismus ist ja tausende Jahre alt und hatte besonders in Europa ab dem 16. Jahrhundert eine große Verbreitung (Martin Luther war beispielsweise ein glühender Antisemit). Rassismus dagegen kam, glaube ich, erst im 19. Jahrhundert mit der Koloniasierung so richtig auf. Also das man Experimente machte um zu "beweisen" das Menschen aus Europa besser wären als Menschen aus Afrika. Dass man also Menschen in Rassen aufteilen wollte. Geschichtlich haben beide Dinge recht unterschiedliche Hintergründe IMO. Erst mit den Diktaturen des 20. Jahrhunderts wurde beides zusammengeworfen, denn man brauchte ja Feindbilder.

Es gibt antisemitische Denkweisen unter Christen, die jedoch nicht rassistisch sind. Das wäre so ein Beispiel.
Nun das hat zumindest soweit Aufklärung gebracht, dass es nun ich zumindest ein Beispiel habe für Antisemitismus der nicht rassistisch ist, mit den Splittergruppen im Christientum die zumindest den Islam oder teilweise das Judentum ausrotten wollen, also immerhin.
Dennoch bleibt die Frage warum man da auseinander halten muss und warum ein nicht sauberes Trennen ein Problem darstellt. Besonders weil in der Moderne diese Ideologien sowieso ein Hang zueinander haben. Deswegen hängt Rassismus, Antifeminismus, "Islamkritik" immer schön zusammen, weil wenn ich es schon schaffe Leute aufgrund von Hautfarbe auszugrenzen ist der Schritt nicht weit es auch wegen Geschlecht, Religion oder anderen Dingen zu tun.

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Axel
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Re: Runde 238: Der Anschlag von Halle und die Videospiele (ft. Christian Schiffer)

Beitrag von Axel »

Soulaire hat geschrieben:
27. Okt 2019, 23:17
Antisemitismus ist eine Form von Rassismus und nahezu Wesensgleich.
Ich rede vom historischen Antisemitismus, genauer gesagt von Antijudaismus: https://de.wikipedia.org/wiki/Antijudaismus
Der erreichte zu einer Zeit seinen Höhepunkt, da war die Rassenlehre noch nicht sonderlich verbreitet. Letzteres bekam erst im 19. Jahrhundert mit der Kolonialisierung einen Aufwind. Um es kurz zu machen: Antijudaismus hat vor allem religiöse Hintergründe und wurde über Jahrtausende gelebt. Und dieser hat sich bis heute gehalten, etwa in Vorurteile oder Klischees.

Rassismus dagegen liegt der Rassenlehre zugrunde und hat erstmal gar keine religiösen Hintergrunde. Im Gegenteil, denn hier geht es ja vor allem darum, den einen Menschen aufgrund von biologischen Eigenschaften über den anderen zu stellen. Weil man früher glaubte Wesenszüge an biologischen Eigenschaften festmachen zu können. Im frühen 19. Jahrhundert gab es ja noch keine Forschung in Richtung Psychologie, letzteres entwickelte sich erst 100 Jahre später.

Mit den Diktaturen wurde dann, wie gesagt, alles zusammengeschmissen zu einem großen Klumpen widerwärtigen Menschenhass. Das heißt aber nicht, dass beides denselben Ursprung hat. Heute wird ja gerne gesagt, dass Antisemitismus und Rassismus von den Nazis erfunden wurde. Beides stimmt aber halt nicht.

Und das ist wichtig in der Bewertung: antisemitische Vorurteile haben sich schon aufgrund der enormen Historie in den Köpfen gehalten. Da muss man kein Rassist dafür sein. Ein anderes Beispiel wie langlebig sowas sein kann, wäre die schwarze Pädagogik von Johanna Haarer. Den abstrußen kinderfeindlichen Scheiß, den sie damals in der NS-Zeit in "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" geschrieben hat, hat sich bis heute in Teilen ebenfalls in den Köpfen verfestigt. Beispielsweise, dass man Kleinkinder schreien lassen sollte. Ohne das die Leute das wissen von woher das kommt, ohne das sie Nazis wären.

Solche Dinge halten sich einfach über Generationen hinweg.
„Kein Wunder also, dass wir uns den Debatten der Allgemeinheit anschließen und lieber darüber nachdenken, wer zu uns gehört und nicht, als gemeinsam über Lösungen zu streiten. Wer nicht für mich ist, ist gegen mich.“
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derkastenbutt
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Re: Runde 238: Der Anschlag von Halle und die Videospiele (ft. Christian Schiffer)

Beitrag von derkastenbutt »

Die Unterscheidung von Rassismus und Antisemitismus ist wichtig, finde ich. Mögliche historische Unterschieden wurden oben schon erläutert. Daneben gibt es IMO aber auch begriffliche Unterschiede, die im Podcast zumindest angedeutet werden. So sagt der Psychoanalytiker Sebastian Winter in der ZEIT:
Das teilt der Antisemitismus mit allen anderen Formen des Syndroms gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit: die Projektion von eigenen unerwünschten Impulsen. Das findet sich auch im Rassismus wieder, in Bildern von "faulen Griechen" oder "sexistischen Nordafrikanern". Hier geht es jedoch um eine Legitimation eigener Herrschaft, während der Antisemitismus das Gegenteil ist: Der Antisemit rebelliert vermeintlich gegen eine herrschende Klasse.
(https://www.zeit.de/gesellschaft/2018-0 ... hnlichkeit)

In dem Interview kommt auch ein bekanntes Zitat von Jean-Paul Sartre vor:
Wenn es keinen Juden gäbe, der Antisemit würde ihn erfinden.
Der der Antisemitismus dient also gewissermaßen als Sinn-Ventil, um die eigene Ohnmacht gegenüber den Auswirkungen der kapitalistischen Wirtschaftsweise deuten zu können – sowohl auf persönlicher Ebene (geringes Einkommen, Arbeitslostigkeit, geringe Rente, lange Arbeitszeiten) als auch gesellschaftlich (Weltwirtschaftskrise, Schere zwischen Arm und Reich...). Gäbe es keine Jüdinnen und Juden, würden sich Antisemit*innen also andere Menschengruppen suchen, die sie als Ursache für ihre empfundene Ohnmacht verantworlich machen. Auch die Verlagerung antisemitischer Ressentiments auf die "gierige Finanzelite" oder den Staat Israel zeigt das. Rassist*innen verlagern ihren Hass und ihre Vorurteile eher nicht auf diese Weise, denke ich. Ich denke, darum ist Antisemitismus unter Linken auch wesentlich verbreiteter als rassistische Haltungen. (Zumindest was die Zustimmung zu rassistischen vs antisemitischen Aussagen angeht.)

Die Unterscheidung zwischen Rassismus und Antisemitismus entschieden abzulehnen ist IMO selber, zumindest tendenziell, Ausdruck antisemitischen Denkens. Ich will das hier niemandem direkt unterstellen, sondern eher zu bedenken geben, weil es mir in anderen Diskussionen sowohl online als auch privat schon mehrmals begegnet ist. Da hatte ich den Eindruck, dass sich darin das Voruteil ausdrückt, Jüdinnen und Juden wollten jetzt auch noch in ihrer Diskriminierung eine Extrawurst haben...

Hier noch der Übersichtstext "Antisemitismus" von der Bundeszentrale für politische Bildung:
https://www.bpb.de/izpb/9714/antisemitismus?p=all

Und ein Erklärbär-Text der linken Jugendzeitung "Straßen aus Zucker":
https://strassenauszucker.tk/2010/05/die-sind-schuld/

Voigt
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Re: Runde 238: Der Anschlag von Halle und die Videospiele (ft. Christian Schiffer)

Beitrag von Voigt »

Man kann durchaus rassistisch sein ohne anti-semitisch zu sein (siehe imperiales Japan im 2. WK), grundsätzlich kann man auch anti-semitisch ohne rassistisch zu sein, das ist aber seltener. Da hängt es auch davon ab, ob man klassisch gegen die jüdische Religion ist, was lange die katholische Kirche war, da sie die Juden konvertieren wollte, sowie teilweise die muslimische Religion.
Oder ob man gegen das Volk der Semiten ist, was dann auch wieder stark in die rassistische Ecke geht (NS-Deutschland).

Grundsätzlich als dritten Begriff gibt es noch Anti-Zionismus, der an sich oft auch mit Anti-Semitismus einhergeht, aber nicht zwingend ist. Anti-Zionismus ist erstmal primär in der Politik und im Staatswesen verankert.

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Andre Peschke
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Re: Runde 238: Der Anschlag von Halle und die Videospiele (ft. Christian Schiffer)

Beitrag von Andre Peschke »

Glaube, das war jetzt eine echt gute Reihe von einordnenden Beiträgen - danke euch allen. Aber schaut, dass wir nicht komplett ins OT abgleiten, bitte.

Ich werfe mal was erneut in die Runde, dass ich weiter vorne schon schrieb und bei dem mich eure Meinungen interessieren würden:

Glaubt ihr, das Medium Computerspiel weist irgendeine Eigenschaft auf, die dazu führen kann, dass Spiele-Communities besonders geeignet bzw. gefährdet sind, was Internetradikalisierung angeht?

Darüber hab ich vor der Folge viel nachgedacht. Logisch ist, dass sich dort viele junge Männer tummeln - oder generell viele junge Menschen. Aber dann wäre das ganze ein rein demographisches Argument und man müsste also generell sagen: "Alle Communities in denen viele junge Menschen / Männer unterwegs sind, sind eventuell gefährdet". Um solche Zusammenhänge geht's nicht, sondern um Dinge, die sich direkt auf eine besondere Eigenschaft von Spielen zurückführen lassen.

Mir fällt wenig ein, außer vielleicht der Wettebewerbscharakter von Spielen, der Frustrationen erzeugen kann und Hirarchien ausbildet. Das habe ich an irgendeiner Stelle auch als Argument vertreten gesehen, die ich leider gerade nicht mehr finde. Da wurde ein Experte befragt... ich glaube, ein Sprachforscher o.ä., der die Sprache in Gamer-Foren untersucht hatte. Das mit der Frustration erscheint mir als Faktor einigermaßen unwahrscheinlich, da der Effekt den ein Computerspiel durch ein digitales Scheitern auslöst IMO recht bald abklingen dürfte. Da müsste dann jemand schon direkt ins Forum wechseln, während er noch auf die Tastatur einschlägt.

Das Hierarchische-Argument... weiß ich auch nicht. Das wurde in dem Beitrag an Sexismus gekoppelt ("Wir würden die Mädels ja besser behandeln, wenn sie gut spielen könnten"). Ich würde immer denken, wenn jemand sich über andere erhaben fühlt, weil er besser spielt, dann liegen bereits andere Defizite vor auf die man das Hauptaugenmerk richten sollte. Aber das ist vielleicht ein Punkt, der Diskussion lohnt - ich hätte aber viele Fragen, zB inwiefern manche Forensysteme wie Reddit nicht sogar in sich eigene Hirarchien ausbilden (Upvotes, Zugehörigkeitsdauer, Nutzerränge etc).

Mittelbar vielleicht noch die Eskapismus-Funktion von Spielen, die vielleicht überproportional viele Menschen anzieht, die mit ihrem Leben unzufrieden sind. Das ist tatsächlich - auch Eingedenk der Eskapismus-Folge in der wir Spielen hier ja eine besonders große Wirksamkeit attestiert haben - noch der Gedanke, den ich am ehesten für wahrscheinlich hielte. Das Spiele eine größere Anzahl an "verwundbaren" jungen Menschen anziehen, die in die Radikalisierungsfalle tappen können, weil sie sowieso nach Wegen suchen, ihrer derzeitigen (Gedanken-)Welt zu entfliehen.

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Voigt
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Re: Runde 238: Der Anschlag von Halle und die Videospiele (ft. Christian Schiffer)

Beitrag von Voigt »

Ich würde nich nach Eigenschaften schaun die allgemein alle Games haben (zieht Ponyhof Spiele Nazis an? Oder Tetris?), sondern bei welche Spiele genau sich Rechte Communites bevorzugt bilden.

Leider habe ich da keine Studien, würde jetzt spontan vermuten Shooter sowie WW2/Mittelalter Strategiespiele.
Wenn da jemand genaueres weiß, gerne melden.
Von der Infolage würde ich dann ausgehen und Gemeinsamkeiten suchen.

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Andre Peschke
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Re: Runde 238: Der Anschlag von Halle und die Videospiele (ft. Christian Schiffer)

Beitrag von Andre Peschke »

Voigt hat geschrieben:
28. Okt 2019, 09:48
Leider habe ich da keine Studien, würde jetzt spontan vermuten Shooter sowie WW2/Mittelalter Strategiespiele.
Ja, solange wir auch da über irgendwelche konkreten Spiele-Effekte reden. Also, wenn sich das gleiche auch bei Literatur-Communities feststellen lässt, bei denen Weltkriegsliteratur gelesen wird, dann wär's halt auch wieder kein unmittelbarer Spiele-Effekt. Heißt nicht, dass man unter solchen Gesichtspunkten nicht bei bestimmten Communities vielleicht präventiv mal hinschauen sollte. Aber mich interessiert ja, ob das Medium irgendeine Eigenart hat, die tatsächlich eine größere Aufmerksamkeit in seinem Umfeld rechtfertigen würde.

Andre

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Axel
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Re: Runde 238: Der Anschlag von Halle und die Videospiele (ft. Christian Schiffer)

Beitrag von Axel »

Andre Peschke hat geschrieben:
28. Okt 2019, 09:51
Aber mich interessiert ja, ob das Medium irgendeine Eigenart hat, die tatsächlich eine größere Aufmerksamkeit in seinem Umfeld rechtfertigen würde.
Wie sieht es denn mit Online-Spielen aus? Also mit Communities innerhalb von Spielen? Die man als Außenstehender garnicht so ohne weiteres sehen kann, ohne das entsprechende Spiel zu haben? Also wäre ich Nazi und ich würde meine Ideologie verbreiten wollen... Ich würde mich garnicht erst auf Steam oder Discord oder so aufhalten, sondern direkt in die eigentliche Communities innerhalb von Online Games gehen.

Und das ist es, was das Medium von anderen Medien unterscheidet. Jedes andere Medium konsumierst Du rein passiv. Bei Games kommt nicht nur Interaktion dazu, sondern bei Online Games auch eine sehr große soziale Komponente. Dazu eine sozialer Raum, der nicht unbedingt von außen einsehbar ist. Wäre doch ideal, oder nicht?
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Re: Runde 238: Der Anschlag von Halle und die Videospiele (ft. Christian Schiffer)

Beitrag von echtschlecht165 »

es verschwimmen halt oft auch die Grenzen in Communities.
Nicht jeder Panzerfreak ist ein Nazi oder Rechtsradikaler. Allerdings treibt man sich als Panzerfreak naturgemäß gerne in Foren mit anderen Panzerfreaks herum und spielt Games wie HoI. Dort ist die Dichte an solchen Leuten wohl höher als sonst.

Mir ist es allerdings relativ wurscht in Onlinecommunities: Wenn einer nicht offen seine Weltanschauung zur Schau stellt, kann ich mit jedem wunderbar über Panzertechnik und Panzertaktiken sprechen oder mit demjenigen zusammenspielen.
Das sind halt Zweckgemeinschaften. Ich drücke in der Arbeit auch nicht jedem meine Politik aufs Auge, und ich arbeite bestimmt mit einigen Leuten zusammen, die politisch anders denken wie ich.
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Sebastian Solidwork
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Re: Runde 238: Der Anschlag von Halle und die Videospiele (ft. Christian Schiffer)

Beitrag von Sebastian Solidwork »

Andre Peschke hat geschrieben:
28. Okt 2019, 09:40
Ich werfe mal was erneut in die Runde, dass ich weiter vorne schon schrieb und bei dem mich eure Meinungen interessieren würden:

Glaubt ihr, das Medium Computerspiel weist irgendeine Eigenschaft auf, die dazu führen kann, dass Spiele-Communities besonders geeignet bzw. gefährdet sind, was Internetradikalisierung angeht?
Ich denke am ehesten die, am direktesten mit dem Internet verknüpft zu sein. Teils in Abhängigkeit vom ihm zu stehen.
Onlinespiele gehen nur mit Internet.

Und dann seine Eigenart der Interaktivität. Man kann weit von einander weg sein und doch etwas als Gruppe tun. Gruppenaktivät steigert das Gemeinschaftsgefühl.
"Teambildung", es geht nicht (immer) um die eigentlichen Inhalte der Gesinnung, sondern um Metatätigkeiten.
Das bieten Chats verschiedener Art kaum.


Aber die Gründe für eine Radikalisierung sehe ich wo anders, im "echten Leben, soziales Umfeld, ökonomische Zustände. Etwas gegen Radikalisierung in Spiele-Gruppen zu tun, sehe ich letztlich als Symptom. Auch wenn es wichtig ist, dass hier Menschenverachtung keinen Nährboden finden.
Für mich ist Menschenverachtung eine Auswirkung von (Existenz-)angst. Wenn man Angst um sein Leben bzw. meinen Lebensniveau hat, nimmt man andere Menschen als Bedrohung war und die Hemmschwelle sinkt.
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Re: Runde 238: Der Anschlag von Halle und die Videospiele (ft. Christian Schiffer)

Beitrag von Vinter »

Ich schleppe seit einigen Tagen eine Frage mit mir herum, auf die ich noch keine Antwort kenne. Vielleicht hat ja hier jemand eine sinnvolle Idee.

Die Debatte entzündet sich ja unter anderem daran, dass vermeintlich Terror als Videospiel inszeniert wird um damit einen speziellen Teil des Gamerpublikums anzusprechen.

Aber ist die Gameifizierung des Terrors tatsächlich so ungewöhnlich in einer mehr und mehr gameifizierten Gesellschaft? Wir haben Fitnessapps, wir gameifizieren unsere Kranken- und Autoversicherungen, unser Sozialleben mit Social Media, sowie unsere Arbeit.

Inspiriert das Videospiel hier tatsächlich unmittelbar die Tat, oder nur mittelbar, weil die Sprache des Videospiels bekannter geworden ist und weil auch Twitch und Co nur in einer zunehmend gameifizierten Gesellschaft funktionieren?

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Andre Peschke
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Re: Runde 238: Der Anschlag von Halle und die Videospiele (ft. Christian Schiffer)

Beitrag von Andre Peschke »

Axel hat geschrieben:
28. Okt 2019, 10:00
Und das ist es, was das Medium von anderen Medien unterscheidet. Jedes andere Medium konsumierst Du rein passiv. Bei Games kommt nicht nur Interaktion dazu, sondern bei Online Games auch eine sehr große soziale Komponente. Dazu eine sozialer Raum, der nicht unbedingt von außen einsehbar ist. Wäre doch ideal, oder nicht?
Weiß nicht, ob das ideal ist. Höchstens im Kontext von Clans etc. Ansonsten triffst du ja ständig neue Leute. Und ich glaube nicht, dass eine Indoktrinierung durch viele Einzelkontakte möglich ist. Das braucht den steten Tropfen, der das Hirn aushöhlt. Bei Clans kann ich mir das vorstellen. Das ist dann aber auch schon wieder einen Schritt vom Medium selbst entfernt, finde ich. Bisschen wie bei Fanclubs. Hier wäre das Spiel dann auch im Grunde nur die Plattform, auf der immer wieder Kontakt aufgenommen wird. Discord wäre dann ja zb auch ähnlich.
Vinter hat geschrieben:
28. Okt 2019, 10:51
Inspiriert das Videospiel hier tatsächlich unmittelbar die Tat, oder nur mittelbar, weil die Sprache des Videospiels bekannter geworden ist und weil auch Twitch und Co nur in einer zunehmend gameifizierten Gesellschaft funktionieren?
Wie im Podcast selbst ja auch schon gesagt: Das, was wir Gameification nennen, existierte ja in Teilen schon lange vorher als Incentivierungssysteme. In den 90ern wurden schon Bücher darüber geschrieben, dass japanische Firmen ihren Mitarbeitern Boni anhand von Punktesystemen gegeben haben, die sinnvolle Detailverbesserungen im Produktionsprozess belohnten. Das Soldaten ihre Abschüsse feiern und vergleichen, ist uralt.

IMO ist hier Vorsicht geboten, dass nicht der neue Begriff Gameification einen Zusammenhang herstellt, der im Grunde nur durch einen neuen Modebegriff erst entstanden ist.

Andre

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Re: Runde 238: Der Anschlag von Halle und die Videospiele (ft. Christian Schiffer)

Beitrag von Vinter »

Hab den Cast tatsächlich noch nicht so lang gehört, stehe gerade im Wald und höre und da ist mir die Frage wieder eingefallen.

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Andre Peschke
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Re: Runde 238: Der Anschlag von Halle und die Videospiele (ft. Christian Schiffer)

Beitrag von Andre Peschke »

Vinter hat geschrieben:
28. Okt 2019, 11:00
stehe gerade im Wald
Tun wir das bei dem Thema nicht alle? ;)

Andre

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Re: Runde 238: Der Anschlag von Halle und die Videospiele (ft. Christian Schiffer)

Beitrag von Axel »

Andre Peschke hat geschrieben:
28. Okt 2019, 10:52
Hier wäre das Spiel dann auch im Grunde nur die Plattform, auf der immer wieder Kontakt aufgenommen wird. Discord wäre dann ja zb auch ähnlich.
Bei Discord hast Du aber keine Interaktivität. Und natürlich spreche ich von Clans. Das gemeinsame Spielen bietet die Basis, über die dann eine politische Indoktrinierung stattfinden kann. So arbeiten Neonazis ja ganz allgemein: Die Basis ist immer etwas harmloses. In der analogen Welt etwa, wenn Neonazis Flohmärkte mit Kleidung und Spielzeug für Kinder organisieren. Der Flohmarkt selbst ist ja erstmal harmlos, wichtig ist hier aber die ideologische Indoktrinierung. Beim Flohmarkt etwa dann der Gedanke „Die tun wenigstens was und reden nicht nur“. So konnten sich die Nazis hier im Osten Schritt für Schritt in den 90ern starke Strukturen aufbauen.

Wenn ich aber als Neonazi auch Kinder und Jugendliche rekrutieren will bzw. mit der Ideologie erstmal vertraut machen will, muss ich ja dahin wo diese sich aufhalten. Das ist heute nicht mehr der Jugendclub, sondern das Online Game.

Man müsste mal so einen Selbstversuch starten: Sich in einem beliebten Online Spiel, bspw. Call of Duty, als 15 Jähriger ausgeben. Im Chat hier und da mal frustrierte und bereits latent ausländerfeindliche Sätze fallen lassen (bsp. „Mein Vater ist arbeitslos geworden. Jetzt hat einer dieser scheiß Flüchtlinge seinen Job“). Und dann mal abwarten, ob es Leute gibt, die dir sagen, dass sie Dich verstehen und wenn Du mal mehr reden willst, komm in den Clan XY.
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Re: Runde 238: Der Anschlag von Halle und die Videospiele (ft. Christian Schiffer)

Beitrag von Voigt »

Die Frage ist dann bloß: Wollen die Leute den 15. Jährigen im Clan haben weil die als Nazis die rekrutieren wollen, oder wollen die dich in den Clan aufnehmen um Zugang zu haben die das rechte Gedankengut auszutreiben.

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Andre Peschke
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Re: Runde 238: Der Anschlag von Halle und die Videospiele (ft. Christian Schiffer)

Beitrag von Andre Peschke »

Axel hat geschrieben:
28. Okt 2019, 11:13
Bei Discord hast Du aber keine Interaktivität.
Welche Rolle spielt die denn, deiner Meinung nach? Inwiefern begünstigt die Interaktivität eine Radikalisierung?

Andre

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Axel
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Re: Runde 238: Der Anschlag von Halle und die Videospiele (ft. Christian Schiffer)

Beitrag von Axel »

Andre Peschke hat geschrieben:
28. Okt 2019, 11:44
Axel hat geschrieben:
28. Okt 2019, 11:13
Bei Discord hast Du aber keine Interaktivität.
Welche Rolle spielt die denn, deiner Meinung nach? Inwiefern begünstigt die Interaktivität eine Radikalisierung?

Andre
Habe ich ja oben geschrieben: Das gemeinsame Spielen, besonders wenn es wiederholend geschieht, kann als Basis dienen um an die Jugendlichen heranzukommen.
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Re: Runde 238: Der Anschlag von Halle und die Videospiele (ft. Christian Schiffer)

Beitrag von Sebastian Solidwork »

Andre Peschke hat geschrieben:
28. Okt 2019, 11:44
Axel hat geschrieben:
28. Okt 2019, 11:13
Bei Discord hast Du aber keine Interaktivität.
Welche Rolle spielt die denn, deiner Meinung nach? Inwiefern begünstigt die Interaktivität eine Radikalisierung?

Andre
@Andre und Axel, vielleicht das was ich weiter oben auch schrieb?
Sebastian Solidwork hat geschrieben:
28. Okt 2019, 10:40
Ich denke am ehesten die, am direktesten mit dem Internet verknüpft zu sein. Teils in Abhängigkeit vom ihm zu stehen.
Onlinespiele gehen nur mit Internet.

Und dann seine Eigenart der Interaktivität. Man kann weit von einander weg sein und doch etwas als Gruppe tun. Gruppenaktivät steigert das Gemeinschaftsgefühl.
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Re: Runde 238: Der Anschlag von Halle und die Videospiele (ft. Christian Schiffer)

Beitrag von Andre Peschke »

Axel hat geschrieben:
28. Okt 2019, 11:54
Habe ich ja oben geschrieben: Das gemeinsame Spielen, besonders wenn es wiederholend geschieht, kann als Basis dienen um an die Jugendlichen heranzukommen.
Wir reden da aneinander vorbei. Was du schreibst ist schon richtig, aber das man in dem Umfeld vielleicht gut wildern kann, war für mich schon lange abghakt. "Wer junge Menschen zugunsten seiner Ideologie manipulieren will, sucht sich ein Umfeld mit vielen jungen Menschen und versucht dann dort eine Bindung zu ihnen aufzubauen" ist ja keine neu Erkenntnis.

Der Verdacht, der in manachen Kommentarspalten ein wenig herumwaberte war aber, dass Spieler irgendwie anfälliger dafür wären, das die Stimmung in den Gaming-Communities irgendwie empfänglicher wäre oder das "die Spiele irgendwas mit den Menschen machen"...

Ein (nicht besonders helles) Beispiel, das mir im Sinn geblieben ist: "Spiele lassen den Spieler immer wieder in die Rolle des Kriegers schlüpfen, der seine Heimat vor Invasoren schützen muss. Da werden die gedanklichen Grundlagen gelegt!". Das habe ich - hier paraphrasiert - als Meinung gelesen.

Das nur zur Veranschaulichung - halte ich für Unfug. Aber meine Frage war: Leisten Spiele an sich irgendeinen Beitrag, haben sie irgendein Merkmal, dass Menschen entweder leichter radikalisierbar macht oder überproportional viele Menschen anzieht, die leichter radikalisierbar sind, als die Norm in ihrer Altersgruppe?

Wenn nicht, haben Spiele wohl an und für sich nix damit zu tun und man kann das ad acta legen.

Andre

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